
Band 1 · Aufbruch in die Anden · März bis Juli 2022
„Deine innere Stimme zu hören
ist eine Frage Deiner Achtsamkeit,
ihr zu folgen eine Frage
Deines Mutes.
13. März 2022
Schwierig für mich, wie fängt man einen Blog an?
Geboren in einer Zeit und einem Land, das sehr enge Grenzen setzte, habe ich erst mit 18 Jahren die Reisefreiheit so wirklich erfahren können. Zuvor nur in den sozialistischen Bruderstaaten mit dem Rucksack unterwegs, war das Jahr 1989 für mich sehr einschneidend. Plötzlich stand mir die Welt offen und man hatte ja so viele Ziele, die so unerreichbar schienen und nun in greifbare Nähe rückten.
Als Neunjährige bekam ich ein Buch über die Sherpas im Himalaya geschenkt und ich habe es bis zur letzten Zeile verschlungen. Von der Schönheit, der Ruhe und der Erhabenheit dieser Berge wurde ich infiziert. Also las ich alles, was ich in die Hände bekommen konnte, übers Bergsteigen. Sogar in Leipzig lebt ein Bergsteiger, der sich nach Grenzöffnung auf den Weg zu den 8000ern machte.
Und dann passiert einfach das Leben… Studium, Beruf, Partner und Kinder, die Träume und Ziele wurden kleiner und überschaubarer. Aber tief in meinem Herzen hab' ich alles bewahrt und in stillen Momenten weitergeträumt.
Ab 2017 hatte das Leben plötzlich andere Pläne für mich, die Kinder waren fast erwachsen und ich hatte wieder viel Zeit. Also entschloss ich mich 2019 allein 6 Wochen nach Nepal zu reisen. Wiedergekommen mit einem Rucksack voller wunderbarer Eindrücke aus dem Himalaya habe ich postwendend die Entscheidung einer Wiederkehr im nächsten Jahr getroffen. 2020 ging es mit Dr. Olaf Rieck, dem Leipziger Bergsteiger, dessen Unternehmungen ich immer verfolgte, in den Khumbu auf den Nirekha (6169 m).
In dieser Zeit reifte auch der Gedanke nach einer längeren Auszeit und der Wunsch, zu dem für mich schönsten Berg der Welt – den Alpamayo – und nach Patagonien zum Fitz Roy zu reisen. Nun ist es soweit – mein Sabbatical beginnt am 9. April und bis zum Jahresende 2022 werde ich in der Welt unterwegs sein.
So vielfältig ich interessiert bin, so vielfältig sieht auch mein Reiseprogramm aus … Ideen kamen und gingen… und ein grober Plan steht. Damit auch die Idee, Freunde und Familie auf dem Laufenden zu halten, wenn ich am anderen Ende der Welt bin – mein Blog wurde geboren. Nicht wirklich Ahnung, wie so etwas funktioniert, starte ich und hoffe, Euch nicht zu langweilen 😊
20. März 2022
Wie füllt man 9 freie Monate mit Erlebnissen und Erinnerungen?
Eine Idee, wohin ich überall wollte, hatte ich ja bereits. Das ging über Rückkehr nach Nepal und Tibet, mit dem Fahrrad und Zelt von Kapstadt bis zu den Victoriafalls oder auf dem Carretera Austral von Santiago nach Patagonien, einmal quer durch Südamerika und die Anden zum Alpamayo trekken oder nach Pakistan den Concordiatreck laufen. Letzterer beginnt mit der legendären Märchenwiese und dem Blick auf die gewaltigen Eisflanken des Nanga Parbats, danach führt er zu einer der großartigsten Hochgebirgsarenen weltweit. Über den Baltoro-Gletscher läuft man ins Zentrum des Karakorums, wo die wildesten und spektakulärsten Berge stehen: Trango-Türme, Masherbrum, Gasherbrums, Broad Peak – und natürlich der Berg der Berge: der K2 mit 8611 m Höhe. Ganz meine Welt.
Dann stellte ich fest, dass die Zeit niemals für alles reichen wird…
Die endgültige Zustimmung meines Arbeitgebers lag seit Ende Oktober 2021 schwarz auf weiß vor. Also es sollte tatsächlich wahr werden… Bis dahin hatte ich immer die Schere im Kopf, dass es doch nicht genehmigt wird. Corona schlug wieder zu, und obwohl ich davor keine Angst habe, kann und wird es mir die gesamte Zeit wie ein Schatten folgen.
Ich musste mich langsam entscheiden und Prioritäten setzen. Doch es kam erstmal lange nichts. Irgendwie traute ich mich nicht, Tatsachen zu schaffen. Radfahren wurde zugunsten der Berge abgewählt. Das kann ich später immer noch machen, wenn ich nicht mehr ganz so fit bin. Über Weihnachten dann die wirklich wichtigen Recherchen.
Meine Idee, von Argentinien über Chile, Bolivien, Peru nach Ecuador zu trekken, nahm immer mehr Gestalt an. Ich schrieb verschiedene Bergführer an, um an Informationen zu kommen oder ggf. mich unterwegs einer Gruppe anschließen zu können. Checkte Flug- und Busverbindungen, Übernachtungsmöglichkeiten, Ausstattungsnotwendigkeiten. Nebenbei begann ich, intensiver über eine App Spanisch zu lernen. Aber irgendwie passte alles nicht wirklich gut zusammen. Leicht genervt ließ ich wieder 2 Wochen ins Land gehen.
Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und buchte den Hinflug nach Buenos Aires für Anfang April und den Rückflug von Quito im August. Im Sommer werde ich für eineinhalb Monate nach Europa zurückkehren. Und musste mir eingestehen, dass ich dringend einen Intensivsprachkurs brauchte, weil das App-Spanisch-Lernen nicht für mich funktioniert.
Weiterhin hatte ich ja einige Berge in den Anden im Auge, die ich zumindest erwandern wollte, bestenfalls natürlich auch besteigen. Also machte ich mich über Schwierigkeiten der Aufstiege und notwendige Permits kundig. Dann checkt man die eigenen Fähigkeiten und kommt ins Zweifeln, ob man das wirklich kann. Am Ende siegte der Wunsch, und ich fragte bei einer Expedition an, ob sie mich mit meinen bisherigen Erfahrungen mitnehmen würden.
Seit Anfang März 2022 habe ich das Go für den Alpamayo (5947 m), Quitaraju (6036 m) und den Huascarán (6768 m). Damit ist die bisherige Route auf den Kopf gestellt, und nun muss ich den ersten Teil meines Sabbatical um diese Expedition im Juni herum planen…
15. April 2022
Irgendwie geht's immer noch nicht so richtig vorwärts… eigentlich wollte ich schon vor einer Woche etwas schreiben, aber dann kam alles auf einmal … das Chaos liebt mich.
Seit Montag weiß ich, dass mein geplanter Farmstay in der Nähe von Cordoba auf der Organic Farm ins Wasser fällt – die Eigentümer müssen infolge eines familiären Notfalls außer Landes gehen. Wieder eine neue Herausforderung, es gilt eine neue Farm zu finden – sind ja noch fast 3 Wochen bis dahin. Man wächst mit seinen Aufgaben.
Zumindest die ersten 14 Tage sind fest, ich werde in Buenos Aires bleiben und einen Intensiv-Spanischkurs belegen. Parallel dazu steht ein Salsakurs auf dem Programm. Unterkunft habe ich bei Mrs. Nazar, einer Yoga-Lehrerin, im zentralen Stadtteil Palermo gefunden. Bis zum Kursgebäude sind es knappe 30 Minuten zu Fuß.
Nach dem eigentlich an den Sprachkurs anschließenden Farmstay in Argentinien steht die erste Expedition in Peru an. Von Córdoba geht es nach Lima. Dort treffe ich auf 5 weitere Bergsteiger und es geht in die Anden. Inzwischen hatte ich auch Zeit, die anvisierten Routen etwas genauer zu checken. Da kommt einiges auf mich zu.
Innerhalb von 20 Tagen sollte es geschafft sein und auf dem Rückweg bleiben noch 2 Tage für Lima. Anschließend geht's wieder etwas südlicher nach Cusco. Ohne die Inka-Stätten gesehen zu haben, sollte man Peru nicht verlassen.
Weiter wird es nach Ecuador gehen – dort will ich zumindest auf den Chimborazo und Cotopaxi steigen. Nach den Bergen fahre ich dann an die Küste in der Nähe von Guayaquil zum Surfen und wieder etwas arbeiten auf einer Meeresstation. Damit sind dann schon 4 Monate um…
19. April 2022
Nun ist es also soweit… seit Mitte März gehe ich gefühlt auf Abschiedstour – angefangen mit meinen ehemaligen Kollegen von BJP – mehr als 13 Jahre ist es her, dass wir gemeinsam die eine oder andere Baustelle gemeistert haben, über meine Vorstandskollegen von den Diabetes Kids, ehemalige Kollegen von der DB E&C, aktuelle Kollegen, Mitarbeiter bis zu meinem Freundeskreis – viele davon in mehrfacher Nennung. Es tut gut, Euch zu haben und mit so vielen guten Wünschen auf die Reise gehen zu können.
Die Familie hat sich natürlich auch noch einmal komplett versammelt. Immer wieder höre ich die Bedenken heraus, weil ich mich allein auf den Weg mache oder dass ich nicht wiederkommen könnte. Ich teile diese überhaupt nicht. Bei Reisebekanntschaften habe ich immer auf mein Bauchgefühl vertraut und lag bisher richtig. Warum sollte es diesmal anders sein? Einzig Olafs mahnende Worte, meiner Intuition bei der Franzosenroute am Alpamayo zu folgen, lassen mich aufhorchen. Habe mich zu einem Versprechen hinreißen lassen. Wenn ich ehrlich bin, würde ich es am liebsten mit ihm angehen, nur er hat mein vollstes Vertrauen.
Gestern war es dann soweit. Nach einer sehr kurzen und halb durchwachten Nacht – die Aufregung setzt auch bei mir irgendwann ein – haben mich Martin und Franzi zum Zug nach Frankfurt gebracht. Bin so stolz auf meine beiden – sie lassen mich einfach ziehen, obwohl es ihnen sichtlich schwer fällt. Stelle immer wieder fest, wie reichlich ich durch sie beschenkt bin und bin unendlich dankbar dafür.
Der Flug über Madrid nach Buenos Aires ist trotz der Länge recht angenehm – ich habe eine ganze Sitzreihe für mich. Damit sind die 12h über Nacht fast wie zu Hause im Bett. Ich kann halt in jeder Lebenslage schlafen. Der Sonnenaufgang durchs Kabinenfenster ist dann einfach sensationell. Die Einreiseformalitäten gestalten sich sichtlich einfach, weder PCR-Test noch Impfstatus oder QR-Einreisecode werden kontrolliert. Da war die Dame am Check-In doch etwas gründlicher. Gegen 9:30 Uhr Ortszeit bin ich in Palermo bei meiner Vermieterin. Mrs. Silvia Peirano Nazar ist ausgesprochen herzlich und liebenswert. Nur wir beide haben ein großes Problem – sie kann kein Englisch und ich noch kein Spanisch. Aber mit dem Google-Übersetzer sowie unseren Händen bekommen wir es hin. Nach zwei Tassen Kaffee und viel Gestikulieren werde ich zum Abschied – will noch ein bisschen die Gegend erkunden – zum ersten und nicht letzten Mal geknuddelt. Dieses Land ist jetzt schon bezaubernd.
Auf der Suche nach meiner Schule, Lebensmittel für die ersten Tage sowie einer SIM-Karte begegnen mir wiederum nur sympathische und aufgeschlossene Menschen. Wie schon durch die Reiseliteratur vorgewarnt, spricht hier kaum jemand Englisch, noch nicht mal die jungen Leute auf der Straße. Das wird mir dann auch zum Verhängnis, da es nicht an jeder Ecke free WIFI gibt. Aber die Menschen sind äußerst hilfsbereit und teilen ihr Datenvolumen oder den online-Übersetzer mit mir. SIM-Karten scheinen hier Mangelware zu sein, erst nach etlichen Kilometern hat der 7. Shop und mit dem zugegeben attraktivsten Verkäufer eine für mich. Einige Läden früher vorgewarnt, dass ich nur eine aktivierte Karte kaufen sollte, weil das Prozedere schwierig ist, machte ich wohl einen verzweifelten Eindruck, als es diese nicht war. Zu meiner Erleichterung und gegen einen Augenaufschlag hat er mir alles auch noch aktiviert. Allerdings kann man diese nur in Apotheken aufladen! Also wieder los – so kenne ich nun halb Buenos Aires fußläufig.
25. April 2022
Nun ist schon die erste Schulwoche vorbei und ich habe mich ganz tapfer geschlagen. Es ist doch recht ungewohnt, abends nochmal Vokabeln zu lernen. Die Grammatik ist einfach und ich kann mich schon in 3 Zeitformen verständigen – wenn ich sprechen würde… Verstehen geht echt super, lesen auch. Naja und der Rest kommt noch, sagen unsere Lehrer. Am Freitag dann schon mal die erste Zwischenprüfung – wie schrieb mein Großer so treffend „… solche Interviews kenn ich noch aus meiner Schulzeit, hab ich auch immer total geil gefunden…“ ja, so fühlt es sich an 🙂
Wenn ich nachmittags keinen Unterricht habe, ziehen wir durch die Stadt. Das Transportsystem der Stadt ist trotz hohem Verkehr äußerst schnell – 6 U-Bahnlinien (Subte) und endlose Busse bewegen 13 Mio Einwohner. Alles läuft über aufladbare Karten und wenn man keine hat, wird man trotzdem mitgenommen. Einfach am Straßenrand winken und los gehts – im 10 min Takt. Die Preise sind für Europäer sehr moderat, für 18 Pesos (0,09ct) pro Station mit dem Bus oder für 40 Pesos einmal Subte, solange wie man will.
Als erstes habe ich mich auf den Weg zum Cementerio de la Recoleta gemacht. Ein wunderschöner Ort im Herzen Buenos Aires. Angelegt durch Próspero Catalin Mitte des 19. Jhd. und von J.A. Buschiazzo neoklassizistisch umgestaltet. Viele reiche Familien ließen sich prächtige Mausoleen bauen. Sie zeugen noch heute vom irdischen Ruhm der Verstorbenen. Bekannte Persönlichkeiten fanden hier die letzte Ruhe – die Umstrittenste ist Eva Perón. Neben dem ersten demokratischen Präsidenten Argentiniens – Raúl Alfonsín sind auch bekannte Dichter, Schriftsteller, Politiker wie auch einer der erfolgreichsten Rennfahrer Argentiniens Carlos Menditeguy zu finden. Viele Grabmäler haben die Zeit nicht gut überstanden. Aber es ist angenehm, durch die Reihen zu schlendern und ein wenig Geschichte zu schnuppern.
Am Mittwoch gab es dann die erste Tanzstunde. Wir waren eine überschaubare Gruppe, haben die Schritte schnell gelernt und nun wird am Wochenende und nächste Woche im Park getanzt. Etwas ungewöhnlich, aber sehr lustig. Man trifft auf so verschiedene Menschen, aber Tanzen verbindet trotz Sprachbarrieren und Sergio ist ein hervorragender Trainer.
Die nächste Station der Woche war eine Museumstour zum Museo Nacional de Arte Decorativo und zum Museo Nacional de Bellas Artes. Das erstere ist im ehemaligen Palacio Errazuriz untergebracht. Gebaut zur Jahrhundertwende, entworfen wie viele Gebäude in Buenos Aires von einem französischen Architekten, birgt es Schätze wie Skulpturen von Auguste Rodin oder Gemälde von Édouard Manet.
Weiter im Museo de Bellas Artes findet man die wichtigste Kunstsammlung Lateinamerikas. Von Mittelalter bis ins 20. Jhd. sind viele bedeutende Maler vertreten, ein großer Teil ist Auguste Rodin gewidmet. Das trifft ganz meinen Geschmack, ich liebe seine Skulpturen – hier die Schönste von allen – Der Kuss. Auch die zeitgenössische argentinische Kunst hat hier ihren Platz.
Nach so viel Kultur musste dann etwas Abwechslung sein – fast in Sichtweite befindet sich das Centro Cultural Recoleta. Hier ist die junge argentinische Kultur zu finden – dieses Mal in Verbindung mit einer Konzertwoche. Also haben wir mit ein paar kühlen Getränken den Abend bei Musik ausklingen lassen.
26. April 2022
Das Wochenende startete am Freitagabend mit einer geführten Tour zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten. Buenos Aires hat einiges zu bieten. Die Stadt wurde zweimal gegründet – zum ersten Mal 1536 durch den Konquistator Pedro de Mendoza am natürlichen Hafengelände des Rio de la Plata. Allerdings konnte sich die Siedlung nicht halten, 1541 setzten die Querandi-Indianer den Spaniern ein Ende. 1580 versuchte sich Juan de Garay ein weiteres Mal. Diesmal erfolgreich, wenn auch die Stadt lange Zeit trotz der Hafenanbindung nicht über eine Barackensiedlung hinaus kam. Der Aufschwung setzte erst mit Beginn des 18. Jhd., begründet durch den Schmuggel, ein. Die Stadt entwickelte sich zu dem Handelszentrum Südamerikas. 1816 wurde die spanische Kolonialverwaltung abgeschafft und es folgte die Unabhängigkeit. Es öffnete sich das Tor für ca. 1 Million Einwanderer aus aller Welt zwischen 1857 und 1898. Diese brachten natürlich auch ihre Kultur mit.
Das Stadtbild ist geprägt durch prächtige Villen nach französischem Vorbild. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schwappte der Jugendstil nach Argentinien. Die breiteste Straße – immerhin 145 m – die Avenida 9 de Julio entsteht. Argentinien blüht auf, doch mit dem Sturz der Regierung von Juan Perón 1955 setzte der Wandel ein. Politische Unsicherheit, Militärdiktatur und wirtschaftlicher Wandel wie zuletzt noch die Pandemie sorgen für den Abschwung. Die Schattenseiten sind nicht zu übersehen und neben den prächtigen Gebäuden gibt es viele verfallene Viertel. Heute liegt die Inflation bei 60-65% und sie steigt weiter, die Armut pendelt sich bei ca. 50% ein, d. h. die Hälfte der Bevölkerung lebt von Sozialhilfe. Argentinien hat ein dem deutschen ähnliches Sozialhilfesystem. Aber im Gegensatz zu uns gibt es tatsächlich keine Jobs. Inzwischen wandert die gut ausgebildete Jugend gen Amerika aus, die Zurückgebliebenen versuchen, ihre Pesos zum Blue-Kurs in eine starke Währung – Dollar – zu tauschen. Woher ich das alles weiß? Die gebuchte englischsprachige Kleingruppentour bestand am Ende nur aus mir und dem argentinischen Guide Juan Manuel – er sprach deutsch. Beim Bier am Ende des Abends im Partyviertel Palermo Soho auf dem Plaza Serrano haben wir bis spät diskutiert …
Leider hat meine Kamera vorerst ihren Dienst versagt, sodass nur wenige Handybilder entstanden sind.
Die besagten Schattenseiten zeigen sich offensichtlich mehr am Tage. Auf dem Weg zu meiner Schule laufe ich an mehreren Schlafstädten von Obdachlosen vorbei, sogar Mütter mit ihren Kleinkindern leben in der Einkaufsmeile. Vermehrt sowohl nachts als auch tags sind die Cartoneros, Kartonsammler, unterwegs. Ihre Zahl soll zwischen 40.000 und 100.000 liegen. Sie nehmen auf ihren hochgestapelten Handwagen alles mit, was halbwegs verwertbar ist, bringen es zu den Verwertungsstellen in den Vororten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Doch nun zu den schönen Seiten der Stadt. Der Samstag war geprägt durch eine Tour durch das Einwanderviertel La Boca. Boca heißt im Spanischen Mund – es ist die Mündung des Rio de la Plata gemeint. Die ersten Immigranten landeten hier an und da das Hinterland – die Pampa – nicht wie in Nordamerika noch zu okkupieren war, weil in Argentinien das Land bewirtschaftet wurde, blieben die Ankommenden im Bereich des alten Hafens und versuchten dort Arbeit zu finden. Die bunten Häuser entstanden, weil die Arbeiter die Restfarbe von der Arbeit im Hafen mit nach Hause nahmen, um ihr Heim instand zu halten. Meist reichte es nicht, um ein Haus komplett zu streichen. Berühmt für La Boca sind Diego Maradona mit seinem ersten Club Boca Juniors und der bekannten Station La Bombonera – die Pralinenschachtel – und Benito Quinquela Martin, einem der bedeutendsten argentinischen Impressionisten, der die Hafenarbeiter auf seinen Bildern verewigte. Nachdem er weltweit bekannt wurde, sorgte er für die Kinder des Viertels. Er gründete eine Schule und sie erhielten neben der Allgemeinbildung auch kostenfrei Kunstunterricht. Er sorgte auch dafür, dass sich im Viertel Künstler ansiedelten und dass sich das
Flair vom Arbeiterviertel zur Kunstszene wandelte. El Caminito – der kleine Weg – ist am Wochenende die Kunstmeile der Stadt.
Eine weitere Attraktion sind die vielen Tangolokale sowie das Theater La Ribera. Trotz vieler Touristen schlendert es sich gut durch die Gassen und wenn ich nicht eine Gepäckbegrenzung für meine Weiterreise hätte, wäre das ein oder andere Gemälde mit nach Hause gereist…
Was macht man nach La Boca? Klar, die Füße ausruhen und einen Kaffee trinken. Das geht am besten im ältesten Tango-Café der Stadt, dem Café Tortoni. Der Charme des ausgehenden 19. Jhd. verströmt es immer noch und man muss schon etwas warten, um platziert zu werden. Aber die Alfajores – vor allem die Schokolierten – sind das Warten wert.
Vom Café Tortoni bis zum Plaza de Mayo ist es nicht weit. Also geht's noch mal bei Tageslicht dahin. Aufgrund der politischen Lage des Landes und der diversen Konflikte sind am Samstag mehrere Demos in der Stadt. So laufe ich einer dieser über den Weg. Nicht weit davon entfernt dann auch noch in ein Kulturfestival.
27. April 2022
Tja, so wie der Samstag dann auch der Sonntag. Wir, Elizete und Brenta aus Brasilien, Natalie aus der Schweiz sowie Juliana, eine Lehrerin der Schule und ich hatten uns für den Flohmarkt in San Telmo um 12:00 Uhr verabredet. Da ich nun in Südamerika bin, muss ich mich erst an die späten Zeiten gewöhnen. Mein Unterricht startet um 9:30 Uhr und ich als Frühaufsteher nutze daher schon mal früh die Zeit zum Vokabeln lernen. Nach 7:30 Uhr hält mich tatsächlich nichts mehr im Bett. Aber joggen wollte ich hier noch nicht gehen, das geht auf der Farm im Anschluss sicher besser. Also habe ich die Zeit vor unserem Treffen genutzt und bin noch mal zur Puente de la Mujer gelaufen. Dabei habe ich noch einige andere hübsche Plätze gefunden.
Um 12 Uhr ging's dann ins Getümmel – der Flohmarkt zieht sich durch das gesamte Viertel – vom Plaza de Mayo bis zum Plaza Dorrego. Hunderte Händler – von Antiquitäten bis Spittel ist fast alles zu haben. Wir zwängen uns durch die Massen, es sind nicht nur Touristen unterwegs. In San Telmo gibt es auch einiges zu sehen – die Basílica de San Francisco aus dem 18. Jhd., die Basílica Nuestra Señora del Rosario de la Defensa mit dem Grab des Politikers Manuel Belgrano, der Galeria Solar de French und die Galeria de la Defensa und nicht zu vergessen das Casa Minima – das schmalste Haus (auch Wursthaus genannt) von Buenos Aires.
Naja nach gut zwei Stunden war fast alles gesehen und wir haben in einem der Cafés noch einen Kaffee getrunken. Ich hatte leichten Zeitdruck, da ich am Tag zuvor noch eine Karte zur Besichtigung für das Teatro Colón um 15:00 Uhr ergattern konnte. Leider gibt es keine Konzerte für die Dauer meines Aufenthaltes in Buenos Aires. Man sollte sich das Teatro wirklich nicht entgehen lassen, selbst Jonas Kaufmann – einer der besten Tenöre dieser Welt – hat das Teatro Colón für seine Akustik zu seinem bevorzugten Opernhaus erklärt. Also wieder einmal quer durch die Stadt. Und wie schon am Freitag hatte ich überraschenderweise die englischsprachige Führung fast für mich allein, etwas später kam noch ein Paar aus New York dazu.
Das Teatro wurde von 1889 bis 1908 von den Architekten Francesco Tamburini, Angelo Ferrari, Victor Meano und Julio Dormal entworfen. Zur Eröffnung wurde Verdis Aida gegeben. Zum Ensemble gehören 2 A-Orchester – das Philharmonische und das Opernorchester sowie ein eigenes Nachwuchsorchester. Neben einem Ballettensemble gibt es einen Chor, Kinderchor sowie ein Statisten-Ensemble. Das Haus verfügt über sehr umfangreiche Werkstätten, die in 3 Etagen unter dem Theater zu finden sind. Der Fundus umfasst ca. 5.000 Kostüme und ca. 10.000 Paar Schuhe.
Was soll ich sagen, gern hätte ich dort auch eine Oper oder ein Konzert erlebt…
29. April 2022
Nun ist die zweite Woche fast zu Ende und ich habe den nächsten Level erreicht. Es geht doch schneller als erwartet, viele Vokabeln sind dem Lateinischen und Englischen entlehnt. Das Verstehen wird immer besser, selbst in der Zahlenwelt komme ich langsam an. Es ist schon schwierig, bei dem vorherrschenden Dialekt der Verkäufer die Sechs- von der Siebenhundert zu unterscheiden. Allein meine Vermieterin spricht so schnell und unverständlich, dass ich immer noch den Online-Übersetzer nutzen muss.
Meine neue Klasse ist gewachsen, statt Jill aus Rotterdam und Matthew aus Montana haben wir 2 Brasilianer – Cleidson und Franklin aus Rio, Bryan aus London und Carmen aus Lausanne dazu gewonnen. Bei Cleidson muss man aufpassen, dass man nicht ständig in seiner Insta-Story erscheint. Er ist Influencer und hat das Handy ständig am Anschlag. Und lässt schon mal einen Tag den Unterricht ausfallen. Man sieht dann Bilder aus Cordoba von ihm. 🙂 Rosana und Gabriel sind ausgezeichnete Lehrer. Gabriel gibt mir am Nachmittag Einzelunterricht und fordert mich ständig heraus. Das führt dazu, dass ich tatsächlich Spanisch spreche – nach gut 1,5 Wochen! Aber es macht richtig Spaß.
Den späten Montagnachmittag nutze ich wieder für einen Museumsbesuch. Schließlich steht hier noch das MALBA – Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires. Hier gibt es u. a. das Selbstporträt von Frida Kahlo und Werke von Diego Rivera sowie weiteren Künstlern der südamerikanischen Avantgarde wie Antonio Berni oder Robert Matta. Derzeit ist u. a. die Wechselausstellung „Yente Del Prete Vida venturosa“ zu sehen – wunderbar. Ich bin echt dankbar, dass ich hier sein darf und das alles genießen kann.
Anschließend nutze ich den restlichen Abend noch für einen Besuch der El Ateneo Buchhandlung – vom Guardian zur zweitschönsten Buchhandlung der Welt gewählt. Und was soll ich sagen – bin hingerissen. Das Gebäude war ursprünglich ein Theater und wurde 1919 eröffnet. Ende der 20er wurde es in ein Kino umgewandelt. 2000 erfolgte dann unter Leitung des Architekten Fernando Manzone der Umbau als Buchhandlung. In den ehemaligen Logen darf man sich zum Lesen auf sehr bequeme Sessel zurückziehen, ehe man das Buch kauft oder auch nicht. Der ehemalige Bühnenraum ist nun ein gutbesuchtes Café.
Also stand ich da und versuchte mein Glück mit einem Selfie. Ab und zu möchte ich ja schon auf meinen Bildern zu sehen sein. Muss aber anscheinend ziemlich schlecht gewirkt haben, denn ein attraktiver Mann kam auf mich zu und bot sich an, mich ordentlich abzulichten. Da sagt Frau nicht nein. Wir kamen ins Gespräch, da mein Spanisch auf seine Ansprache offenbarte, dass ich Tourist bin. Es stellte sich heraus, dass es einer der Eigentümer – Ricardo Grüneisen – war, der sich Zeit für mich nahm und mir eine Privatführung anbot. Wie genial! Stolz berichtete er von diesem Projekt und der schwierigen Zeit der Pandemie – Argentinien hatte den zweitlängsten Lockdown der Welt – sowie seiner Arbeit für die Kunstszene in Buenos Aires. Er ist u. a. auch einer der Förderer des MALBA. Und wie das Glück so spielt, der Name lässt es ahnen, sein Großvater war Schweizer. So hatte er auch etwas von der Führung, denn er konnte mal wieder die Konversation in Deutsch (phasenweise) führen. Die Menschen hier sind einfach liebenswert.
Der Rest der Woche war dem Spanischlernen gewidmet, okay Tanzen im Park war ich auch und einen sehr unterhaltsamen Weinabend in Palermo Soho mit meinen Studienkollegen hab ich mir auch nicht entgehen lassen. Die Sprachschule ist bei Brasilianern sehr beliebt und sie haben mich ganz schnell in ihren Kreis integriert. Allerdings ist das auch schwierig, denn sie bringen Portugiesisch und Spanisch durcheinander. So kommunizieren wir inzwischen in 3 Sprachen, da es für eine umfassende Konversation auch dem Englischen bedarf. Wenn ich im Oktober ggf. wieder nach Südamerika komme, darf ich in halb Brasilien Station machen.
2. Mai 2022
Unser letzter Schultag am Freitag fand im Café Tortoni statt. Das war echt witzig, da unser Thema im Buch die Café-Traditionen behandelte. Wir hatten nochmal viel Spaß – auch der Kellner mit uns. Aber irgendwie bekam jeder sein Frühstück, so wie er wollte. Rosana war ja auch noch da.
Samstag war wieder Zeit für einen Abschied – von Buenos Aires und meiner Silvia. Wir haben trotz der kurzen Zeit und dem Wenigen an gemeinsamer Sprache eine Verbindung aufbauen können und es fällt mir schon schwer, weiter zu ziehen. Meine Sachen sind schnell gepackt, allerdings bekomme ich noch ein paar selbst gestrickte Handschuhe zum Abschied geschenkt. Es wird ja sehr kalt in den Bergen, meint Silvia, nachdem ich ihr von meinen Vorhaben erzählt habe. Wie süß – dass ich die Daunenhandschuhe im Rucksack habe, habe ich natürlich nicht verraten. Leider habe ich es verpasst, noch ein Foto von uns zu machen, so bleibt nur ein etwas verwackeltes gemeinsames Selfie von uns.
Ein bisschen mulmig ist mir schon, ob alles so klappt, wie gedacht. Ich fliege nach Cordoba und muss anschließend noch fast 3h mit dem Überlandbus bis nach Nono auf meine Farm. Die habe ich dann doch ziemlich schnell nach Ankunft in Buenos Aires ausfindig machen können. Da der Flug nach Cordoba schon gebucht war, musste es etwas dort in der Nähe werden. Nun ist es keine Gemüsefarm sondern ein Hof mit überwiegend Pferden. Nicht unbedingt meine Welt – mit Reiten habe ich eher nichts am Hut – aber viel Auswahl gab es nicht, die Rinderfarm war keine Alternative. Und ich will ja erstmal nur das Land und Leute kennenlernen und Spanisch weiter lernen. Zwischen Ankunft meines Fliegers und der Abfahrt des Busses hatte ich reichlich Karenzzeit eingeplant – 2,5h – dies sollte sich als gute Option erweisen.
Wie nicht erwartet aber geahnt, startete der Flieger mit 1h Verspätung. Vom Flughafen in Cordoba bis zum Busterminal ist es auch noch gut 40 min mit dem Taxi. Die Variante UBER als frei agierendes Taxiunternehmen, das man per App rufen kann und man zum angezeigten Festpreis bekommt, kannte ich schon aus Costa Rica. Allerdings hatte die App in Buenos Aires nicht funktioniert, weder bar noch mit VISA oder Paypal war eine Zahlung möglich. Die normalen Taxis sind meist 3-mal so teuer und wenn man nicht gut verhandelt, quasi eine Touristenfalle.
Aber das Glück ist bisher auf meiner Seite. Trotz Verspätung und nochmal 20 min auf UBER warten, funktionierte alles. Ich konnte bar bezahlen und mein Fahrer war sehr hilfsbereit mit meinem Gepäck. Meinen 65l-Rucksack hatte ich nicht erst aus dem Schutzübersack gepellt und damit ist er ziemlich unhandlich. Die Fahrt im Überlandbus habe ich nur phasenweise erlebt. Diese Busse sind äußerst bequem und die Sessel lassen sich fast in Liegeposition stellen. Wie zu erwarten, habe ich die meiste Zeit verschlafen – es ist wie immer, Stephanie 😉
Der Empfang in Nono war sehr herzlich. Sofia und Gustavo ließen es sich nicht nehmen, mich gemeinsam abzuholen. Mit dem Geländewagen ging es dann nochmal 25min über Stock und Stein so richtig in die Pampa. Hier hat der Name auch Bedeutung – ich bin weit weg von jeglicher Zivilisation. Es gibt noch nicht mal Fahrräder und das Dorf Nono ist gut 1,5h Fußmarsch entfernt. Kurz habe ich darüber nachgedacht, was mich hierher verschlagen hat …
Aber als ich auf der Farm ankam, war der Gedanke schnell verflogen. Hier ist es traumhaft, Berge und Ruhe. Die Uhren ticken anders – bloß keine Eile – lebe im Moment. Gustavo gibt sich alle Mühe, mich zum Reiten zu bewegen. Nachdem ich ihm von meiner Zurückhaltung und der Faszination meiner Tochter für Pferde berichtet habe, bekam ich gleich eine Stunde mit Blanco verpasst – ich hatte noch nicht mal ausgepackt. Die Stute ist ein Traum – sie hat die Ruhe weg und ich dann auch. Naja … mal sehen 😉
Ansonsten quäle ich tatsächlich alle mit meinem Spanisch, bis auf Flor, die Freundin des Sohnes Lauti, die ein paar Brocken Englisch kann. Sie ist am ersten Abend meine Rettung. Einiges kann man wirklich nicht nach 2 Wochen Sprachkurs erzählen. Aber ich bleibe dran.
6. Mai 2022
Wie fängt man an, über etwas zu berichten, was einen schon nach wenigen Tagen ans Herz gewachsen ist? Ich bin hier und genieße einfach nur. Die Menschen sind echt wundervoll, obwohl, wie ganz schnell zu bemerken ist, ihnen das Wasser bis zum Hals steht… Corona hat hier eine gut laufende Farm fast in den Ruin gebracht. Aber von Anfang an…
Wie schon berichtet, war der Empfang herzlich und man wird sofort in die Familie integriert. Neben Sofia und Gustavo, die Betreiber mit Lauti und Flor, Sohn mit Freundin, leben noch Christian, die gute Seele für alle Arbeiten, mit seiner Frau und 2 kleinen Kindern auf dem Hof. Natürlich hatte ich mir auf FB die Farm schon mal angeschaut, und da sah alles sehr schön aus. Wobei ich mir keine Sorgen machte, da die letzten Beiträge vom März waren und es natürlich viel Werbung für die Farm und die möglichen Aktivitäten beinhaltet. Ich bin hier zum Arbeiten, und das sah auch nach vielen Tätigkeiten aus.
Der Sonntag hier war ganz entspannt, ich gewöhne mich nur langsam an die späten Zeiten, vor 10 Uhr ist hier am Wochenende keiner auf den Beinen. Nach dem Frühstück zeigten mir Sofia und Gustavo den Dique la Viña. Einfach sehenswert, der See südwestlich von Nono ist landschaftlich reizvoll gelegen, und bei gutem Wetter hat man freie Sicht auf die Sierras. Die 106 m hohe Staumauer staut den Rio de los Sauses zu einem ca. 10,5 km² großen Stausee auf. Die Breite der Bogenstaumauer liegt bei 35 m an der Basis und 4 m an der Krone. Sie wurde zwischen 1939 und 1944 gebaut, eine Meisterleistung für diese Zeit. Flussabwärts befindet sich ein Wasserkraftwerk, das die Region versorgt. Natürlich ist es ein beliebtes Ausflugsziel, und mit vielen kleinen Restaurants wird für das Wohlbefinden gesorgt. Nach der Besichtigung kehrten wir ein, und ich habe meine erste Humitas probiert.
Die Wochentage beginnen nicht viel früher als das Wochenende, ab 8 Uhr wird entspannt gefrühstückt und ab 9 Uhr mit der Arbeit begonnen. Mir obliegt die Kleintierfütterung – meinen Arbeitsplan bekam ich als Handskizze am Montag gleich dazu geliefert. Die Anzahl der Tiere ist recht übersichtlich, und so ist mit Füttern und Frischwasserlieferung die Arbeit nach 30 Minuten erledigt. Dann macht man erstmal wieder Pause… Kaffee … Sonne … ein wenig Laub harken … Kaffee … Sonne … Pferde auf der Koppel streicheln … Sonne … Kaffee …
Irgendwie fühlt es sich nicht nach Arbeit an. Bis zum Mittag habe ich oft Zeit zum Spanischlernen. Der Nachmittag gehört den Reitstunden, wobei hier seit meiner Ankunft erst 2 Kinder da waren. Das ist die Aufgabe von Lauti und Flor. Die beiden sind ein tolles Team und können die Kids gut animieren.
Bei der Menge an Pferden ist das aber nicht wirklich eine Einkommensgrundlage. So gestalteten sich die Abende auch um heiße Diskussionen, welche Pferde zum Verkauf kommen. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass es durch den wenigen Regen des letzten Jahres kaum noch Heu zum Zukaufen gibt, dieses dann nur zu horrenden Preisen. Das eigene Farmland ist kaum ertragreich. Landurlaub, wie auf FB gezeigt, findet bei der derzeitigen Lage in Argentinien auch nicht statt. Also lässt sich auch da kein Geld verdienen. Alles in allem eine schwierige Situation. Aber irgendwie geht das Leben weiter, und sie lassen es sich wenig anmerken. Ganz im Gegenteil, ich werde noch zu allem Möglichen animiert… Gustavo hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, und nach der ersten Reitstunde ging es ins Gelände. Bin selber von mir überrascht, denn eigentlich halte ich lieber einen etwas größeren Abstand zu Pferden. Ich finde sie wunderschön, aber ich muss sie nicht reiten. Für den Ausritt bekam ich Palomina, eine extrem ruhige Stute. Wir hatten uns schon auf der Koppel angefreundet, und zu meiner Überraschung macht sie tatsächlich, was ich ihr anzeige.
Wenn man von hier aus arbeiten könnte, wäre das Leben sehr entspannt… 😉
7. Mai 2022
Nachdem Sofia und Gustavo wissen, wo ich am liebsten unterwegs bin, unternehmen sie alles, um mir meinen Aufenthalt hier so schön wie möglich zu gestalten. Da auf der Farm nicht wirklich viel Arbeit für mich anfällt, wurde mir gleich die Möglichkeit zu einer Bergtour offeriert. Die Sierras de Córdoba sind in greifbarer Nähe und der Chamapaqui bietet die 360°-Rundsicht über die Provinz Córdoba. Also bekam ich am Mittwoch frei und wurde um 5:00 Uhr zum vereinbarten Treffpunkt gefahren – von beiden!
Um 6:00 Uhr starteten wir, eine Gruppe aus 5 Wanderern und dem Bergführer, von der La Costanzia in der Nähe von San Javier. Zum Sonnenaufgang gegen 7:30 Uhr waren wir am La Cruz – unserem ersten Halt. Schon von hier kann man weit über die Ebenen nach San Luis schauen.
Die Gruppe war, wie nicht anders zu erwarten, recht unausgewogen aufgestellt, sodass unser Tempo für mich sehr entspannt war. Allerdings gab es 1650 Hm zu bewältigen. Mit vielen Pausen haben wir sagenhafte 7h gebraucht. Da blieb viel Zeit, die Landschaft zu genießen.
Eine sehr schöne Zwischenstation kurz vorm Gipfel ist der sogenannte Balkon des Champaqui. Man schaut wieder in Richtung San Luis ins Valle de Translasierra.
Auf dem Gipfel dann wirklich eine Rundumsicht – der Weg bei Sonnenschein und 27 Grad ohne Aussicht auf Schatten hat sich gelohnt. Typisch für die Sierras hier sind die schroffen Felsen und die gelblichen Büschelgräser. In den Hochebenen gibt es nur ein einziges Kieferngewächs, das die rauen und trockenen Bedingungen erträgt. Der Gipfelsee ist normalerweise von April bis August gefroren – wir hatten unterwegs noch einige gefrorene Pfützen bestaunt. Es zeigt, wie schnell sich hier die Wetterverhältnisse ändern können.
Nach gut 45 min auf dem Gipfel ging es die gleiche Strecke wieder zurück. Auf dem Heimweg begleiteten uns gleich mehrere Kondore, die hier in der Region zu Hause sind.
Nun stellte sich heraus, wer gut konditioniert ist. Nach und nach gehen Wasser und Snacks aus und ein Ende ist nicht in Sicht. Aber unser Guide Marcos ist auch als Motivator gut zu erleben. Die Damen in nicht ganz bergtauglichen Schuhen sehnten das Ende herbei und kämpften sich durch. Alles in allem eine sehr schöne Tour, die so endete wie sie begann – im Dunkeln.
9. Mai 2022
Das Wochenende habe ich gleich genutzt, um Córdoba ein bisschen kennenzulernen. Hier spielt genügend Zeit eine Rolle, die Busfahrt dauert fast 3h, aber man wird nur mit nur 14 Euro zur Kasse gebeten – hin und zurück! Bei meiner ersten Ankunft aus Buenos Aires war ich nur auf der Durchreise, das reicht definitiv nicht.
Die Stadt, zentral in Argentinien gelegen, ist gleichzeitig Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Sie ist vor allem für ihre Architektur im Stile der spanischen Kolonialzeit bekannt. Besonders sehenswert sind die im 17. Jh. errichteten Manzana Jesuitia – Blöcke der Jesuiten – immer noch aktiv genutzte Klöster und Kirchen. In den Gebäuden hat auch die Universidad Nacional de Córdoba, eine der ältesten Universitäten Südamerikas ihren Platz. Das Zentrum ist relativ klar abgegrenzt und ordnet sich um die Plaza San Martin mit der wunderschönen Cathedral de Córdoba Nuestra Señora de la Asunción.
Also bin ich Freitagmittag (06.05) von Lauti an den Bus gebracht worden und diesmal habe ich sogar recht viel von der Landschaft mitbekommen. Es geht auf der Central 14 (Atlas Cumbres) einmal quer über die Sierras Córdobas. Wunderschön zu sehen und ich hätte ständig fotografieren können. Ich sauge förmlich all die schönen Eindrücke in mich auf, auf Fotos kann man das nur bedingt weitergeben.
Am Nachmittag am Busterminal angekommen, laufe ich zu meinem Hostel, um meinen Rucksack loszuwerden und mich stadtfein zu machen, soweit das mit meinen wenigen Klamotten überhaupt geht. Meine leichte Wanderhose, in der Woche Arbeitshose, braucht dringend eine Wäsche, ebenso meine Fleecejacke und diverses darunter. Wegen Gewichtsoptimierung habe ich nur meine leichte Sommerhose und 2 passende Oberteile dazu mit. Der Rest ist Kletterausrüstung und warme Teile für die hohen Berge. Die Fotos von mir werden also immer gleich aussehen… 😉 – ist nicht wichtig.
Als erstes steuere ich das Paseo del Buen Pastor an – das Kulturzentrum der Stadt, eine Kirche wurde umgenutzt und erweitert. Hier versammelt sich die Jugend zum Kaffee trinken und chillen, am Abend ist hier die Hölle los.
Gleich nebenan steht die Iglesia del Sagrado Corazón de Jesus. Eine neugotische katholische Kirche aus den zwanziger Jahren – 1926 begonnen und 1934 fertiggestellt. Das Besondere daran ist, dass sich 2 Architekten daran verwirklicht haben, nunmehr hat die Kirche unterschiedliche Kirchturmspitzen. Der Innenraum ist von einem wunderschönen Altar geprägt.
Weiter ging es zum Parque Sarmiento. Dort findet man viele Denkmäler, unter anderem für Gregorio Funes. Funes war Rektor der Universität Córdobas sowie Schriftsteller und Journalist. Als Anhänger der Mai-Revolution wurde er politischer Direktor der Junta Grande. Gleich nebenan das Denkmal für den General Juan Bautista Bustos. Die Denkmäler sind hier oft eingezäunt, da die Menschen leider keinen Respekt vor diesen haben und sie zerstören oder vermüllen.
Nebenan liegt der Plaza del Bicentenario mit vielen bunten Ringen. Man vermutet einen Zusammenhang mit Olympia, aber weit gefehlt. Die Ringe mit den eingravierten Zahlen symbolisieren die Meilensteine der Geschichte Argentiniens.
Gleich nebenan liegt ein Skaterpark mit dem dritthöchsten Leuchtturm der Welt. In der nächtlichen Beleuchtung sieht alles sehr farbenfroh aus und die Jugend Córdobas versammelt sich auf den Wiesen darunter.
Abends im Hostel entdecke ich noch in der letzten Ecke ein Klavier. Wie sehr ich doch mein Klavier vermisse… dieses ist leider nicht gestimmt. Schade. Ein paar Töne kann ich ihm doch entlocken. Es hat es von Zeitz bis hierher geschafft.
Am nächsten Tag steht eine Museumstour auf dem Programm. Als erstes geht es ins Museo Superior de Bellas Artes „Evita“. Schon bei Bezahlen der Eintrittskarte werde ich wieder positiv von diesem Land überrascht. Möchte das Kombiticket für 3 Museen für 450 Pesos kaufen und habe nur einen 500-Peso-Schein. Die Damen können kein Wechselgeld rausgeben und als ich es als Trinkgeld da lassen möchte, lehnen sie ab. Ich darf trotzdem rein und soll im nächsten Museum meine Karte bezahlen. Wäre in Deutschland niemals möglich. Was soll ich sagen, auch im nächsten Museum passierte es wieder. Kein Wechselgeld vorhanden. Ich war erstmal wieder kostenlos drin. Zum Glück gab es vor dem Museum eine Cafeteria, da habe ich dann Geld gewechselt und bezahlt.
Besonders hat mich ein Teil der Ausstellung über Alonso Carlos Werk „manos anónimas“ beeindruckt. Er hat einen Zyklus zu Gewalt gegenüber Frauen in der Militärdiktatur gezeichnet – so aktuell wie eh und je – gerade jetzt.
Wie bunt gemischt hier alles wird, zeigt dann die Foto-Ausstellung über den Frauenfußball in Argentinien. Daran kann sich Europa orientieren. Wie selbstverständlich spielen hier fast 30% der Frauen Fußball, in Deutschland ist es rd. 1% laut DFB. Allein in Nono gibt es 3 Frauenfußballclubs. Da ich kein Fußballfan bin, gibt's auch nur die wichtigsten Bälle ;-).
Auch das Faro Museo Emilio Caraffa ist von moderner Kunst geprägt. Argentinien hat eine breite Kunstszene und Petró Alberti war mir ein Begriff. Aber auch die restlichen Künstler haben mich durchaus beeindruckt.
Weiter ging es über verschiedene Aussichtspunkte im Park. Ein verlassenes Riesenrad, entworfen von Gustav Eiffel, prägt das Stadtbild und zeugt von der Vergänglichkeit der irdischen Lustbarkeiten… Das städtische Freibad hat auch schon bessere Zeiten gesehen.
Nach einer kleinen Siesta mache ich mich am späten Nachmittag dann in Richtung Plaza San Martin auf. Es wartet ja noch das Highlight Córdobas auf mich – die Cathedral de Cordoba und das Klosterensemble. Die Bauzeit der Kathedrale betrug fast 200 Jahre, zu sehen an den unterschiedlichen Baumaterialien, sie wurde 1784 eingeweiht. Anfang des 20. Jhd. wurde der Innenraum durch Emilio Caraffa neu gestaltet.
Lasse mich zu einer kleinen Stadtrundfahrt mit dem Touribus hinreißen – es hat sich gelohnt. Man bekommt einen guten Überblick.
Am späten Abend geht's dann weiter zum Flohmarkt ins Künstlerviertel Güemes. Auf dem Weg dahin gerate ich in eine Demo und laufe erstmal einen Teil des Weges mit – ziemlich coole Leute. Der Geruch kommt mir bekannt vor und als ich dann die Plakate genauer studiere, demonstriere ich gerade für die Freigabe von Cannabis – auch nicht schlecht. Leicht benebelt ist das Leben noch schöner.
Der Kunst- und Flohmarkt ist sehr sehenswert, ich genieße das Flair und den milden Abend. Kaufen würde ich einiges, aber der Rucksack ist schon schwer genug. Musik an allen Ecken, ach es ist echt schön, unterwegs zu sein.
Am Sonntag geht's dann nach einem entspannten Frühstück nochmal auf Tour. Ich hatte mir das historische Museum für Sonntag aufgehoben – allerdings wollten sie nicht. So schlenderte ich nochmal zum Plaza San Martin. Zwischen der Catedral de Córdoba und Cabildo de Córdoba gibt es eine Erinnerungsmeile für die verschwundenen Menschen der Militärdiktatur. Sehr gut gemacht.
Am Nachmittag ging's mit dem Bus wieder zurück auf die Granja El Aromo.
16. Mai 2022
Die zweite Woche auf der Farm war nicht wesentlich anders als die erste. Arbeit gibt es für mich noch immer nicht so viel, wie ich dachte. In mehreren Gesprächen mit Flori, die Freundin von Lauti, hat sie mir so ein bisschen Einblick in die Lebensphilosophie hier gegeben. Tranquillo lautet das Zauberwort – komm zur Ruhe – das sagt sie der Richtigen. Wo ich doch gern viele Dinge gleichzeitig manage und eigentlich immer etwas zu tun brauche …
Als sie vor 3 Jahren aus Buenos Aires nach Nono gekommen ist, hatte sie ein halbes Jahr nicht wirklich etwas zu tun gehabt und sie sollte erstmal ankommen. Klar – sie hat Reitstunden gegeben, aber das empfindet sie nicht als Arbeit. Inzwischen ist sie halbtags als Erzieherin in Nono beschäftigt und gibt nachmittags Reitstunden. Nur im Moment ist eben nicht so viel los. So lerne ich nun, zur Ruhe zu kommen. Stephanie meint nach einem Videocall, dass ich schon sehr erholt aussehe – ja so fühlt es sich auch an.
Meine Tätigkeiten beschränken sich weiterhin auf die Fütterung der Kleintiere, Laubharken und damit Schlaglöcher verfüllen, Beschriften von Zaumzeug und Verschönerung der Sattelkammer. Spannend war die Instandsetzung eines alten Sulkys.
Damit ich mich nicht ganz so unproduktiv fühle, koche ich für alle Mittagessen und backe Kuchen. Tja da hab' ich wohl ein Fass ohne Boden aufgemacht … Süßes ist in Argentinien sehr beliebt und mit meinem Käsekuchen habe ich den Nerv getroffen. Nachdem meine Tortenkreationen auf Insta gesehen worden waren, darf ich hier nun meine Backkünste unter Beweis stellen. Das gestaltet sich etwas schwierig, da einige Zutaten hier so nicht bekannt sind. Saure Sahne und Gelatine gibt es nicht. Aber Herausforderungen mag ich ja 😉
Ein bisschen muss ich mich auch auf die höheren Berge vorbereiten, deswegen kommen die Laufschuhe nun auch wieder zum Einsatz. Wirklich Spaß macht es bei dem Untergrund nicht, man schluckt mehr Staub als Luft.
Am Freitag habe ich wieder mal frei bekommen, um an einer Wanderung teilnehmen zu können. Ein Bruder von Sofia hat eine Bergführeragentur und so bekomme ich immer die Anfrage, ob ich verschiedene Touren mitgehen möchte – wer kann dazu schon nein sagen!
Diesmal ging es auf dem Salto del Tigre Trail auf ca. 2000 m Höhe durch die Sierras. Nichts wirklich anstrengendes, aber sehr sehenswert. Interessant ist, dass Teile der Sierras in Privatbesitz sind und in dieser Höhe noch Schafzucht betrieben wird. Wir sind von Merlo, einer für Argentinien kleinen Stadt (ca. 800.000 Einwohner) gestartet und zu einem kleinen Refugio gewandert. Die Gruppe war mit Bergführer Juan, seiner Frau Marlon, einem Paar aus Buenos Aires, Anna und Carlos, und mir recht übersichtlich. Unterwegs zeigten sich auch einige Tiere, allerdings der viel beschworene Puma, den es hier geben soll, ließ sich nicht blicken…
Das Refugio erwies sich als recht verlassen und heruntergekommen, konnte aber zu besseren Zeiten ca. 50 Gäste aufnehmen. Der zugehörige Zeltplatz ist dafür gut in Schuss, die Küche brauchbar und wird anscheinend auch noch genutzt.
Über eine etwas altersschwache Hängebrücke gelangt man zu einem ehemaligen Dörfchen Pueblo Escondido, das in den 1860ern gut mit Minenarbeitern besiedelt war. Die Sierras sind für ihre Quarz- und Wolframvorkommen bekannt und es wurde bis Mitte der 1920er Jahre Bergbau betrieben. Heute ist alles verlassen. Nur eine kleine Kapelle ruft zur Einkehr. Als 2 kleine Katzen um meine Beine schnurren glaube ich die Geschichte vom verlassenen Dorf nicht so ganz. Und siehe, an einem Haus kann man durch die Fenster lugen und eine intakte Küche erspähen. Da befindet sich inmitten der verfallenen Gebäude das neue Refugio mit ca. 10 Schlafplätzen. Dort gab's dann die hier typischen Sandwiches zum Mittag und es ging's weiter auf dem Trail.
Eine gute Stunde später fanden wir mit dem Salto del Tigre einen schönen Wasserfall, der zu dieser Jahreszeit leider nicht mit viel Wasser gesegnet ist. Insgesamt waren wir fast 6 Stunden unterwegs und ich habe die Landschaft sehr genossen. Alles in allem ein wunderschöner Tag.
17. Mai 2022
Da haben mich wohl alle guten Geister verlassen … das ist so gar nicht meine Welt.
Lauti ist begeisterter Rennfahrer – die Rennklasse kenne ich allerdings nicht – und fährt am Wochenende hier in der Provinz Autorennen. Die Woche über schraubt er jede freie Minute an seinem kleinen Renault Gordini 4. Der hat im Original ca. 36 kW und ist nun auf über 45 kW hochgepusht. Schon wenn er über die Granja fegt, ist die Geräuschkulisse überragend, nichts ist gedämmt und das Auto so leicht wie möglich.
Da man nun zur Familie gehört, pilgerten wir am Wochenende nach Almafuerte. Das liegt genau auf der anderen Seite der Sierras Córdobas. Da Lauti das Jüngste der vier Kinder ist und noch zu Hause lebt, kann man ihm fast keinen Wunsch abschlagen. Er darf seinem Hobby – sponsert by Mam&Dad, dafür werden auch Pferde verkauft – nachgehen. Also mit Sack und Pack zum Anfeuern hinterher. Ähnlich kenne ich das noch aus den Hockeyzeiten meiner Kids, wenn Turnierwochenenden in Osternienburg oder Köthen anstanden – Partyzelt, Grill, Campingstühle usw. muss mit. Hier kommen noch Schweißgerät, Wagenheber, Benzinkanister und Unmengen an Montageausrüstung hinzu. Die Frauen sind, wie immer, fürs Essen zuständig. Etwas verwundert über 3 Hühner zum Grillen, ca. 40 Steaks, Fleisch am Knochen, diverse Würste und vieles mehr war ich schon. Dass in Argentinien sehr viel Fleisch gegessen wird, ist klar, aber wer von uns 5 soll das bitte alles bloß essen?
Samstagnachmittag in Almafuerte nach 3h Fahrt angekommen wurde mir dann einiges klar. Das Team-Fahrerlager besteht aus 2 weiteren Rennfahrern, Lucas und Luciani sowie 6 Mechanikern. Letztere sind sehr professionell, wie ich später feststellen konnte. Die Jungs warteten am Samstag auf ihre Trainingseinheiten und das Qualifikationsrennen. Dabei sind hier die unterschiedlichsten Fahrgestelle unterwegs. Ich kann es nur auf Bildern zeigen, Ahnung habe ich davon nicht.
Als Lauti auf die Trainingsrunde einbog, haben wir uns strategisch günstig an der Strecke postiert – dachte ich. Bei dieser Trockenheit hier in Kurvennähe zu stehen, ist nicht gut für die Lunge. Nach der ersten Runde habe ich mich dann auch mehr an die Gerade verkrümelt, zu viel Staub wollte ich nicht einatmen. Leider passierte da schon das Missgeschick – bei Lauti fiel die rechte Vorderbremse ab. Er driftete in den Innenraum und blieb liegen. Es schien alles gelaufen fürs Wochenende. Ziemlich lange Gesichter bei allen.
Aber es gibt da noch Marcelo. Die fehlenden Schrauben wurden zurechtgeflext, die Aufhängung aufgebohrt und alles so verschraubt und geschweißt, dass nach 1h das Fahrzeug wieder flott war. So konnte Lauti noch zur Qualifikation antreten. Diesen Mechaniker hätte ich auch gern …
Was soll ich sagen, die Qualifikation lief gut und am Sonntag war dann das große Rennen. Die Nacht über hatte es in Strömen gegossen und die Rennstrecke war eine einzige Schlammgrube. Als wir gegen 11 Uhr nach einem gemütlichen Frühstück ankamen, waren bereits alle verfügbaren schweren Fahrzeuge abwechselnd seit 2h auf der Strecke, um sie einigermaßen befahrbar zu machen.
Mein Glück, denn Gustavo als ehemaliger Rennfahrer – ich hatte mich schon öfter über seinen zügigen Fahrstil gefreut – ließ es sich nicht nehmen, auch seinen Teil beizutragen. Und ich durfte mit! Es war zwar kein Rennwagen, aber Gustavo gab sich echt Mühe, ein bisschen durch die Kurven zu driften. Von mir aus hätte es ruhig noch etwas schneller sein können… 😉
Dann kam wieder das lange Warten. Es gibt 5 verschiedene Rennklassen und neben einem Vorlauf dann noch das Finale. Lauti und seine Freunde sind in der Stufe 4 eingruppiert, waren also erst am Nachmittag dran. Inzwischen warf Petró, ebenfalls Mechaniker und Grillmeister, den Grill an und legte auf. Das ist schon wie eine Zeremonie. Vieles an den aufgelegten Fleisch- und Wurstsorten kenne ich nicht wirklich. Ich kann zumindest Schwein vom Rind unterscheiden, aber nicht, von welcher Stelle am Tierkörper es stammt – ist nicht meine Welt. Gekostet habe ich später alles, schmeckt sehr gut. Allerdings vermisse ich hier schon meine Auswahl an Gemüse und Schwarzbrot.
Da standen wir also an der Strecke. Um vom Fahrerlager zur Strecke (ca. 800 m) zu kommen, bewegt man sich mit dem Auto! Am ersten Tag war ich noch verwundert, wenn „Vamos!“ ertönte und alle zum Auto liefen. Erst dachte ich, wir müssen noch etwas besorgen, bis mir klar wurde, dass gehen verpönt ist. Autofahrer halt …
Eine Rennklasse (im nachfolgenden Video) gefällt mir persönlich am besten, das würde ich gern mal probieren.
Ansonsten ist es nur viel Staub, Lärm und mit der Zeit auch etwas langatmig. Das Rennen an sich verlief für Lauti leider nicht so erfolgreich. Er hatte sich zwar 2 Positionen nach vorn gekämpft, aber dann überschlug sich der Führende – Rennwagen 999 mit einem extrem guten Fahrer – und blieb liegen. Zum Glück ist ihm nichts weiter passiert, nur das Fahrzeug ist Schrott. Rennunterbrechung mit Safety-Car und nach Wiederaufnahme musste er eine Position wieder abgeben. Sein Motor lief nicht rund und er war ziemlich sauer. Heute immer noch! Männer!
Aber immerhin hat sein Teamkollege einen Pokal mit nach Hause genommen. Ich war nur froh, dass alles glimpflich ausgegangen ist. Was bin ich glücklich, dass mein Martin solche Hobbies nicht betreibt!
20. Mai 2022
Seit dem Rennwochenende ist hier auf der Farm nicht viel passiert. Lauti hat tatsächlich bis zum Dienstagabend schlechte Laune geschoben. Nach meinen vielen Nachfragen, wo man im Netz die Liga findet, welche Anforderungen es zur Motorleistung, Ausstattung und Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Automobile gibt, hat er mir den Leistungskatalog der Liga – natürlich in Spanisch – gegeben. Männer sind halt sehr pragmatisch veranlagt – reden ist nicht so seins…
Also habe ich mal technisches Spanisch studiert. Ist schon spannend, was man so darf und was nicht. Allerdings frage ich mich, wie das je kontrolliert werden kann bzw. wird. Da ist fast jede Schraube genormt… und vor dem Training kam auch keine Kontrolle, um die Autos zu inspizieren.
Meine Tätigkeiten hier beschränken sich weiterhin auf die bereits bekannten Tätigkeiten – nur habe ich ein Kaninchen an den Grill verloren 😦
Damit bleibt viel Zeit zum Laufen, Reiten und die weitere Reiseplanung. Am 30.05. fliege ich über Buenos Aires nach Lima. Dort geht's dann endlich auf die ersten richtigen Bergtouren. Über Huaraz ab zum Alpamayo und im Anschluss auf den Huascaran. So ein bisschen Bammel habe ich schon. Bin mit 6 weiteren Bergsteigern aus Deutschland und Österreich unterwegs und die einzige Frau – kann von Vorteil sein, aber ich werde wohl das Schlusslicht bilden. Falls ich es einigermaßen überlebe, geht's dann über Lima nach Cusco zum Salkantay- oder Inkatrail. Bis dahin ist alles geplant und die Hostels gebucht. Meine weitere Vorstellung ist dann mit dem Bus in Richtung Puno zum Titicaca-See und den schwimmenden Inseln zu reisen. Anschließend fliege ich nach Ecuador – so um den 01. Juli.
Also habe ich mal die Bus- und Flugverbindungen gecheckt, ein paar Bergführer für Ecuador angeschrieben und versucht, einen Flug nach Quito im Juli zu buchen. Bisher war das online auch kein Problem, Hauptsache die Kreditkarte ist gedeckt. Seit vorgestern dann ging nichts mehr … habe vergeblich versucht, meine Flüge und Bustickets zu bezahlen. Dunkel konnte ich mich an eine Mail vor knapp einer Woche von Barclays erinnern, dass meine Kreditkarte gesperrt sei – hatte ich als Spam gewertet und gelöscht … manchmal sollte man doch genauer lesen…
Nachdem ich mich auf mein Konto eingeloggt hatte, sah ich die Bescherung – tatsächlich gesperrt. Aber um Himmels willen warum? Also Mail an den Kundenservice geschrieben – nichts passiert. Hatte dann eine ziemlich schlechte Nacht. Immer wieder überlegt, wie ich an Bargeld komme. Bei manchen Fluggesellschaften kann man zwar per Lastschrift bezahlen, aber so ohne Bargeld wird's schwierig. Habe mich schon vorzeitig nach Hause fliegen sehen … Heute dann ein Telefonat – zum Superpreis für 2,49€/min. Die Dame war echt langsam, wollte mir umständlich erklären, warum das System mich automatisch sperrt. Ich wollte doch nur meine Karte wieder frei haben.
Nach 10 Minuten, in denen ich noch erklären musste, in welchen Ländern ich von wann bis wann ungefähr bin, hatte ich meinen Zugang wieder. Was ich nicht wusste, meiner Kreditbank muss ich VORHER Bescheid sagen, wohin ich reise. Hatte einfach zu viele Eintrittskarten, Bustickets u. ä. in argentinischen Pesos bezahlt und dann wird man vom Sicherheitssystem automatisch gesperrt, wenn die Reiseländer nicht angemeldet sind. Das System unterstellt Kreditkartenbetrug! Mag ja für die Sicherheit ganz gut sein, aber man sollte das auch dem Kunden mitteilen. Trotz der nun kundgetanen Reiseländer bin ich nicht davor gefeit, wieder automatisch vom System gesperrt zu werden, erklärt mir die nette Angestellte. Letztes Jahr in Costa Rica war es nicht so. Wozu habe ich denn eine weltweit kostenfreie Kreditkarte??? Na das wird noch interessant werden…
Noch ein paar Eindrücke von meinem derzeitigen Idyll…
Beim Laufen entdecke ich auch immer wieder wunderschöne Plätze …
27. Mai 2022
Nun ist es bald soweit … am Wochenende sind die 4 Wochen auf der Farm zu Ende und es geht weiter über Córdoba, Buenos Aires nach Lima, Peru.
Letztes Wochenende habe ich die Ortschaften hier in der Umgebung erkundet – Nono und Mina Clavero. Die Ortschaften im Traslasierra Valley sind trotz der Einwohnerzahl recht übersichtlich und bieten einige schöne Sehenswürdigkeiten. Mina Clavero hat zudem einen großen Rennfahrer der Argentinier hervorgebracht.
Am Dienstag ging es wieder zum Pferdezählen auf den Campo – mit Pferd natürlich… so sehr ich am Anfang eigentlich nichts mit Reiten anfangen konnte, umso mehr hat es sich in der Zeit hier geändert. Gestreichelt habe ich sie ja schon immer gern. Dazu muss man aber Gustavo zugute halten, dass er alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um mich auf einen Pferderücken zu bekommen. So habe ich hier inzwischen 6 verschiedene Pferde geritten, alle zusammen ein Traum von entspannten aber eigenwilligen Tieren. Aber mit der richtigen Zuwendung und klaren Hinweisen bekommt man sie alle zum Traben. Galoppieren ist mir aber weiterhin suspekt. Seit Sonntag ist ein junger Hengst hier, der ziemlich verängstigt ist. Es ist wunderschön zu sehen, wie Gustavo ihm begegnet und ihn beruhigen kann. Auch ich darf inzwischen in seine Nähe.
Am Mittwoch durfte ich nochmal in die Sierras wandern gehen. Los Hornillos – das war das gewählte Ziel. Die Wettervorhersage für die Woche war generell nicht so perfekt – einiges an Regen und durchgängig bewölkt sollte es werden. Aber wie immer, die richtige Kleidung im Gepäck und gute Laune reicht, dann spielt auch das Wetter mit. Nach einem gemäßigten und nicht allzu steilen, ersten Teil gab's die erste Pause am Refugio „Los Ramblones“. Berghütten sehen hier generell etwas spartanischer aus, als wir es aus den Bergen gewöhnt sind.
Der zweite Teil war deutlich gerölliger und steiler, aber nicht weniger schön. Immerhin waren knapp 1300 Hm zu bewältigen. Dafür hat mich das Wetter belohnt, trotz angesagtem Nebel gab es viele schöne Ausblicke zu genießen. Einer der Schönsten war der Überflug eines jungen Kondors (knapp 3 m über mir), der hier oben mit seinen Eltern auf Nahrungssuche war. Wahrscheinlich hatte er den Abstand zu mir unterschätzt. Das Geräusch seines Flügelschlags werde ich nie vergessen.
Erst auf dem Rückweg zog der Himmel sich zu. Ich hatte eigentlich vor, in dem Refugio „Público“ zu nächtigen, da meine Farmerfamilie zu einer Party über Nacht unterwegs war. Im Dunkeln vom Bus bis zur Farm laufen, war nicht das, was man hier unbedingt machen sollte. Allerdings fand ich das Refugio nicht sonderlich einladend, sodass ich mich doch entschied, am gleichen Tag zurückzukehren und hoffte, eine Mitfahrgelegenheit nach Las Calles zu finden. Diese bot sich später dann tatsächlich, da mir im Dorf Los Hornillos der Bergführer vom Champaqui über den Weg lief. Es fügt sich irgendwie immer.
Heute nun an meinem letzten Tag hat Sofia sich nochmal Zeit genommen und ist mit Chris, Jorge, Flori und mir zum Rio de los Sauces und Mirador a las altas Cumbres geritten – zum Picknick. Es ging insgesamt 4h über Berg und Tal, das hatte mir noch gefehlt… Bisher waren ja nur kleinere Steigungen dabei, aber bergab zu reiten ist schon eine Nummer größer… irgendwie bin ich oben geblieben. 😉
Jetzt ist es wieder Zeit für einen Abschied – nicht nur von meiner Farm sondern erstmal auch von Argentinien … wie sang Madonna … don't cry …
3. Juni 2022
Am Freitagabend saßen wir noch lange bei Empanadas und feierten Abschied. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen und am Ende wurde es sehr emotional… Samstag ging's dann nach Córdoba und am Abend bin ich nochmal über den Flohmarkt auf der Suche nach einem Matebecher geschlendert – Mate trinken habe ich hier lieben gelernt.
Am Sonntag wagte ich nochmal den Besuch des Museo de Bellas Artes Dr. Perez, welches bei meinem letzten Córdoba-Aufenthalt geschlossen war – ich hatte diesmal Glück. Naja, und sonst habe ich einfach nur die Sonne genossen und noch ein paar schöne Ecken entdeckt.
Am Montag (30.05.) ging es dann über Buenos Aires nach Lima. Mit reichlich Verspätung starteten wir in Buenos Aires, und Lima empfing mich am nächsten Tag gleich mit einer Überraschung.
Die Stadt liegt an einer tektonischen Plattengrenze und wurde schon mehrfach durch Erdbeben zerstört. Ausgerechnet jetzt sollte es also mal wieder passieren… zum Glück war es nur ein ganz leichtes Beben, aber eigenartig fühlt es sich schon an. Nach einer Stunde war der Spuk vorbei und ich konnte meine Sightseeingtour fortsetzen.
Lima ist Liebe auf den ersten Blick, nicht nur weil es die einzige südamerikanische Hauptstadt am Meer ist, sondern auch wegen seiner Geschichte und Tradition. Das historische Zentrum, das zum Weltkulturerbe erklärt wurde, zeigt das Zusammenleben von Vergangenheit und Gegenwart. Seine schönen Plätze und Denkmäler, seine imposanten Villen mit kolonialen und republikanischen Balkonen, seine zahlreichen Kirchen, die wertvolle Kunstwerke beherbergen, und seine Restaurants und traditionellen Tavernen sind einige der Möglichkeiten, die man sehr schnell zu Fuß erkunden kann.
Schon vor der Ankunft der Spanier war der Großraum von Lima das am dichtesten besiedelte Gebiet der peruanischen Küste. Am 18. Januar 1535 wurde Lima von dem spanischen Eroberer Pizarro unter dem Namen Ciudad de los Reyes auf einer Eingeborenensiedlung am Südufer des Flusses Rímac gegründet. 1542 gründeten die Spanier das Vizekönigreich Peru, das fast ganz Spanisch-Südamerika umfasste. Lima wurde dessen Hauptstadt und die Residenzstadt des Vizekönigs. Über das 16. und 17. Jahrhundert war Lima das religiöse, wirtschaftliche und politische Zentrum der spanischen Kolonien Südamerikas. Das Bistum Lima, 1541 gegründet, wurde 1546 zum Erzbistum erhoben. 1551 wurde mit der San Marcos die erste Universität auf dem amerikanischen Kontinent gegründet.
Morgen geht's dann in die Berge – bin gespannt…
4. Juni 2022
Nun sind wir in Huaraz gelandet – inmitten der Cordillera Blanca und Ausgangspunkt zu den wunderschönen Bergen – mit Perus höchstem Berg, dem Huascarán (6768 m). Huaraz ist das Zentrum des landwirtschaftlich bedeutsamen Tales Callejón de Huaylas. Es liegt an der Mündung des Rio Quilcay in den Rio Santa. Huaraz wurde im 20. Jahrhundert vier Mal von Lawinen getroffen, die aus der Cordillera Blanca heraus die Stadt überrollten.
Huaraz ist unser Ausgangspunkt für die Besteigung des Alpamayo und des Huascarán. Wir, das sind Christian (41), Günther (63), Benjamin (31), Felix (32), Hendrik (33) und ich. Zusammengefunden über eine Bergführeragentur, haben wir uns das Abenteuer auf die Fahnen geschrieben. Wir kommen mit recht unterschiedlichen Voraussetzungen, aber schon nach kurzer Zeit haben wir uns als Gruppe gefunden.
Am ersten Tag hier (02.06.) auf 3100 Hm sind wir erstmal mit der körperlichen Anpassung beschäftigt – also ruhige Spaziergänge durch die Stadt, fehlende Ausstattung kaufen, den Hausberg erwandern und entspannen. Ganz entspannt ist es allerdings nicht, da von Hendrik noch das gesamte Gepäck fehlt – steht noch in Paris… ein bisschen schwierig, da die gesamte Bergausrüstung drin ist. Aber wir hoffen, dass es spätestens am Freitagabend hier in Huaraz eintrifft, damit wir am Samstag pünktlich auf den Trek gehen können.
Huaraz hat ein bisschen Kultur zu bieten, und ansonsten ist man hier in der Wirklichkeit Südamerikas angekommen – auffällig die vielen liegen gelassenen Mülltüten und sonstiger Unrat auf den Straßen.
Also haben wir uns nach einigen Einkäufen auf den Weg auf den Hausberg gemacht – Rataquenua (ca. 3300 Hm), um uns ein wenig an die Höhe zu gewöhnen. Oben erwartete uns ein kühles Bier und eine sonnige Terrasse mit Blick über die gesamte Stadt.
Nach so viel Erholung musste heute nun ein bisschen Action her – der erste Anpassungsberg stand auf dem Programm – Cerro Mateo – 5180 Hm – dem Huascarán gegenüber gelegen. Frühstück war für 2 Uhr terminiert – 2:30 Uhr brachte uns der Bus zum Nationalpark.
6 Uhr begannen wir mit dem Aufstieg. Die Zeit war gut gewählt, denn auf unserem Abstieg kamen uns Massen an Seilschaften entgegen. Die ersten 200 Hm ging's bei Sonnenaufgang über ein Geröllfeld mit Kletterstellen bis zum III. Grad – alles aber gut ohne Seil zu schaffen. Am Gletscher waren hervorragende Bedingungen – man hätte durchaus auch seilfrei gehen können.
Für uns stand aber ja nur Höhenanpassung auf dem Programm, deswegen hatten wir keine Zeitnot, und dann geht Sicherheit vor. Nach nur einem kurzen Aufenthalt am Gipfel stiegen wir durch Nebelschwaden ebenfalls wieder ab.
Morgen geht's dann auf den Santa-Cruz-Trek ins Basislager des Alpamayo. Wenn die Bedingungen gut sind, wollen wir am 09.06. auf dem Gipfel stehen.
11. Juni 2022
So, nun ist es soweit… wir machen uns auf den Weg. Noch vor einigen Jahren hätte ich nie geglaubt, dass ich mal hier sein werde. Start am 04.06. ist für 8 Uhr geplant, ab 6 Uhr kann ich nicht mehr schlafen…
Fange an, meinen Rucksack nochmal umzupacken. Es sollen nicht mehr als 12 kg sein, schließlich muss ich ihn bis ins Highcamp auf 5500 Hm tragen. Allein die Snacks am Berg und die Hochlagermahlzeiten sind schon 3 kg. 2 Thermosflaschen, Schlafsack, Isomatte und Kletterausrüstung (Helm, Gurt, 6 Karabiner, diverse Schlingen, Eisschrauben, Tube, Smart, 2 Eisgeräte, Steigeisen) sowie Hygieneartikel bilden den Rest. Da bleibt nicht viel für Klamotten übrig. Meine dicke Daunenjacke wiegt zum Glück nur 800 g, dazu kommen die dünne Daunenjacke, Regenjacke, 2 Hosen, 2 T-Shirts, 2 lange Pullover, Socken, Unterwäsche… nicht zu vergessen – Brillen, Stirnlampe, Powerbank und Solarpanel für Kamera und Handy. Fotos wollen gemacht werden… also sortiere ich nochmal neu. Am Ende werde ich feststellen, dass ich immer noch zu viele Sachen dabei hatte…
Pünktlich starten wir in Richtung Alpamayo. Via Yungay und Caraz fahren wir mit dem Bus fast 3 h durch das Rio-Santa-Tal nach Cashapampa. Mit an Bord sind bereits unser Bergführer Roger, Elmar und William, der Koch und 4 Porter. Sie werden unsere Gruppenausrüstung (Zelte, Kocher, Gas und Nahrungsmittel) für die Zwischenlager tragen. Ein ziemlich hoher Aufwand, um einigen Bergsteigern ihren Traum zu erfüllen, das ist mir durchaus bewusst. In Cashapampa wird ein Teil der Ausrüstung auf Esel geladen, sie werden uns bis ins Basecamp begleiten. In letzter Minute ist noch ein Amerikaner – Tayler (23) – in unser Team hinzugekommen.
Angekommen nach mehreren abenteuerlichen Fahrmanövern auf engen Gebirgsstraßen – sofern man das noch als Straße bezeichnen kann – bekommen wir gegen 11 Uhr noch ein Lunch, um Kraft für die ersten 9 km (Aufstieg 800 Hm) ins Llamacorral-Camp zu tanken. Es gibt Cuy mit Kartoffeln und Reis. Bisher hatte ich mich ja davor gedrückt, Meerschwein zu probieren… es schmeckt nach Hähnchen und ist lecker…
Die Wanderung ist leicht, und nach 3,5 h (habe mal wieder vergessen, meine Uhr rechtzeitig zu starten) sind wir im ersten Lager angekommen. In kürzester Zeit haben unsere Porter das Koch-, Aufenthalts- und unsere Schlafzelte aufgebaut. Die Aussicht ins Tal ist grandios und der Schlafplatz im Zelt schnell eingerichtet. Ich schlafe zusammen mit Brenta (25), einer Angestellten der Expeditionsfirma – für die Organisation zuständig. Sie soll uns bis ins Basislager zum Fotografieren begleiten. Sie hat keinerlei Erfahrung im Bergsteigen oder für Hochtouren. Das soll mich im weiteren Verlauf noch einige graue Haare kosten.
Zum Glück hält das Wetter – leider ist die Vorhersage für die nächste Woche mehr als bescheiden (Neuschnee) – und wir haben schnell eine neue Freundin gefunden, die scharf auf unsere Lunchpakete ist. Mit Günther und Christian gehe ich noch eine Spazierrunde weiter ins Tal, um die Zeit bis zum Abendbrot zu überbrücken. Die Landschaft ist einmalig. Um 19:30 Uhr gibt's leckeres Abendbrot – Fisch mit Kartoffeln und Brokkoli. Dazu leckeren Matetee und Coca-Blätter zum Kauen – damit verträgt man die großen Höhen besser.
Die Nacht war gut, ich habe tief geschlafen, und heute geht's ins Basislager. Ebenfalls eine Wanderung von knapp 14 km (Aufstieg 600 Hm) vorbei an der wunderschönen Laguna Jatuncocha (Gebirgssee) in Richtung Taullipampa. Der Weg ist ein Teil des bekannten Santa-Cruz-Treks, den hier auch viele junge Leute laufen.
Das Basislager erreichen wir nach ca. 4 h. Unsere Esel hatten uns bereits unterwegs überholt, und somit stehen schon die ersten Zelte. Nach einem Snack steigen wir nochmal 230 Hm zur Laguna Arhuaycocha auf. In diesen wunderschönen Gebirgssee ergießt sich der Arhuay-Gletscher. Wir werden mit guter Aussicht und angenehmer Ruhe verwöhnt. Hier kann man es aushalten…
Der Abend verläuft sehr harmonisch bei Kerzenschein und gutem Essen. Alle sind zuversichtlich gestimmt – trotz Planänderung – eigentlich wollten wir am nächsten Tag nur Ausrüstung ins Moränenlager tragen – nun bleiben wir gleich auf 4950 Hm. Für mein Empfinden geht es viel zu schnell auf zu große Höhen – meine Akklimatisierung dümpelt noch auf 2300 Hm herum und die Sauerstoffsättigung liegt nur noch bei 86 %. Von Olaf habe ich da eine andere Herangehensweise gelernt. Aber er hatte mich ja vorgewarnt: Die Bergagenturen „prügeln“ ihre Kunden den Berg hoch. Nicht die besten Voraussetzungen, das wird sich schon am nächsten Tag herausstellen…
11. Juni 2022
Gipfelglück – was bedeutet das? Vor allem, welche Risiken nehme ich in Kauf, dort oben zu stehen? Aber der Reihe nach…
Der Wetterbericht sagt weiterhin nichts Gutes voraus – immer wieder Neuschnee in den hohen Lagen. Wir starten am 06.06. den Aufstieg ins sogenannte Moränenlager auf ca. 4940 Hm. Entgegen der Abstimmung in Huaraz kommt Brenta plötzlich mit. Bis ins Moränenlager ist das auch unproblematisch, da nur über Geröll aufgestiegen wird. Allerdings lässt ihre Kondition zu wünschen übrig. Schnell zerfällt dadurch die Gruppe, da sich einer unserer Bergführer intensiv um sie kümmern muss. Am Ende übernimmt er auch ihren Rucksack.
Weiterhin hat Tayler mit einer dicken Erkältung zu kämpfen, die er auch fröhlich in der Runde verteilt. Felix zeigt bereits erste Anzeichen von Husten – alles nicht gut bei der geringen Akklimatisationszeit. Bereits in den ersten beiden Tagen haben sich die unterschiedlichen Charaktere und Technikverliebtheit gezeigt. Beim morgendlichen Frühstück werden Sauerstoffgehalte und Ruhepuls verglichen. Ich stehe ein wenig daneben, da ich gelernt habe, auf meinen Körper zu achten und diesen Daten weniger Bedeutung beizumessen. Christian z. B. denkt, er ist gut angepasst, seine Werte können sich sehen lassen, aber bei jedem Aufstieg kommt er sofort ins Hecheln und muss langsamer gehen, das sagt viel mehr aus. … ich hab mal wieder vergessen, meine Uhr zu starten… ;-(
Nach entspanntem Packen und Start um 11 Uhr sind wir nach 2,5h im Moränenlager angekommen. Die Aussicht ist schon wunderbar, die Zelte schnell aufgebaut und unser Koch übertrifft sich mal wieder. Schnell ist eine warme Suppe und ein Reisgericht gekocht. Die Nacht ist gut und trotz steinigem Untergrund schlafe ich abschnittsweise sehr gut. Felix höre ich im Nachbarzelt die Nacht über stark husten – gar nicht gut.
Am nächsten Morgen (07.06.) werde ich von der Nachricht überrascht, dass Brenta ebenfalls mit ins Hochlager aufsteigen soll. Frage mich, wie dann die vereinbarten 3-Seilschaften (Bergführer und 2 Kunden) funktionieren sollen. Schlimmer noch, Brenta kommt zu Christian und mir in die Seilschaft – bin etwas angenervt, da sie weder ihre Steigeisen selbst anlegen kann, keine Knoten kennt und sich nicht selbst einbinden kann, noch jemals etwas von Spaltenbergung gehört, geschweige denn geübt hat. Das kann heiter werden und im Ernstfall für unsere Seilschaft tödlich.
Felix muss nach einer sehr schlechten Nacht absteigen, mit seinem Husten und leichtem Fieber gibt es nur diese Entscheidung. Schade! Kurz nach 8 Uhr beginnen wir mit dem Aufstieg, erst noch kurz über Geröll, dann stehen wir auf dem Gletscher. Schnell sind die Seilschaften sortiert, Brenta bekommt eine Intensivbetreuung vom Bergführer und dann sind wir abmarschbereit – in der Reihenfolge Elmar – Brenta – Christian und ich. Roger – Hendrik – Benjamin – Günther sind die erste Seilschaft, William – Tayler die Zweite (er hat einen Eins-zu-eins-Bergführer gebucht) – wir die Letzte. Die Porter sind ebenfalls zu viert im Seil.
Der erste Teil geht über entspannt ansteigendes Gelände – gut für Brenta zum Einfinden in die Gehtechnik. Trotzdem verlieren wir schnell den Anschluss an unsere beiden vorangehenden Seilschaften. Ein Rhythmus kommt nicht zustande, da Brenta immer wieder stehen bleibt (5 Schritte, Pause). Meine Gereiztheit steigt, lenke mich mit Fotografieren ab.
Der zweite Teil ist deutlich steiler und spaltenreicher. Wir durchsteigen verschiedene Eisformationen, die Eiszapfen haben mitunter abenteuerliche Formen. Nun kommen wir zu einem deutlich anspruchsvolleren Couleur. Wir müssen eine ca. 80 m lange, 45° geneigte schneebedeckte Rinne klettern. Mit Olaf hätte ich das seilfrei machen müssen. Also Hände aus den Taschen und mit 2 Eisgeräten aufwärts. Elmar baut nach gut 35 m den ersten Fixpunkt und sichert uns hoch. Brenta klettert nach und da platzt mir dann das erste Mal der Kragen. Kurz vorm Stand posiert sie für Fotos und rutscht dabei ab. Worauf habe ich mich hier bloß eingelassen?
Als ich am Stand ankomme, gehe ich innerlich gleich wieder in die Luft. Seilsalat vom Feinsten – das ist das Erste, was man beim Klettern lernt, das Seil muss fürs Weiterklettern geordnet liegen oder über die Standplatzsicherung des Vorsteigers sauber gelegt sein, um es dann übergeben zu können. Nichts von alledem. Als Elmar weiterklettert, sind wir vollauf beschäftigt, das Seil knotenfrei auszugeben, Brenta muss unter Christian durchkriechen, um weiterklettern zu können. Dasselbe dann bei Christian und mir, seine Sicherung liegt unter meiner und bei Entknoten streifen seine Steigeisen meinen Arm, da ich unter ihm stehe, er total nervös ist und ich so schnell gar nicht ausweichen kann. Mir reicht's… als ich den Fixpunkt abbaue, kommen die beiden Snowbars butterweich aus dem Schnee – das war kein echter Fixpunkt. Wie gut, dass ich sauber stehe! Der zweite Teil geht dann besser, obwohl Brenta aus Unerfahrenheit ständig Eisbrocken auslöst, die fröhlich auf Christian und mich niederprasseln. Als sie für das nächste Fotoshooting posiert, brülle ich hoch, dass sie gefälligst weiterklettern soll. Zum Glück hört es nur Christian und ich habe deutsch gesprochen – ich muss einfach ruhiger werden…
Nach gut 5h und noch einiger Gratkletterei kommen wir bei Nebel im Highcamp (5490 Hm) an. Sowohl Alpamayo (5947 Hm) als auch der Alternativberg Quitaraju (6036 Hm) hüllen sich in Wolken. Das Highcamp ist schnell aufgebaut, leider ist unter unserem Zelt eine Mondlandschaft. Versuche noch, über den Zeltboden einiges zu richten, aber wesentlich besser wird es nicht. Christian und ich werden wohl eine unruhige Nacht haben.
Nachdem alle Pflichtaufgaben erledigt sind, kommt die Zeit zum Genießen … nach 2 Stunden reißt die Wolkendecke auf und beide Berge erstrahlen in vollkommener Schönheit. Man kann es gar nicht mit Worten beschreiben, dieses Gefühl von Freiheit, hier stehen zu können und dieses Schauspiel zu beobachten, die wohltuende Ruhe und Gelassenheit zu erfahren und frei von allen Problemen der Welt zu sein. Ich genieße und vergesse zu fotografieren … als ich dann loslege und den Alpamayo bei Sonnenschein näher ins Auge fasse, wird schnell klar, dass dieser Berg uns nicht will. Über der Franzosenroute hängt eine riesige Wächte und versperrt den Gipfelausstieg. Der Neuschnee der letzten Tage ist die Flanken entlang abgerutscht und hat sich am Fuß gesammelt – damit ist der Zustieg zur Ferrari-Route erschwert. Weiterhin wird man bei dieser lockeren Neuschneeauflage keine guten Fixpunkte bauen können (die Snowbars sind nur 80 cm lang) und wir brauchen in der 350 m langen 55° steilen Firnflanke min. 8 Stück. Also aus der Traum… der Berg entscheidet, das muss man akzeptieren.
Drehe mich um und Roger, der Bergführer, hat sich zu mir gesellt. Wir schauen uns in die Augen und als ich sage, dass der Alpamayo nicht machbar ist, sagt er: „You are my wife!“ Wir sind uns mal wieder einig. Trotzdem gehen er, Elmar und William los und wollen es zumindest nicht unversucht lassen. Wir beobachten sie, aber schon vor der ersten großen Spalte drehen sie um – es ist unmöglich und viel zu gefährlich.
Während die drei nun den Zustieg zum Quitaraju erkunden, diskutieren Hendrik, Benjamin, Günther und ich die Route für den Alternativberg. Mehrere Anrisse sind in der Aufstiegsflanke zu sehen – kein gutes Zeichen – Lawinengefahr. Die Flanke ist aber deutlich weniger beschneit als am Alpamayo. Als Roger wieder zurück ist, wird heiß diskutiert. Die Bergführer wollen es probieren, die Abmarschzeit wird auf 24 Uhr festgelegt, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben. Wir gehen auseinander. Ich bin weiterhin skeptisch, mein Bauchgefühl sagt: „Lass es sein, viel zu gefährlich!“. Tayler kommt zu mir und auch er hat Bedenken. Wir einigen uns auf einen Lawinentest, schnappen uns die Schaufel und suchen uns den passenden Vergleichshang. Das 3×3-Feld ist schnell abgestochen und wir gehen ca. 1,50 m tief. Mein Bauchgefühl stimmt! Nach 30 cm kommt eine 10 cm starke Gleitschicht, der Schnee ist wie Salz und zerrinnt durch die Finger – wir können ein Schneebrett ohne Belastung nur durch Antippen mit der Schaufel auslösen. Es braucht noch mind. 4 Tage, um sich zu verfestigen. Tage, die wir nicht haben…
Das war's also, auch auf dem Quitaraju werde ich nicht stehen. Die anderen sind auf uns aufmerksam geworden und kommen hinzu. Es dauert keine Minute … alle sind sich einig. So bleibt uns nur, die Zeit hier im Highcamp zu genießen. Das machen wir dann auch bei Matetee und Tütennahrung. Allein für die Abendstimmung und den Sonnenuntergang hat sich alles gelohnt – so fühlt sich Glück an!
12. Juni 2022
So nun hatte ich nach dem abendlichen Genuss des magischen Sonnenuntergangs im Highcamp eine ganze Nacht Zeit, die Enttäuschung zu verarbeiten, denn, machen wir uns nichts vor, man will schon auf dem Gipfel stehen. Als gegen 18:30 Uhr die Sonne ihrer Wege zieht, schlägt die Kälte doppelt zu. Da hilft dann weder warmer Tee noch eine heiße Suppe… nur noch der Schlafsack im Zelt kann die erforderliche Wärme spenden. Für die Nacht waren -17° angesagt.
Vorsorglich zu den 2 Paar Socken übereinander wird die dünne Daunenjacke um den Fußbereich geschlossen. Hier fehlt mir ja die Wärmflasche, die Olaf sonst immer für mich hat. Ansonsten trage ich eigentlich nur eine lange Unterhose, T-Shirt und einen Midlayer zum Schlafen. Hatte bisher immer gereicht. Nach 3 Stunden unruhigem Schlaf ziehe ich mir noch Handschuhe über, nach weiteren 2 Stunden muss die dicke Daunenjacke ebenfalls angezogen werden – das hatte ich noch nie. Trotzdem wird mir nicht mehr richtig warm … der Grund … kommt noch.
Der Morgen im Highcamp war sehr entspannt, obwohl wir gleich bis ins Basislager absteigen wollen – gegen 10 Uhr waren alle startklar.
Nach einigen Fotos für den Instagram-Account des Summit Climb starten wir in den eingespielten Seilschaften. Meiner Stimmung nicht unbedingt zuträglich, da ich die Fähigkeiten von Brenta nun kannte. Naja um's kurz zu machen, das Abseilen ging gut und alles andere hab ich inzwischen weit weg gelegt.
Im Basislager wurden wir bereits mit heißem Wasser begrüßt – endlich wieder richtig waschen. Für Interessierte, es gibt Wilderness Reinigungstücher, ökologisch abbaubar, für die Tage ohne Wasser. 😉 Unser Koch verwöhnte uns mit diversen Köstlichkeiten und wir entspannten bis zum nächsten Morgen, dem Tag der Abholung (09.06.) durch die Eseltreiber.
Die Wanderung vom Basislager bis nach Cashapampa habe ich sehr genossen, bin immer wieder erstaunt, bis in welche Höhen hier die Pflanzen gedeihen.
In Cashapampa ging es nach einer kleinen Stärkung weiter mit dem Bus nach Huaraz. Hier haben wir nun 2 Ruhetage, ehe es am 12.06. zum Huascaran (6768 Hm) geht – der höchste Berg Perus und unser nächstes Abenteuer.
17. Juni 2022
Der Sonntag rückt unweigerlich heran und damit unser nächstes Abenteuer. Die Anfahrt ist diesmal nicht so weit, wir konnten den Huascarán bereits aus dem Hostelzimmer erspähen. Kurz vor Abfahrt bin ich nochmal in der Apotheke auf der Suche nach Hals- oder Hustenlutschtabletten. Kaufe gleich den Laden leer – die Apothekerin ist etwas verwundert und ich bin mir sicher, dass ich alle brauchen werde… Meine Erkältung ist leider nun voll ausgebrochen und ich bin genervt von meiner Husterei. Die trockene Luft in den Höhen wird's auch nicht besser machen…
Die Zufahrt über Carhuaz, Manacos und Musho verfliegt wie nichts. Unsere Eseltreiber, die die Zelte und Verpflegung ins Basislager bringen, warten schon auf uns. Schnell ist alles aufgeladen und los gehts. Es liegen ca. 1200 Hm Aufstieg vor uns – das Basislager liegt auf 4200 Hm. Die Landschaft hier im Nationalpark ist recht ähnlich dem Aufstieg zum Alpamayo – bis in große Höhen blühen noch Pflanzen.
Zu unserem Team gehört wieder Brenta, diesmal hat sie ihren persönlichen Guide – Chicho dabei. Chicho war auch schon am Alpamayo im Team, dieser Bergführeranwärter fasziniert mich. Er kann nicht nur hervorragend kochen, Lasten ohne Ende tragen, Hilfestellung bei schwierigen Kletterpassagen geben, sondern ist ein Sonnenschein vorm Herrn. Ich habe ihn niemals schlecht gelaunt gesehen, ganz im Gegenteil, er lacht bei allem aus vollem Herzen und will mir ständig mein Gepäck abnehmen… er hört meinen Husten und ist besorgt… so süß.
Nach 3,5 h erreichen wir das Basislager – ein Traum von einem Zeltplatz. Wir können über das gesamte Tal bis fast nach Huaraz schauen. Schnell sind alle Zelte aufgebaut und dank unseres Kochs Thiago gibt es ein leckeres Menü – Nudelsuppe als Vorspeise und Hühnchen mit Reis und Gemüse als Hauptgericht, natürlich auch den obligatorischen Matetee mit Cocablättern. So kann man hier gut Zeit verbringen.
Am nächsten Morgen (13.06.) steht entspanntes Packen und ca. 1000 Hm Aufstieg ins Highcamp 1 (5200 Hm) auf dem Programm. Die Kletterpassagen und die geneigten Platten sind nicht ganz ohne, wenn man 12 kg auf dem Rücken hat. An vielen Stellen sehe ich Bohrhaken zur Sicherung, aber die werden geflissentlich übergangen. Die Plattenkletterei ist nicht ganz so meine Stärke, man muss auf die Reibung des Schuhes vertrauen… und nicht in Rücklage geraten. Das geht so bis zum Refugio Huascarán (4675 Hm), nach einer kurzen Pause sind wir dann auch schon am Gletscher.
Die Schneeauflage ist angenehm und wir kommen gut im Gehgelände voran. Die Stimmung im Team ist gut. Ich huste weiterhin vor mich hin, habe aber keine Schwierigkeiten mit der Höhe. Unser Highcamp 1 hat bereits Gäste, je 2 Seilschaften – Amerikaner und Ecuadorianer, die ebenfalls im Aufstieg sind. Schnell kommt man ins Gespräch und bei der eilig errichteten Kochstätte wird fröhlich beim Tee geplaudert. Chicho, mein Held, baut mir extra ein eigenes Baño mit Schneesichtschutz… 😉
Die Nacht schlafe ich gut und am nächsten Morgen (14.06.) ist um 4 Uhr Abmarsch – wir müssen im Schutz der Dunkelheit und Kälte durchs Lawinengebiet, ehe uns die Sonne und damit die erhöhte Gefahr den Weg versperrt. Auch Frühstück wird erst im Camp 2 serviert. Ich bin mit unserem Bergführer Roger und Christian in einer Seilschaft. Wir kommen gut voran, obwohl ich ganz erheblich mit meinen Hustenattacken kämpfen muss. Christian hinter mir schimpft auch und kämpft – Roger schleift uns förmlich durchs Gelände. Nach einer Stunde kommt uns Günther (63) allein entgegen. Er war mit Hendrik und dem Bergführer Darwin in einer Seilschaft, Benjamin und Felix laufen autark und Chicho hat Brenta am Seil. Nach kurzem Austausch meint er, er ist zu alt für den Berg und will ins Basislager absteigen. An dieser Stelle ist das allein auch noch möglich. Ich finde es sehr schade, Günther ist das ausgleichende Maß unserer Gruppe.
Ein wenig später ist eine 30 m, 50° steile Eiskletterpassage zu überwinden – problemlos machbar. Ich bewundere wieder unsere Träger, sie haben gut das 2,5-fache an Gewicht auf dem Rücken und rennen förmlich durchs Gelände. Nach 4,5h und 600 Hm sind wir im Highcamp 2 (5840 Hm).
Grandioser Ausblick – mehr kann ich im Moment nicht denken. Meine Batterien sind leer, die Trinkflaschen auch, Riegel kann ich kaum essen und lasse mich einfach nur in den Schnee sinken. Die Seilschaften nach uns (Hendrik, Felix und Benjamin) erzählen, dass Chicho unter Aufbietung aller Kräfte Brenta über die Kletterstelle geschleift hat, alle anderen mussten warten… ganz schlecht, was hier so betrieben wird.
Unser Koch hat Probleme mit dem Brenner und wir bekommen bis 12 Uhr kein Wasser und nichts zu Essen. So langsam wanke ich, Felix bemerkt es und bekniet den Koch, bis dieser Toast und Karamellcreme aus der Tube herausrückt. Damit holt mich Felix wieder unter die Lebenden. So mies ging es mir noch nicht mal nach einem Marathon. Nachdem wir später ausreichend Wasser/Tee/Kaffee und Toast mit weiterer Karamellcreme bekommen haben, kann auch ich wieder lachen. Die Sonne scheint, die Wetteraussichten für die nächsten Tage sind perfekt. Uns geht's gut! Der Gipfel wartet …
17. Juni 2022
Viel gibt es nicht Neues … ich durchstreife Huaraz auf der Suche nach schönen Fotomotiven. Es gibt einiges zu sehen, wenn man in die Seitenstraßen abbiegt.
Aber als Erstes werde ich Stammgast in der Apotheke – die kälteste Nacht hatte ihren Grund – Tayler hat auch mir die Erkältung weitergereicht… Husten, Schnupfen, Heiserkeit machen sich nicht gut, wenn man in 2 Tagen wieder in große Höhen aufbrechen will. Die Apothekerin versteht mein Anliegen und empfiehlt mir 2 Medikamente, allerdings fragt sie mich, wie viele Tabletten ich haben möchte. Hier wird nach Stückzahl verkauft. Also nehme ich von jedem 10 Stk und google im Hotel dann die Einnahme… dann wieder in die Apotheke zurück und Nachschub geholt.
Am zweiten Tag besuchen wir eine Ausgrabungsstätte ganz in der Nähe – Waullac. Ein bisschen Kultur muss ja auch sein. Die Wari-Zeit liegt mit 700 n. Chr. kurz vor der Inkakultur. Es gibt viele Ähnlichkeiten. Hier sind die Grabstätten, Skulpturen und Bauarten der Recuay-Kultur zu sehen.
Die Ausbeute war dann doch nicht so groß … deswegen noch ein paar Impressionen…
18. Juni 2022
Der Nachmittag (14.06.) geht schnell vorüber und gegen 16 Uhr hat jeder seine Bergnahrung (gefriergetrocknete Hochkaloriennahrung – wird mit Wasser angerührt) intus. Die Lagebesprechung für den Gipfelaufstieg beginnt. Start soll wegen der Lawinenlage um 0.30 Uhr sein. Wir müssen schnell durch das gefährliche Couleur. Gemäß Wetterbericht und eigenen Abschätzungen scheint es machbar zu sein. Der Aufstieg (900 Hm) soll in 6-7 h zu schaffen sein, je nachdem, wie hoch die Neuschneeauflage ist. Spätestens 8 Uhr müssen wir mit dem Abstieg beginnen, um einigermaßen sicher durch die beiden Lawinenzonen zu kommen. Dann soll es einen Snack im Highcamp 2 geben, anschließend folgt der Abstieg bis ins Basislager. Das sind nochmal 1600 Hm abwärts und vor allem nach der 2. Lawinenzone und dem Gletscher über die Platten mit vollem Gepäck. Ein Kraftakt also…
Um 18 Uhr liegen alle in den Zelten. Mir ist ein wenig frostig und im Liegen wird mein Husten wieder schlimmer. Das macht mich unruhig. Meine Gedanken kreisen insbesondere um den Abstieg. Reicht meine Kondition am Ende noch für das sichere Begehen der Platten im Abstieg? Werde unsicher… ein Schlenker reicht und es ist vorbei, man rutscht einfach ins Bodenlose, kein Gelände, das Fehler verzeiht … an Schlaf ist nicht zu denken. Christian neben mir im Zelt döst auch nur vor sich hin. Gegen 22.30 Uhr muss ich auch noch mal vors Zelt. Der Nachthimmel ist wunderschön und der helle Vollmond gibt dem Schnee einen leicht rötlichen Schimmer.
Pünktlich starten wir. Vor uns noch die beiden Ecuadorianer. Roger, Christian und ich sind die erste Seilschaft, dann kommt Darwin mit Hendrik und den Reigen vollenden Benjamin und Felix. Die ersten 45 min treibt uns Roger wieder an. Möglichst schnell aus der Gefahrenzone … mein Husten findet das überhaupt nicht gut. Nach gut 1,5h bin ich kein Mensch mehr … alle 6 Schritte muss ich stehen bleiben und tief durchatmen oder husten. So ein Mist – damit komme ich nie auf den Gipfel und damit Christian in meiner Seilschaft auch nicht – hier geht alles nur gemeinsam. Hendrik hinter mir hat ebenfalls Probleme, er ist nicht gut höhenakklimatisiert und zweifelt laut an seiner Motivation. Innerlich bin ich auch bereits am Aufgeben. Nach weiteren 15 min ist es soweit – Hendrik bläst zum Rückzug. Ich überlege hin und her und in dieser Lage fällt die Abwägung doppelt schwer. Es hat mich einiges gekostet, bis hierher gekommen zu sein … und nun alles hinwerfen? Leider bin ich viel zu vernünftig … schließe mich Hendrik an und wir drehen um. Für mich wieder kein Gipfelglück – aber somit bleibt zumindest Christian die Chance auf den Gipfel.
Um 2.30 Uhr liege ich im Zelt und ärgere mich bereits, aufgegeben zu haben. Um 6 Uhr (15.06.) starten Darwin, Hendrik und ich sowie Chicho und Brenta mit dem Abstieg ins Basislager. In der Nacht ist eine mittlere Lawine abgegangen und wir haben Schwierigkeiten, einen sicheren Weg durch den Lawinenkegel in der 2. Lawinenzone zu finden. Mehrere Spalten haben sich zusätzlich aufgetan. Wie mag es unseren Mitstreitern weiter oben gehen? Sind sie sicher am Gipfel? An den Kletterstellen seilen wir relativ schnell ab und ich bin froh, dass wir gut vorankommen. Wirklich gut geht es mir nicht und mein Ärger übers Aufgeben löst sich so langsam in Luft auf. Es war die richtige Entscheidung. Unser Abstieg über die Platten dauert ewig – es liegt an mir, meine Kraftreserven sind am Ende und wirklich sicher fühle ich mich nicht beim Absteigen auf den Platten. Am Refugio Huascaran treffen wir auf eine 6-köpfige peruanisch-amerikanisch-polnische Alpinistengruppe. Sie wollen heute bis zum Highcamp 1 und morgen dann weiter aufsteigen. Nach einem kurzen Schwatz geht's weiter. Sicher kommen wir im Basislager an und werden freudig von Günther begrüßt.
Es dauert nochmal 1,5h dann sind auch Chicho und Brenta sicher im Basislager. Der Träger, der für Günther gekocht hat, ist bereits am Morgen ins Camp 1 aufgestiegen, um Material abzuholen. Chicho zaubert für uns Avocadocreme, Platos und später eine leckere Nudelsuppe. So langsam söhne ich mich mit mir selber aus und kann die wunderbare Landschaft wieder genießen.
Am späten Nachmittag treffen unsere 3 Träger (Yaku, Juan, Amaru) mit der Lagerausrüstung und zusätzlich mit dem Gepäck von Christian ein. So kann er wenigstens entlastet absteigen. Unsere Träger zeigen hier eine fast unheimliche Leistungsstärke. Am späten Abend sind dann auch Roger und Christian nach dem Gipfelerfolg im Lager. Felix und Benjamin wollen im Camp 2 schlafen, um 3 Uhr starten und am nächsten Morgen gegen 7 Uhr im Basislager sein. Die Träger starten in der Nacht, um Felix und Benjamin mit dem Gepäck zu helfen, damit wir gemeinsam am Morgen des 16.06. vom Basislager nach Musho absteigen können, wo unser Bus wartet. Der Plan geht auf, alle sind sicher am Morgen im Basislager. Die 4 Gipfelstürmer erzählen Heldengeschichten … Christian ist in eine Spalte eingebrochen und am Rand zum Sitzen gekommen. Glück gehabt … Felix und Benjamin fanden das Gelände oberhalb vom Highcamp 2 sehr grenzwertig und wären, wenn Roger, unser Bergführer, nicht die ganze Zeit gespurt hätte, ebenfalls umgedreht. Auch sie hatten beim Abstieg riesige Probleme unterhalb vom Highcamp 2 durch den neuen Lawinenkegel den Rückweg zu finden und sind fast eine Stunde lang herumgeirrt. Wie viel mehr Glück sie
noch hatten, erfahren sie ein paar Stunden später…
Also machen wir uns gemeinsam mit den Eseln und all unserem Gepäck auf den Weg nach Musho. Fröhlich schlendern wir den Berg hinab. Leider hält die Stimmung nicht lange an. Gegen 10 Uhr fangen unsere Träger und Bergführer an, ungewöhnlich viel zu telefonieren … wir fragen nach, was los ist. Zwischen Highcamp 1 und Highcamp 2 im Canaleta-Sektor hat es am Morgen gegen 7:30 Uhr einen weiteren Lawinenabgang gegeben. Die 6 Alpinisten vom Vortag sind betroffen, die beiden polnischen Männer werden schwer verletzt, einer wird in eine Spalte geschleudert. Die Rettungsteams sind glücklicherweise gegen 11 Uhr schon an der Unfallstelle. Erst am Abend können sie vom Berg geholt werden. Hoffentlich werden sie bald wieder gesund! So bekommt unser Abenteuer plötzlich eine ganz andere Wendung.
22. Juni 2022
Nachdem wir alle wohlbehalten nach Huaraz zurückgekehrt sind, haben sich unsere Wege getrennt. Meine 5 Bergkameraden sind nach Deutschland zurückgekehrt und ich habe mich mit dem Überlandbus bis Lima und dann mit dem Flieger nach Cusco auf den Weg gemacht.
Ich will nun ein bisschen Kultur genießen und in die Inka-Geschichte eintauchen. In Cusco habe ich Quartier in einem kleinen familiär betriebenen Backpacker bezogen. Aus meinem Dachgeschosszimmer kann ich auf die Stadt schauen und gleichzeitig die umliegenden Berge sehen – wunderbar. Um in meine Festung zu gelangen, muss ich 5 Treppen erklimmen und 6 Türen aufschließen – mein Schlüsselbund ist größer als Zuhause. 🙂
Die Inhaberin Sara ist einfach goldig, als Willkommensdrink gibt es Matetee. Sie spricht sehr gut englisch und nachdem ich die letzten 14 Tage kaum spanisch brauchte, muss ich mich nun am Riemen reißen und mal wieder in meine Spanischlehrbücher schauen, sonst vergesse ich zu viel. Den ersten Abend in Cusco (bin gegen 18 Uhr gelandet) habe ich in den Straßen der Stadt verbracht. Eigentlich wollte ich nur etwas Kleines Essen und Wasser kaufen. Da ich direkt in der Altstadt wohne, bin ich mal schnell zum zentralen Marktplatz geschlendert. Hier war einiges los – Cusco feiert ein Stadtfest und eine jugendliche Folkloregruppe probte für einen Auftritt.
Den habe ich dann am nächsten Tag in traditioneller Kleidung erlebt … die ganze Stadt ist auf den Beinen. Teilweise war es kaum möglich, in die entsprechenden Kirchen und Museen zu gelangen.
Trotzdem habe ich meine Kulturrunde gedreht. Die Kirchen und Kathedralen sind meist durch die Spanier geprägt und haben eine künstlerische Vielfalt, die einem den Atem raubt. Zusätzlich dazu, dass Cusco auf 3600 Hm liegt und man es bei jedem Anstieg der Straße merkt. 😉
Am späten Nachmittag hatte ich dann ein Treffen mit meinem Tourguide für den Inkatrail. Am 22.06. ist es soweit, dann bin ich mal für 4 Tage auf Trekkingtour nach Machu Picchu.
Heute nun bin ich in die Rainbow-Mountains gefahren. Sie liegen ca. 2h entfernt von Cusco. Um dem Massentrouble zu entfliehen, sind wir morgens um 4 Uhr gestartet und haben unterwegs gefrühstückt. Kurz vor 8 Uhr waren wir am Parkplatz auf gut 4600 Hm und sind dann gut 1,5h bis auf 5050 Hm gewandert. Das Farbenspiel der Berge ist sehr beeindruckend, die unterschiedlichen Mineralien färben das Gestein sehr malerisch. Da wir eine der ersten Touristen am Berg waren, blieb viel Zeit zum Fotografieren ohne dass einem ständig Menschenmassen durchs Bild laufen. Allerdings kann ich dem Trubel eh nichts abgewinnen und brauche auch nicht ständig ein Bild mit Alpakas. Aber man wird förmlich dazu gedrängt – so habe ich nun auch mein Tierbild.
28. Juni 2022
Am 22.06. war es nun soweit – auf den Pfaden der Inkas nach Machu Picchu laufen … endlich wieder Berge und Natur. So schön auch Cusco ist, die vielen Touristen und nächtlichen Partys sind auf Dauer nicht meins. Ich sitze lieber auf dem Berg und schau' in die Ferne.
Unsere Gruppe besteht aus vier Peruanern – das Paar Grazia & Horche, und ihre Freunde Claudia und Oskar – 2 dänischen Jungs – Thomas, Oliver – einem amerikanischen Paar – Lynne und Martin sowie unseren Guides Joel und Dario. Eine bunte Vielfalt an Charakteren und wie sich im Laufe des ersten Tages herausstellt – eine wirklich homogene und vor allem zu allen Späßen aufgelegte Truppe. Wie immer kommen wir mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen … die dänischen Jungs (20+21) sind unschlagbar schnell unterwegs (an den Aufstiegen allerdings müssen sie Federn lassen 🙂 und davon gibt es einige…), Lynne kämpft ab dem ersten Tag mit Knieproblemen und muss sehr langsam laufen und die vier Peruaner haben es nicht so mit Abmarschzeiten … typisch für die Zeitrechnung hier, sind auch fit und Joel staunt jedes Mal, wie schnell wir sind.
Start ist um 4 Uhr in Cusco, mit dem Bus geht es ins Sacred Valley zum Startpunkt km 82. Unterwegs gibt es in Ollantaytambo noch gegen 6 Uhr ein gutes Frühstücksbüffet. Gegen 8:30 Uhr starten wir dann mit einem offiziellen Gruppenfoto am Trail 1 und 2. Zuvor müssen wir uns mehrfach mit Passport und Permit registrieren. Das Kulturinstitut Perus hat im letzten Jahr den Zugang stark limitiert und vergibt nur noch ausgewählte Routen. Diese sind ca. 3-4 Monate im Voraus zu buchen und schnell vergriffen. Unterwegs sind verschiedene Anbieter (farblich jeweils einheitlich – wir sind Team GELB) deutlich zu erkennen. Für meine Begriffe sind immer noch sehr viele Menschen hier unterwegs. Nach Aussage unseres Guides Joel jedoch deutlich weniger als vor COVID. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, was hier mal unterwegs gewesen ist.
Die Wanderung dauert ungefähr 5:30h, nach meiner Uhr sind es ca. 13 km, die Anstiege sind moderat – von 2050 Hm auf ca. 2900 Hm. Am Anfang laufen wir entlang des Rio Urubamba, dieser wird uns einige km begleiten.
Unterwegs sehen wir die Ruinen des Fort Hullica Ra Ccay und auf ca. 2650 Hm Llactapata (in Quechua) – bedeutet obere Stadt. Diese wurde vom Historiker Hiram Bingham wiederentdeckt, wie auch Machu Picchu 1911 von ihm entdeckt wurde.
Während wir Llactapata erkunden, sind unsere 10 Porter und der Koch Chicko vorausgeeilt. Sie bereiten uns ein köstlich stärkendes Mittagessen (echter Luxus!) und tragen die gesamte Campingausrüstung (Zelte, Kochausrüstung, Verpflegung). Einige von uns lassen ihre Schlafsäcke und Isomatten tragen, ich finde, das schafft man auch noch und trage alles selber.
Während des zweiten Teils des Tages haben wir einen wunderbaren Blick auf die Cordilla Urumbamba und den schneebedeckten Berg Veronica (5860 Hm). Wir steigen hinab zum Rio Cusichaca.
Dem Fluss folgend erreichen wir am Nachmittag unser Camp in Huallabamba (Quechua) – Grasebene – auf ca. 2900 Hm. Wir sind auf einem Privatgrundstück, die Besitzer sind sehr freundlich und wir dürfen (wer will) die einzig warme Dusche auf dem Trail gegen Entgelt benutzen. Da bis zum Abendessen noch reichlich Zeit ist, erkunde ich ein wenig das Dorf. Beim Abendbrot werden die wichtigsten Infos der einzelnen Teilnehmer abgeklärt, ein lustiger Mix aus Englisch und Spanisch entsteht. Unterwegs haben sich schon einige Gespräche entsponnen und Oskar ist der Spaßvogel in unserer Gruppe. Wir waren uns gleich auf den ersten Blick sehr sympathisch und werfen uns verbal immer wieder die Bälle zu. Es dauert ein bisschen, bis die 4 Peruaner mitbekommen, dass ich sie auch dann ganz gut verstehe, wenn sie spanisch sprechen… Lynne hat mit ihren Knieproblemen zu kämpfen und verabschiedet sich schnell am Abend. Wir sitzen bei Pisco noch recht lang, bis uns Joel ins Bett jagt. Die Porter schlafen im Aufenthaltszelt …
Die zweite Etappe am folgenden Tag geht bis Pacaymayo. Das sind ca. 10 km von 3000 Hm, Aufstieg zum höchsten Pass des Trails Warmi Wanusca Pass (4215 Hm) und Abstieg zum Camp auf 3600 Hm. Ich vergesse mal wieder, meine Uhr zu starten und so fehlen mir die ersten 45 min. Pünktlich um 5:00 Uhr soll Abmarsch sein, geweckt werden wir um 4:00 Uhr mit heißem Tee ans Zelt – wieder extremer Luxus – Frühstück gibt es 30 min später. Unsere Peruaner nehmen das nicht ganz so genau und Joel wird etwas ungeduldig. Gegen 5:30 Uhr ist dann endlich Start. Die dänischen Jungs und ich sind langsam durchgefroren, wir hatten uns an die Zeit gehalten…
Heute haben wir ca. 7 Stunden Wanderung vor uns, zuerst geht es von Huayllabamba entlang der Rio Llulluchayoc für ca. 1 Std. bergauf bis nach „Tres Piedras“ (Drei Steine), dann überqueren wir den Rio Huayruro auf einer schmalen Brücke. Später durchqueren wir Polylepiswälder und passieren einen Wasserfall. Nach ca. 3 Stunden Anstieg erreichen wir die Baumgrenze und Llulluchapampa (3680 m). Bis hierher hat sich die Gruppe schon weit auseinander gezogen, ich bin mit Oliver und Thomas gut unterwegs. Nach einer längeren Verschnaufpause disponieren wir etwas um. Lynne hat große Probleme, inzwischen auch mit der Höhe. Wir verteilen ihr Gepäck auf alle, um es ihr leichter zu machen.
Es sind weitere 1 ½ Stunden Aufstieg über Stufen bis zum ersten und höchsten Pass des Trails, Warmi Wanusca („Dead Woman's Pass“) mit 4215 Hm. Konnten wir die ersten Kilometer im Schatten laufen, sind wir nun der prallen Sonne ausgesetzt. Bei der Anstrengung nicht unbedingt sehr angenehm. Oben am Pass ist allgemeines Treffen aller Inkatrail-Anbieter. Jeder Ankömmling wird wie ein Held gefeiert. Die entsprechenden Instagram-Posen folgen. Meine Namensvetterin ist ein Paradebeispiel … kämpft sich tapfer und ziemlich erschöpft nach oben und sobald der Ruf „Pic“ erfolgt, wird das Standardlächeln hervorgezaubert und gestrahlt, als wäre es um alles in der Welt nicht anstrengend. Ihre Freunde und inzwischen auch wir anderen nehmen sie damit auf die Schippe – sie trägt es mit Gelassenheit. Der Ausblick in beide Täler ist grandios und wir verbringen einige Zeit mit Fotografieren.
Der Abstieg führt sehr steil auf unterschiedlich hohen Inkastufen ins Tal. Wir sind gut unterwegs und erreichen am Mittag unser Camp in Pacaymayo (3600 Hm).
Die Zelte stehen schon und bis zum Essen ist noch Zeit für eine kalte Dusche, nach der Anstrengung eine reine Wohltat. Bis zum Abend haben wir viel Zeit zum Erholen und Rumdösen, Lesen – was eben jeder so gern mag. Nach dem 17-Uhr-Tee und den zugehörigen Popcorn (wird hier wie Brot verspeist) starten wir mit einer Runde UNO, die sich schnell zum Dauerbrenner entwickelt. Die Regeln sind in jedem Land unterschiedlich und so klären wir die Voraussetzungen. Als Renner erweist sich die Null – unsere Familienregel – Karten werden komplett in der gesamten Runde an den Nachbarn weitergegeben. So kann man sich schnell mal vieler Karten entledigen. Dario ist ein Schelm, versucht immer wieder zu schummeln mit einem unschuldigen Lächeln, das Steine erweichen kann. Oskar schenkt reichlich Pisco ein und nach, sodass immer neue Spielpreise ausgehandelt werden. Zum Schluss muss der Gewinner mit dem Verlierer tanzen, am Ende tanzen wir alle Salsa. 🙂
Der 3. Tag beginnt wieder sehr zeitig – Oliver und Thomas finden das nicht so gut. Wecken ist um 4:00 Uhr. Zum Frühstück gibt es Pancake mit Fantasietierverzierung – unser Koch ist so gut. Von Pacaymayo ist es 1 h Aufstieg zu den runden Mauern der Ruinen von Runcuracay, die das Tal überblicken.
Nach weiteren 45 Min erreichen wir den 2. Pass, Abra de Runkuracay (4000 Hm). Von hier aus können wir weit bis zum Cerro Saksarayua (5918 Hm) sehen. Bei Sonnenschein vollziehen wir die Pachamama-Zeremonie. Dies ist der Dank an die Mutter Erde – Pacha Mama. Dabei werden von allen Teilnehmern je 3 Coca-Blätter ausgewählt – diese symbolisieren den Himmel (Kondor), das Land (Puma) und die Unterwelt (Schlange). Diese werden wie ein Fächer gehalten. Dann wird in jede Himmelsrichtung dem Apu – der Berggott, das was man beschützen möchte, mit einem besonderen Spruch ans Herz gelegt. Anschließend bereitet man eine Opfergabe aus den Coca-Blättern, Obst, Süßem oder anderen Speisen. Zum Schluss wird alles mit Wein oder Pisco übergossen und wieder dem APU gedankt. Am Ende der Zeremonie wird alles mit Steinen abgedeckt. Eigentlich soll es verbrannt werden, geht aber hier oben nicht. So haben wir jeder unsere Wünsche in den Himmel tragen lassen.
Mit einem beschwingten Schritt geht es dann an den steilen Abstieg, nach 340 Hm geht's wieder auf alten Inkastufen hoch zu den Ruinen von Sayacmarca („Unerreichbarer Ort“) auf 3660 Hm, welche von steilen Felswänden geschützt sind. Die Inkas haben ihre Orte sehr geschickt in den Berg gebaut.
Danach steigt der Weg nochmal kurz zum 3. Pass (3700 Hm) hin an. Vom Pass aus haben wir eine überwältigende Aussicht auf den schneebedeckten Salkantay (6180 Hm) und Veronica (5860 Hm). Überhaupt ist der Weg gekennzeichnet von einer wunderschönen Pflanzenwelt und Steinformationen.
Anschließend geht es weiter zu den Ruinen von Puyupatamarca („Stadt der Wolken“). Unser Guide erklärt uns die Ruinen und das Inka Bad, das am Wege liegt. Nach einem stärkenden Lunch gehen wir auf eindrucksvollen Inkastufen weiter hinab.
Nach etwa 1 Stunde Wanderung durch Nebelwald erreichen wir schließlich die Ruinen von Wiñaywayna (2650 Hm), wo wir unser letztes Camp aufschlagen.
Nach einer ebenfalls erfrischend kalten Dusche bereitet uns unser Koch Chicko eine Abschiedsüberraschung – eine Torte. Wir sind echt überrascht, was er alles auf diesem Trekk an Essen zaubert. Zwischen Torte und Abendessen werden wieder die Unokarten strapaziert und der letzte Pisco getrunken – der schmeckt sogar im Kaffee und wärmt gut durch. Je später der Abend wird, umso unmöglichere Preise werden ausgehandelt. Am Ende sitzen auch noch die Porter bei Spiel und zocken uns ab. Der letzte Abend geht dann doch früh zu Ende, morgen geht's nach Machu Picchu und wir müssen um 4:00 Uhr am Checkpoint sein.
29. Juni 2022
Um 4:00 Uhr sollen wir am Checkpoint sein – um 5:30 Uhr wird der Weg nach Machu Picchu geöffnet. So richtig ist uns am Abend nicht klar, warum wir 1,5 Stunden vor Öffnung da sein sollen. Einleuchtend ist nur, dass die Porter die Campingausrüstung mit dem ersten Zug von Aguas Calientes zurück nach Cusco bringen sollen. Also ist um 3:30 Uhr aufstehen angesagt. Das Frühstück gibt's als Lunchpaket. Mir kommt das sehr entgegen, da ich die Einzige von uns bin, die den Machu Picchu Berg (3061 Hm) besteigen will und mein Permit ein Zeitfenster von 7-8 Uhr hat. Vom Checkpoint bis zum Sonnentor („Inti Punku“) sollen es 1,5 Stunden Wanderung sein, weiter nach Machu Picchu und dem Checkpoint zum Berg nochmal 1 Stunde. Eine ziemlich knappe Angelegenheit also… Die Machu Picchu Anlage werde ich im Anschluss dann allein mit Dario erkunden, die anderen werden gleich mit Joel die Inkastätte besuchen.
Also stehen wir pünktlich am Checkpoint und siehe da, auch die anderen Trekkinganbieter hatten den gleichen Plan. Zum Glück war die Nacht wolkig und die Temperaturen sind nicht unter Null gefallen, also wird's nicht so kalt beim Warten. Weil wir so zeitig da waren, konnten wir noch Sitzplätze auf den überdachten Holzbänken ergattern. Alle nach uns müssen im Stehen warten… ich umarme meinen Rucksack und schlafe nochmal ein 🙂
Nach dem Passieren des Checkpoints und Ausweiskontrolle – hier muss man immer seinen Pass bei sich führen – geht das Rennen im Schein der Stirnlampen nach Machu Picchu an den Start. Alle, die wir im Laufe des Trekks immer wieder mal getroffen haben, wollen als Erstes am Sonnentor sein, um den Sonnenaufgang erleben zu können. Sie legen ein Tempo an den Tag, welches ich sonst so nicht beobachten konnte. Ich lass es mir trotzdem nicht nehmen, zum Fotografieren anzuhalten.
Wir sind so gut in der Zeit, dass wir bereits nach einer Stunde am Sonnentor sind. Nach vielen Fotos geht es dann für mich und Dario im Sturmschritt zum nächsten Checkpoint.
Nach 20 Minuten sind wir da! Wir besichtigen kurz den ganz oberen Teil der Ruinen-Anlage, dies sind nur Terrassen und die Casa del Guardian. Hier hat man einen schönen Überblick über die Gesamtanlage und zum heiligen Huayna Picchu Berg (2693 Hm).
Anschließend laufen wir bergab zur Gepäckaufbewahrung am Parkplatz (2400 Hm), denn man darf die Wanderrucksäcke nicht mit in die Anlagen nehmen. Dann stürme ich wieder bergauf, denn inzwischen ist es 7:45 Uhr und ich muss bis 8:00 Uhr am Berg eingecheckt haben. Nach Aussage von Dario braucht man für den Aufstieg – es sind 600 Hm nur über Stufen – ca. 2 Stunden. Das Wetter ist inzwischen schlechter geworden, die Wolken sammeln sich an den Bergspitzen und es sieht nach Regen aus. Keine guten Voraussetzungen für einen Bergaufstieg – aber ich bin ja ohne Gepäck unterwegs. Um 7:53 Uhr checke ich ein und der Lauf gegen die Zeit beginnt … Nach 1:05 h stehe ich oben und kann den Ausblick genießen. Es hat sich gelohnt, denn die Wolkendecke reißt wieder auf und gibt den wunderbaren Blick auf die Berge und nach Machu Picchu frei.
Nach 30 Minuten auf dem Gipfel stürme ich wieder hinab, um den Rundgang in der Inka-Anlage mit Dario beginnen zu können. Je später es wird, umso mehr Touristen kommen mit dem Zug nach Aguas Calientes und wollen Machu Picchu besuchen.
Es gibt nur vom Kulturinstitut festgelegte Routen durch die Anlage und manche Tempel haben nur bis 10 Uhr geöffnet. Ich finde das sehr schade, aber so ist es nun mal. So kann ich zum Beispiel die Reloj Solar, den Templo a la Pachamama und den Fuentes de Agua nicht sehen. Die unterschiedlichen Anlagen können anhand der Steinbearbeitung unterschieden werden. Je größer und genauer die Steine sind, umso heiliger ist die Anlage. Die obere Anlage von Machu Picchu ist den Göttern gewidmet, die unteren Anlagen dienten der Landwirtschaft.
Nach 2 h Rundgang über verschiedene Tempel (Tempel der 3 Fenster, Sonnentempel und Tempel des Kondors) sowie vorbei am Roca Sagrada und den Espejos de Agua bin ich etwas ausgehungert und müde.
Mit dem Bus geht es nach Aguas Calientes und treffen wir uns mit der restlichen Gruppe zum Mittagessen. Dann bleibt noch etwas Zeit für die Erkundung des Ortes. Am Nachmittag fährt dann der Zug von Aguas Calientes zurück nach Ollantaytambo. Der traditionelle Zug hat einige Wagen mit Stehbereichen am offenen Fenster, so kann ich mir den Wind um die Nase wehen lassen und nach Herzenslust fotografieren – Abschied von den Bergen des Sacred Valley.
1. Juli 2022
Glücklich und zufrieden komme ich vom Inka-Trail wieder zurück nach Cusco. Habe einen Tag Pause für Erholung, Wäsche waschen und Umpacken für den nächsten Trip. Am späten Vormittag mache ich mich auf den Weg, noch zwei umliegende Sehenswürdigkeiten zu erkunden.
Imposante Ruinen und faszinierende Einblicke in die Frühgeschichte von Peru – die Überreste der Festung Sacsayhuamán gehören zu den bedeutendsten historischen Stätten des Landes. Erbaut wurde die Festung zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert, über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hinweg. Über 20.000 Männer sollen am Bau beteiligt gewesen sein. Archäologische Funde bestätigen, dass die Bauten von Sacsayhuamán nach ihrer Fertigstellung gleich zwei Aufgaben hatten. Sie dienten einerseits als Befestigungsanlage und Schutzwall der Stadt Cusco, andererseits als zeremonielle Stätte und Heiligtum. Teilweise zerstört wurde die Anlage im Zuge der spanischen Eroberung.
Weitere Schäden entstanden durch Erdbeben im Laufe der Jahre. Heute sind die Ruinen nicht nur eine Sehenswürdigkeit, sondern dienen auch Archäologen als wichtiges Forschungsgebiet rund um die letzten Geheimnisse der Inka. Die gesamte Anlage erstreckt sich auf imposanten 3000 Hektar und dient zahlreichen Tieren und Pflanzen als Heimat. Die noch stehenden Wände der Festung selbst sind aus großen Steinblöcken gemauert. Ein einziger Stein kann eine Höhe bis zu 9 Metern und ein Gewicht von 125 Tonnen erreichen. Auf den ersten Blick fällt die harmonische Einbettung der Mauern und Gebäude in die Landschaft auf, auf der die Festung erbaut wurde. Die Erbauer trugen keine Hügel ab, sondern alles wurde an die bestehenden Begebenheiten angepasst.
Pukamuqu (Quechua für „roter Hügel“) heißt der gegenüber Sacsayhuamán liegende Berg. Es ist ein natürlicher Aussichtspunkt auf einer Höhe von 3.600 Metern. Oben auf dem Berg befindet sich eine Statue namens Christo Blanco.
Nach so viel Kultur muss dann auch mal Pause sein. Habe in Cusco mein Lieblingslokal gefunden – sie haben die besten Empanadas…
Am 27.06. soll es weiter mit dem Bus nach Puno, Tikitakasee und nach Arequipa gehen. So der Plan … und wie sagt man so schön … „Du machst Pläne und dann fällt das Schicksal lachend vom Stuhl“. Am 26.06. gegen 20 Uhr erfahre ich, dass die Busfahrer streiken. Mist, so mein erster Gedanke. Der Zweite gilt der Suche nach einer Unterkunft, denn ich wollte meine Bergsteigersachen bei Sara im Guest House lassen und erst am 30.06. abends vorm Flug nach Quito wieder mitnehmen. Zum Glück kann Sara umplanen und ich erstmal mein Zimmer behalten. Das Dach über dem Kopf ist also sicher, aber was mache ich nun? Hier in der näheren Umgebung gibt es schon noch ein paar Kultstätten zu besuchen, aber die Zufahrtsstraßen haben die Busfahrer ja gesperrt. Und da merke ich wieder, welches Glückskind ich wohl bin. Als ich beim Frühstück am nächsten Morgen mit Sara über den Streik schwatze und ein bisschen jammere, dass ich nichts machen kann, ruft sie kurzerhand einen Freund an. Er ist für heute mein Fahrer!
Also fahren wir gegen 11 Uhr los und schleichen uns über Nebenstraßen aus Cusco heraus. Erstes Ziel sind die Salzminen von Maras im Heiligen Tal am Urubamba Fluss. Versteckt zwischen sich dahinschlängelnden Straßen eröffnet sich plötzlich der Blick auf hunderte Salzpfannen. Sie erstrecken sich terrassenförmig weit hinunter ins Tal. Sie stammen aus der Inka-Zeit und werden heute genauso bewirtschaftet wie vor 2000 Jahren.
Salz in mitten der Anden mag sich im Augenblick seltsam anhören. Wenn man aber bedenkt, dass die Bergkette einst auf Meereshöhe lag und erst durch tektonische Verschiebungen auf diese Höhen kam, ist es nicht mehr so abwegig. Eine winzige Quelle, von der man niemals glauben würde, dass sie all diese Felder speisen kann, sorgt hier für Arbeit über Jahrhunderte. Forscher behaupten, dass sie von den Inkas angelegt wurden, aber es gibt Hinweise, dass sie aus der Zeit der Chanapata-Kultur (200-900 v. Chr.) stammen. Die ca. 5000 Salzpfannen gehören je einer Familie in Maras, sind zwischen 4-10 m² groß und max. 30 cm tief. Sie werden in Gemeinschaft bewirtschaftet.
Um die Salzpfannen gibt es natürlich auch eine Sage. Der Legende nach geht das salzige Wasser auf die Tränen von Ayar Cachi zurück. Ayar Cachi war einer von vier Brüdern, auf die die Gründung des Inka Reiches zurück geht. In der Inka-Mythologie entließ der Gott Wiracocha die Geschwister aus einer Höhle mit dem Auftrag das Inka Reich zu gründen. Ayar Cachi warf einen Stein auf einen Berg und es entstand eine Schlucht. Seine Brüder waren derart erschrocken von seiner Kraft, dass sie ihn mit einer List in eine Höhle lockten und diese mit ihm drinnen verschlossen. Aus Trauer darüber weinte Ayar Cachi und aus den Tränen bildeten sich Teiche, die von der Sonne getrocknet wurden und so zu den Salzflächen wurden.
Als nächstes Ziel stand die Ruinen von Moray auf dem Programm. Dies sind Terrassen oder landwirtschaftliche Plattformen, die in Vertiefungen gebaut wurden. Die Terrassen überlagern sich konzentrisch zu einem gigantischen Amphitheater. Die größte der 3 Vertiefungen ist 150 m tief und die durchschnittliche Höhe der einzelnen Plattformen beträgt 1,80 m. Der Forschung zufolge bildeten diese Konstruktionen ein wichtiges landwirtschaftliches Labor des Inka-Reiches, um mit Feldfrüchten zu experimentieren. Da die Plattformen mit ihren jeweiligen eigenen Bewässerungskanälen gebaut sind, hat jede Terrasse ein eigenes Mikroklima. Auffallend ist der große Unterschied in der Jahresdurchschnittstemperatur zwischen dem oberen und dem unteren Rand der Terrassen, der bis zu 15°C betragen kann. Die mit fruchtbarem Boden gefüllten Stützmauern ermöglichten den Anbau von mehr als 250 Pflanzenarten.
Zu guter Letzt geht es nach Q'enqo – es ist bekannt für einige der umfangreichsten geschnitzten Felskomplexe in der Region Cusco. Die Stätte wurde um einen 5 m hohen Steinblock errichtet, der vermutlich einen Puma darstellte. Der Steinblock wurde bei der Eroberung durch die spanischen Konquistadoren stark beschädigt. Rund um diesen natürlichen Monolithen wurden eine Art Amphitheater mit Nischen und eine Terrasse errichtet. In die danebenliegende Kalksteinformation wurde eine zickzackförmige Steinrinne gehauen, in die vermutlich Trank- oder Blutopfer gegossen wurden. Die Rinne verschwindet in einem unterirdischen Raum mit einem altarähnlichen Stein und weiteren in den Stein gehauenen Nischen oder Sitzen, den man durch einen schmalen Spalt im Felsen erreicht. Die Zickzack-Rinne und die unterirdischen Räume haben der Stätte den Quechua-Namen Q'inqu für „Labyrinth“ gegeben. Diese Stätte gilt als eins der wichtigsten Heiligtümer der Inkas zur Verehrung der Pachamama.
Am späten Abend erfahre ich dann von Sara, dass der Streik morgen beendet wird. Also buche ich mir schnell ein Busticket nach Puno und ein Hotel. Aber Arequipa und Colca Canyon – der 2. tiefste Canyon der Welt mit den größten Kondorkolonien – den muss ich leider von meiner Liste streichen, das ist einfach nicht zu schaffen …
2. Juli 2022
Der Streik ist vorbei und ich kann endlich wieder losziehen. Um 6:30 Uhr muss ich am Busbahnhof sein. Für mich als Frühaufsteher kein Problem. Die Bustour nach Puno habe ich mit kulturellen Highlights auf dem Weg gebucht – was es nicht alles gibt.
Unsere erste Station ist Andahuaylillas. Die Kirche San Pedro Apóstol de Andahuaylillas muss Ende des 16. Jahrhunderts erbaut worden sein, da eine von Luis de Riano signierten Wandmalereien das Datum 1626 trägt. Die Kirche ist eigentlich dem Apostel San Pedro gewidmet, obwohl der Hauptaltar die Jesuiten darstellt. Der Kirchenbau besteht aus einem einzigen Schiff mit kleinen Seitenkapellen. Seine breiten Mauern sind aus Lehm.
Die Kirche ist bekannt für ihr architektonisches Design. Am auffälligsten ist das Wandgemälde, das den Eingangsbereich verziert. Es wurde gemalt, um die Eingeborenen über die Prinzipien des christlichen Glaubens der Spanier aufzuklären.
Unsere nächste Station ist Raqchi. Mit seinen hohen Mauern ist der Tempel von Wiracocha eine der beeindruckenden erhalten gebliebenen archäologischen Inka-Strukturen. Die Mauern sind bis 14 Meter hoch. In der Nähe des Tempels befinden sich Häuser, die einst als Wohnstätten für den Adel dienten. Zusätzlich gibt es Dutzende von Lagerhäusern, die als „qolqas“ bekannt sind.
Der nächste Stop ist am La Raya Pass – immerhin 4335 Hm. Wie gut, dass diesmal der Bus die Anstiege übernommen hat. Unterwegs komme ich mit einem mexikanischen Paar und einer Amerikanerin – Michelle ins Gespräch. Sie haben das gleiche Ziel wie ich. Und schwups, schon hat man wieder einen Reisebegleiter. Wir buchen am nächsten Tag gemeinsam unsere Bootstour.
Dann gibt's noch einen Abstecher nach Pucara ins archäologische Museum. Sehr interessant und viel zu kurz. Nun weiß ich u. a., dass es in Peru über 3000 Kartoffel- und über 300 Quinoasorten gibt.
Am späten Abend landen wir dann in Puno. Die Stadt liegt auf 3827 Hm am Rande des Titicacasees. Sie hat immerhin 125.000 Einwohner. Im Vergleich zu Cusco allerdings ist sie überaus hässlich – eine Stadt mit wenig Flair. Zum ersten Mal in meiner Zeit in Südamerika fühle ich mich unwohl, nachts allein durch die Stadt zu schlendern.
Am nächsten Morgen nach einem guten Frühstück mit Blick zum Titicacasee entere ich mit Michelle und vielen weiteren Touristen die Boote zu den schwimmenden Inseln von Uros. Hier leben seit Jahrhunderten die indigenen Urus auf in mühsamer Handarbeit hergestellten Schilfinseln. Pro Insel sind es ca. 3 Familien mit max. 15 Personen. Das Leben ist äußerst einfach, außer Solarstrom für Licht gibt es keinen Luxus – nicht mal warmes Wasser! Es gibt ein Kochhäuschen und jede Familie lebt in einer Hütte. Wollen sie mal für sich sein, müssen sie mit dem Boot auf den See hinaus fahren.
Wir bekommen im Schnelldurchlauf gezeigt, wie so eine Insel gebaut wird. Dies dauert durchschnittlich 6 Monate. Da an der Unterseite das Schilf schneller verrottet, muss ca. alle 3 Monate die Schilfauflage erneuert werden. Damit sind auch die Hütten immer wieder anzuheben. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit Fischen und durch das Herstellen von bunten Decken, Armbändern, Wandteppichen u. ä. für die Touristen. Anschließend werden wir zum Matetee trinken im Restaurant auf eine zentrale Insel mit einem typischen Uros-Boot geschippert.
Nach dem Besuch der Urus fahren wir weiter zur Insel Taquile. Der Titicacasee ist übrigens mit ca. 8400 Quadratkilometern einer der größten Seen in Südamerika und das höchstgelegene schiffbare Gewässer der Welt. Der Titicacasee gilt als Geburtsort der Inkakultur. Die Insel Taquile liegt in der peruanischen Seite des Sees und beherbergt ebenfalls ein indigenes Volk – die Taquileños.
Die Taquileños sind in einer Genossenschaft organisiert, die sich bewusst auf die aus der Inkazeit (oder davor) stammenden Gebote „Ama suwa, ama llulla, ama qilla“ (nicht stehlen, nicht lügen, nicht faul sein) bezieht. Als Folge verzichten die Einheimischen auf die Präsenz einer Polizeieinheit. Es gibt 3 Dorfälteste, die alle Angelegenheiten regeln. Die Insel versorgt sich durch Fischerei, Terrassenanbau insbesondere von Kartoffeln und wen mag's verwundern – Verkauf von typischen traditionellen Waren an Touristen.
Nach einem leckeren traditionellen Fischgericht bei einer sensationellen Aussicht über den See wandern wir anschließend entspannt zum Boot zurück. Mit dem Overnightbus fahre ich zurück nach Cusco.
Das war also Peru – morgen geht's über Lima und Guayaquil nach Quito, wo dann die nächsten Herausforderungen auf mich warten.
4. Juli 2022
Abschiede sind so eine Sache und gar nicht meins… Sara ist eine tolle Hostelinhaberin. Zum Abschied bekomme ich eine Tüte Coca-Blätter, sie weiß, dass ich in Ecuador wieder auf hohe Berge will. Ihr letzter Satz ist, dass sich ihre Handy-Nummer niemals ändern wird – wenn ich wiederkomme… tja das werde ich wohl machen – der Alpamayo bleibt weiterhin auf meiner Liste.
Pünktlich 8:30 Uhr bin ich in Cusco am Flughafen und kann über Lima und Guayaquil nach Quito einchecken – nur mein Gepäck nicht, das soll ich in Guayaquil erstmal wieder in Empfang nehmen. Kein gutes Vorzeichen, der Flug Guayaquil-Quito hatte sich in den letzten 3 Tagen 3 mal verschoben. Vor 3 Wochen habe ich eine Reisewarnung für Ecuador bekommen – rund um die Hauptstadt sind Unruhen – politisch motiviert. Zwei Abende vor meiner Abreise kam dann die Meldung, dass die Zufahrtsstraßen zum Airport Quito nicht mehr nutzbar sind. Mir schwant nichts Gutes …
Seit dem 13. Juni haben indigene Organisationen in Ecuador zu einem unbefristeten landesweiten Streik aufgerufen, um eine Senkung der Kraftstoffpreise und Preisobergrenzen für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu fordern. Die indigenen Kleinbauern können kaum noch überleben. Bei den Demonstrationen kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei und zur Sperrung mehrerer Straßen in verschiedenen Landesteilen. Ecuador hat in letzter Zeit mit einer hohen Inflation, Korruption, Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen. Die zunächst friedlichen Proteste führten zu einer Welle der Gewalt und zu Zusammenstößen zwischen Zivilisten und Sicherheitskräften, bei denen bisher sechs Menschen getötet und 74 verletzt wurden. Darüber hinaus haben die Straßenblockaden die Wirtschaftskrise im Land verschärft. Alles keine guten Vorzeichen, in das Land einzureisen.
Meine digitale Gesundheitsanmeldung für Ecuador will zum Glück niemand sehen – ich konnte sie nicht aufs Handy runterladen – mal sehen, was sie im Immigrationscenter in Guayaquil dazu meinen.
Den ersten Trouble habe ich in Lima beim Boarding. Plötzlich ist mein Handgepäckrucksack zu groß, ich soll ihn aufgeben. Niemals – da ist alles Überlebensnotwendige einschl. Tablet drin. Ich diskutiere bis aufs Messer … bisher hat es keine Fluggesellschaft gestört – nur LATAM. Der Supervisor holt letztlich den Messkarton und siehe, mein Rucksack passt. Nur die Deckelklappe schaut 5 cm oben raus. Er grinst und meint, ich müsste ihn aufgeben. Ich zeige ihm mein Ticket – habe 2 Handgepäckstücke frei und packe den Inhalt meiner Deckelklappe in eine Plastiktüte. Nicht mit mir 🙂
In Guayaquil sitzen wir dann tatsächlich 4h auf Abruf – mein Flug hat keine Freigabe. Die Einreise klappt auch ohne Gesundheitsanmeldung. Beim Boarding das gleiche Prozedere wie in Lima – ich muss meine Plastiktüte bemühen… aber Hauptsache weiter gehts. Meine Bergführeragentur hat mir einen Abholer geschickt – Rene – sodass ich nicht aufs Taxi angewiesen bin. Immerhin liegt der Flughafen 25 km außerhalb Quitos. Unterwegs erzählt er mir, dass seit gestern die Unruhen beendet sind, der Präsident ist zu Verhandlungen bereit. Es stand wohl auch schon auf der Kippe, ob meine Bergtouren stattfinden können. Oh Mann, da hab' ich wohl richtig Massel gehabt. Um 23 Uhr bin ich dann glücklich in meinem Hostel.
Der nächste Tag ist für Sightseeing und weitere Abstimmungen mit meinem Bergführer reserviert. Gegen 11 Uhr soll ich in der Agentur sein – auf dem Weg dahin bekomme ich schon mal einen ersten Eindruck von der Stadt. Überall sind die Überreste der Unruhen noch sichtbar. Auf den Straßen verbrannter Asphalt, zerstörte Fenster u. v. m. Ich wohne unmittelbar am National-Kongress und hier war das Zentrum der Auseinandersetzungen. Am späten Nachmittag mache ich mich auf, die historische Altstadt zu erkunden. Ich bin sowohl vom Hostel- als auch vom Bergführer gewarnt worden, große Menschenansammlungen zu meiden. Die Leute wären immer noch sehr aufgebracht.
Davon kann ich zum Glück nichts bemerken. Auch hier wieder sehr freundliche und hilfsbereite Menschen. Ich komme als letzte Besucherin vor Eintrittsschluss an der Kathedrale Iglesia de Nuestra Señora de La Merced an und bekomme das Angebot, den Kirchturm besteigen zu können. Als ob ich das Ablehnen würde. Etwas später dann doch zum ersten Mal in meiner Zeit in Südamerika versucht ein Pärchen, mich zu beklauen. Zum Glück steige ich nicht auf ihr Ablenkungsmanöver ein, muss aber feststellen, dass sie schon meine Jackentasche geöffnet hatten.
Auch eine der schönsten Kirchen – der Basilika del Voto Nacional statte ich noch einen Besuch ab. Die Basilica of the National Vote ist das wichtigste Werk der ecuadorianischen neugotischen Architektur und eines der repräsentativsten des amerikanischen Kontinents. Aufgrund ihrer Struktur und ihres Stils wird sie mit zwei der größten Kathedralen der Welt verglichen – St. Patricks Cathedral und Notre Dame. Das Mittelschiff ist 140 Meter lang, 35 Meter breit und 30 Meter hoch; zusätzlich zu dem 74 Meter hohen Kreuzschiff. Die beiden vorderen Türme sind jeweils 115 Meter hoch, damit ist die Basilika das zweithöchste religiöse Bauwerk auf dem amerikanischen Kontinent nach der Cathedrale von Maringa in Brasilien (124 m). Es gibt sieben Zugangstüren, drei an der Fassade und vier an den Seiten. Es hat auch ein elegantes und strenges Pantheon, in dem die Überreste mehrerer Staatsoberhäupter ruhen.
Heute dann die erste Herausforderung – Besteigung des Pichincha (4696 Hm), der Hausberg Quitos. Okay, eigentlich keine Herausforderung sondern die Wanderung dient nur der Höhenanpassung. In 3 Tagen werde ich mich am Cotopaxi (5897 Hm) versuchen, vorher steht noch der Illiniza Norte (5248 Hm) auf der Liste. Zurück zum Pichincha – Rene war mein Guide und wir beide harmonieren sehr gut. Schnell haben wir festgestellt, dass wir nicht nur die Berge als Gemeinsamkeiten haben. Er ist so alt wie ich, auch mal groß wie ich (hier in Südamerika eher selten…), mag von Klassik bis A Capella eine ganze Bandbreite an Musik und sieht dazu mit braunen Augen und gewelltem, graumelliertem Haar sehr attraktiv aus. Die Mankos kamen dann auch sehr schnell ans Licht … Er mag keine kleinen Kinder und keine Menschenmassen – an wen mich das wohl erinnert…
Obwohl heute das Wetter nicht allzu gut angesagt war (ab Mittag Regen), waren recht viel los auf dem Weg zum Gipfel. Wie gesagt, Rene mag keine Menschenmassen und so waren wir immer abseits der Route unterwegs. Bis ca. 4400 Hm ist das auch unproblematisch, ab da ist es dann Felsgelände und mit viel Kraxelei bis zum III. Schwierigkeitsgrad verbunden. Er wusste aus unseren Gesprächen, dass ich auch klettere und damit war für ihn die Sache perfekt. Für mich nicht ganz, da es die ganze Zeit genieselt hat und die Steine sehr glitschig waren. Aber naja, alles gut gegangen und wir sind heil zurück. Nun ist Rucksackpacken angesagt.
6. Juli 2022
Kurz nach 10 Uhr holt mich Hugo, mein neuer Bergführer für den Iliniza Norte und Cotopaxi am Hostel ab. Der Iliniza Norte ist ein weiterer Anpassungsberg für den Cotopaxi und ein nicht mehr aktiver Stratovulkan. Er befindet sich in ungefähr 55 km südwestlich von Quito in der West-Kordillere der Anden. Von seinen zwei Gipfeln ist der südliche, Iliniza Sur, 5245 m, von einem Gletscher bedeckt, der nördliche, Iliniza Norte, 5126 m, ist ein reiner Felsgipfel. So sagt es die Beschreibung…
Gestern sind wir bis El Chaupi gefahren und von da aus in ein Wolkenmeer gestartet. Die Wettervorhersage war bescheiden. Ob Hugo mich wohl trösten will, als er meint, die Wetterlage ändert sich in den Anden durchaus innerhalb von 6-8h und die Vorhersage wäre hier nicht so genau wie in Europa. Da ich aber Meteoblue benutze, weiß ich, sie sind weltweit ziemlich nah an der Wahrheit…
Die Aufstiegsroute geht über ein Refugio auf 4700 Hm – unsere Übernachtung. Refugios sind hier etwas einfacher als die Hütten, die wir aus den Alpen kennen. Man öffnet die Tür und steht bereits im Schlafsaal. Nebenan ist eine kleine Küche mit Holzbänken und Felix ist hier der Chef. Er hat im Schlafsaal ein Hochbett und wenn er nicht kocht oder heißes Wasser zubereitet, verschwindet er im Schlafsack. Nicht ohne Grund, denn es gibt keine Heizung oder Ofen. Und wenn draußen, wie bei unserer Tour, minus 5 Grad sind, ist es im Refugio nur unwesentlich wärmer. Das Waschbecken und die Toilette befinden sich im Freien. Aber die Betten sind bequem und im Schlafsack lässt es sich aushalten.
Wir sind gegen 13 Uhr gestartet und Hugo meinte, der Aufstieg zum Refugio dauert 2,5 – 3h. Das kann ich kaum glauben, denn es sind nur 800 Hm! Ich sollte recht behalten, mit langer Pause waren wir knapp 2h unterwegs. Bei Nieselregen bzw. leichtem Schneefall und Windböen, die einen fast vom Grat wehen, gehe ich automatisch schneller… 🙂
Also saßen wir ab 15 Uhr bei Temperaturen, die keinen Hund vor die Tür locken, im Refugio und tranken zusammen Kakao und Tee. Die obligatorischen Popcorn fehlten auch nicht. Ich beschloss, gleich nach dem Abendessen ins Bett zu gehen, sonst wäre ich erfroren. Gut eine Stunde später schneiten noch 4 Wanderer herein, fröhlich plaudernd und ich verstand jedes Wort – bei dem Wetter gehen nur Deutsche auf den Berg!
Die vier – Tina, Vincent, Christoph und Florian (alle Anfang 20) werden mir noch lange in Erinnerung bleiben. Sie kamen wie die Schneider … keine warmen Klamotten und froren wie dieselbigen. Ihr Plan ist es, ohne Bergführer (offiziell nicht erlaubt!) auf den Cotopaxi zu gehen. Der Ilinizas Norte sollte ebenfalls der Höhenanpassung dienen. Die Jungs sind zum ersten Mal in den hohen Bergen, einzig Tina hat wirklich Bergerfahrung. Die 3 haben sie im Hostel in Quito aufgegabelt. Tina zieht ebenfalls allein durch Ecuador, die Jungs haben sich in Kolumbien Motorräder gekauft und wollen über Ecuador, Peru und Chile nach Bolivien. Also saßen wir eine weitere Runde mit Kakao und Popcorn und erzählten uns unsere bisherigen Reiseerfahrungen. Nebenbei versuchten die Jungs etwas erfolglos, ihre nassen Klamotten am Herd zu trocknen. Um 18 Uhr hatte Felix ein köstliches Mahl für alle gezaubert – von Quinoasuppe bis Hühnchenfilet – alles auf 2 Gasherdplatten, wo nebenbei auch immer wieder heißes Wasser zum Trinken gekocht wurde. Den Job möchte ich nicht machen.
Gegen 19:30 Uhr waren wir alle in unseren Schlafsäcken verschwunden. Ich hatte noch eine ganze Zeit lang Spaß, den Gesprächen der Vier zu lauschen – waren wir früher auch so naiv?
Pünktlich um 5 Uhr heute Morgen sind wir aufgestanden – draußen hatte über Nacht Frau Holle alles in Schnee gehüllt – vielen Dank. Gestern schon waren viele Felsplatten vereist, ich sah den Tag heute schon wieder ohne Gipfel. Hugo meinte, wir schauen uns das mal aus der Nähe an und sind dann doch gegen 6:30 Uhr gen Gipfel aufgebrochen. Schön ist etwas anderes. Der böige Wind machte uns am meisten zu schaffen. Die Schneeflocken gingen in Eiskristalle über und verschafften ein zusätzliches Gesichtspeeling. Brauchte ich doch gar nicht.
Die letzten 200 Hm sind eigentlich Kletterei im II. Schwierigkeitsgrad, teilweise über ausgesetzte Grate. Alles war mit Eis überzogen und der Wind hatte abenteuerliche Formen gezaubert. Sehr schön anzusehen, aber zum Hinaufkraxeln nicht gerade das, was man sich wünscht. Aber irgendwie haben wir es geschafft – der Gipfel gehörte uns ganz allein.
Beim Abstieg trafen wir dann noch unsere Vier – sie wollten es trotz widriger Verhältnisse ebenfalls bis zum Gipfel schaffen.
9. Juli 2022
Nun soll es losgehen. Übernachtet hatte ich in El Chaupi – ein kleines Dorf ziemlich genau mittig zwischen dem Nationalpark Los Ilinizas und Cotopaxi gelegen. Da ich der einzige Gast war, wurde mir jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Es gab den besten Café, den ich bisher in Südamerika getrunken habe.
Um 11 Uhr am 06.07. holt mich Hugo dort ab und wir fahren gen Nationalpark. Nach dem Mittagessen wollen wir entspannt ins Refugio Jose Ribas (4864 Hm) aufsteigen – es sind nur 360 Hm. An einem Parkplatz im Nationalpark – noch weit entfernt vom Startpunkt, hält Hugo und meint, wir ziehen hier die Schalenschuhe an. Ich bin etwas verwundert – dies sollte sich aber bald aufklären. Bei Nieselregen wechseln wir die Schuhe und packen die Rucksäcke auf die Rückbank, sodass wir nicht mehr an den Kofferraum müssen. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir den Parkplatz und Startpunkt der Wanderung. Das Refugio ist gut zu sehen, wenn man im Auto sitzt. Bloß rausgehen ist keine Option – der Wind wirbelt den Vulkanstaub in Böen durch die Luft gepaart mit Regentropfen. Da wir keine Eile haben, bleiben wir erstmal im Auto sitzen. Das wird hin und her geschaukelt … na toll …
Ich mache dann erstmal ein Nickerchen und siehe, nach 45 Minuten hat es aufgehört zu regnen. Also schnappen wir unsere Rucksäcke und starten gen Refugio. Nach 35 Minuten ist es schon geschafft und nachdem wir unsere Schlafplätze eingerichtet haben, gibt's einen heißen Kakao. Mit uns sind nur Jan (32) aus Utah und Jeff (55) aus Toronto jeweils mit ihrem Bergführer auf der Hütte. Da es wiederum sehr kalt ist und wir nachts um 1:00 Uhr starten wollen, gehe ich bis zum Abendbrot 17:30 Uhr schlafen. Der Wind rüttelt derweil an allen Fenstern und erzeugt eine eigenartige Melodie. Beim Abendbrot meint Hugo, dass wir es heute Nacht versuchen, wenn es nicht zu feucht ist. Aber ich müsste ihm vertrauen, wenn er zum Rückzug einläutet – klar, darum hab' ich mir ja einen ortskundigen Bergführer genommen. Als ich ihm sage, dass ich nur mit Trinkflasche und Snacks und ohne Rucksack los wolle, meint er, es wäre besser mit – der Rucksack würde den Rücken wärmen und ich hätte ein bisschen mehr Gewicht. Etwas verwundert schaue ich ihn an … später war ich ihm dankbar.
Um 0:00 Uhr klingelt der Wecker – ich habe gut geschlafen und wir 6 machen uns fertig für den Aufstieg. Der Hüttenwart hat sogar etwas zum Frühstücken – Toast und Marmelade – spendiert. Gerade als ich in mein Brot beiße, ertönte ein fröhliches „Heh Claudia – guten Morgen“ – meine 3 Jungs vom Ilinizas Norte, Vincent, Florian und Christoph stehen plötzlich im Speiseraum. Sie haben wieder Räuberpistolen im Gepäck – mit ihren Motorrädern durften sie nicht in den Nationalpark. Also sind sie nach Machachi zurück und haben sich einen Chauffeur gesucht. Allerdings waren sie damit erst nach 20 Uhr im Refugio und bekamen kein Abendbrot mehr … hungrig stürzen sie sich aufs Brot.
Wie geplant ziehen wir fast pünktlich um 1:30 Uhr los. Es ist trocken, allerdings weht der Wind so stark, dass man kaum aufrecht laufen kann. Bis zum Gletscher brauchen wir fast 1,5 h und ich habe ständig das Gefühl, dass wir nicht voran kommen. Im Schein der Stirnlampe fühlt es sich alles viel länger an. Beim Anlegen der Steigeisen sind wir noch zu sechst, die 3 Bergführer und wir Gipfelaspiranten Jan, Jeff und ich. Meine 3 deutschen Jungs sind etwas später gestartet. Der erste Teil des Gletschers ist eigentlich entspannt, allerdings ist mit dem Wind nicht zu spaßen. Man musste sich ständig dagegen stemmen. Das kostet viel Kraft. Ist aber nichts gegen den nächsten Abschnitt – Rampa Rompecorazones – der Herzensbrechergrat. Der Wind wird zum Sturm und teilweise mache ich einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Innerlich beginne ich zu fluchen. Habe das Gefühl, dass auch dieser Berg mich nicht will. Mit all meiner Sturheit stemme ich mich dagegen – ich will da hoch. Einmal nicht aufgepasst – schon hat mich eine Böe umgerissen – gar nicht gut. Hugo fragt im Halbstundentakt nach, wie es mir ginge. Gut, wenn dieser besch… Sturm nicht wär. Die Waden beginnen zu brennen. Die Motivation schleicht sich davon … Zum Glück kommt wieder ein Teil, den wir etwas windgeschützt gehen können. Ich erhole mich ein wenig.
Dafür erwischt es uns an der Yanasacha Rampe umso mehr – wir sind bereits im Seil und das ist gut so, da es mich ein zweites Mal von den Beinen reißt. Vor Wut beginne ich innerlich mit dem Berg zu reden – Du kannst machen, was Du willst, aber ich gebe nicht auf und wenn es bis zum Mittag dauert, ehe ich oben bin! Was ich bis zum Gipfel nicht mal bemerkt habe, die Stirnlampen von Jeff und Jan sind schon lange nicht mehr zu sehen … sie sind umgekehrt …
Um 6:21 Uhr am 07.07.2022 stehen wir auf dem Gipfel – unbeschreiblich schön. Hugo sagt anerkennend: „You are very strong, did a good job.“ 🙂 Wir haben keine 5 Stunden gebraucht. Es riecht auf 5897 m ein wenig nach Schwefel und wir blicken in den Höllenschlund des Cotopaxi, aus dem kleine Rauchwolken aufsteigen. Das hätte Humboldt sicher auch gern gesehen. An diesem Berg ist er nur bis auf ca. 4800 m Höhe gekommen. Da steht heute das José Ribas Refugio. Damals war da sicher noch der Gletscher. Den Sonnenaufgang haben wir leider verpasst, aber die Sicht ist umwerfend. Nach 20 Minuten fange ich an zu fotografieren. Viel wird's nicht, da einem die Hände fast abfrieren. Eine gute halbe Stunde nach uns sind dann auch Vincent, Florian und Christoph auf dem Gipfel. Sie sind die alte Route gegangen. Vincent meint später, als wir alle wieder im Refugio sind, dass sie für die letzten 30 Höhenmeter fast 45 Minuten gebraucht hätten – aber sie sind oben gewesen.
Beim Abstieg kann ich dann auch wieder die schönen Eisformationen genießen.
Nach einem kleinen Frühstückssnack steigen wir ab und machen uns auf den Weg nach Baños. Dort soll ich einen Ruhetag haben, ehe es zum Chimborazo (6310 m) geht. Auf halben Weg dahin erreicht Hugo, er ist auch Bergretter des ecuadorianischen Bergführerverbandes (ASEGUIM, Mitglied des IVBV), die traurige Nachricht, dass es heute Morgen einen Lawinenabgang am Chimborazo gegeben hat. Eine 25-jährige Kanadierin kann nur noch tot geborgen werden. Der Vulkan ist bis auf weiteres gesperrt. Wir kehren nach Quito um.
11. Juli 2022
Nun sind wir also in Quito zurück. Die Tragik der beiden Kanadier am Chimborazo erfahre ich dann über einen Artikel des Ciudad. Sie waren bereits vermisst gemeldet, wurden am 06.07. in 5400 m in ihrem Zelt von den Bergrettern gefunden. Sie gaben an, am nächsten Morgen in die Schutzhütte absteigen zu wollen. Ihr Permit war bereits abgelaufen. Anscheinend haben sie es sich doch anders überlegt und sind dann ohne ortskundigen Bergführer zum Gipfel aufgestiegen – die falsche Entscheidung… Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen.
Ein wenig traurig bin ich schon, denn nun habe ich 2 offene Berge auf meiner Wunschliste. Also muss ich nicht nur nach Peru zurückkommen… Den Ruhetag habe ich wieder ein bisschen mit Sightseeing vollgepackt. Als erstes geht's zu Mitad del Mundo.
Das Monument liegt ca. 23 Kilometer nördlich der Hauptstadt und markiert den Ort, an dem Charles Marie de la Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer eine fast genaue Position des Äquators bestimmte. Mit Nutzung von GPS hat man festgestellt, dass die Linie 240 m nördlicher verläuft. Zentrum des Monuments ist eine 4,50 m große Kugel auf einem Monolithen, um die ein Metallring verläuft. Diese soll die Erde und den Äquator symbolisieren. Das Bauwerk ist ca. 30 Meter hoch. Die Seiten des Monolithen zeigen in die vier Himmelsrichtungen. In Ost- und Westrichtung von dem Bauwerk verläuft eine gelbe Linie, die sich durch die gesamte Anlage zieht und eigentlich genau auf dem Äquator liegen sollte.
Im Inneren befindet sich auf mehreren Stockwerken ein Museum, das die verschiedenen Regionen und Traditionen der Ureinwohner Ecuadors beleuchtet – sehr sehens- und lesenswert.
Wenn man es bis zum Ende schafft, gelangt man zu einer Plattform mit Blick über Quito.
Mit dem Taxi fahre ich im Anschluss auf die andere Seite der Stadt – zum El Panecillo, der Hügel über Quito (3035 Hm). 1976 beauftragte die Ordensgemeinschaft der Oblaten den spanischen Künstler Agustín de la Herrán Matorras, ein 45 m hohes Monument einer Madonna zu entwerfen. Die Statue wurde von Anibal Lopes aus Quito konstruiert und auf einem Sockel auf dem Gipfel des Panecillo aus 7000 Stücken Aluminium errichtet. Die dargestellte Jungfrau steht auf der Oberseite einer Kugel und tritt auf eine Schlange, was ein klassisches Madonnenbildnis darstellt.
Im Inneren befindet sich ein Museum und man kann bis auf eine Aussichtsplattform steigen. Von hier oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt und bei gutem Wetter auch zum Cotopaxi.
Anschließend wandere ich zum Kloster Carmen Alto. Der Orden der Discalced Carmelites gründete 1653 ein Kloster in Quito. Bevor es zu einem Kloster wurde, war das Carmen Alto-Kloster (Museo de Carmen Alto) berühmt als der Ort, an dem die Heilige Mariane Jesu lebte und starb. Das Kloster beherbergt heute ein Museum, in dem verschiedene religiöse Kunstwerke ausgestellt sind. Bilder und Artefakte aus der jahrhundertelangen Geschichte des Klosters und Informationen über das tägliche Leben der dort lebenden Nonnen sind ebenfalls zu sehen. Teile der Gebäude fungieren heute immer noch als funktionierendes Kloster. Die darin lebenden Nonnen sind berühmt für die Herstellung traditioneller Süßigkeiten, darunter Limones Desamargados – kleine ausgehöhlte Zitronen, gefüllt mit einem süßen cremigen Kern.
Letzte Station des Tages ist die älteste Kirche der Stadt – San Francisco, gebaut 1680. In seinen drei Schiffen enthüllt San Francisco maurische Kasettendecken mit Mudéjar-Bändern, reich verzierte Altarbilder und Säulen verschiedener Stilrichtungen. Im Chor bleibt die ursprünglich Ende des 16. Jahrhunderts stammende Mudéjar-Ausschmückung erhalten, das Mittelschiff ist bei einem Erdbeben eingestürzt und wurde durch eine barocke Kassettendecke ersetzt.
Da ich nun nicht zum Chimborazo kann, gibt es eine Alternative, den dritthöchsten Vulkan Ecuadors – Cayambe (5790 Hm) – zu besteigen. Der Vulkan liegt ca. 60 km nördlich von Quito und hat einen anspruchsvollen Aufstieg. Hugo hat bereits eine andere Tour und so holt mich am 09.07. mein neuer Bergführer Fausto ab. Wir fahren mit dem Auto erstmal in den Ort Cayambe zum Mittagessen. Das Wetter soll nach Vorhersage von Meteoblue durchwachsen werden, 40% Regenwahrscheinlichkeit, am Gipfeltag aber trocken und ein wenig bewölkt. Damit kann ich gut leben. Nach einem guten Fischgericht geht's am Anfang über kleine Dorfstraßen gen Nationalpark. Irgendwie scheint sich aber alles gegen uns verschworen zu haben. Es fängt ordentlich an zu regnen und die Zufahrtsstraße im Nationalpark wird gerade gebaut. Da es die letzten Tage auch schon feucht war – eine einzige Schlammwüste. Zum Glück haben wir einen Allradwagen. Aber auch der frisst sich im Schlamm fest… Mehrfach schaffen wir es wieder heraus, aber ca. eine Stunde Fußmarsch vom Parkplatz entfernt ist alles vorbei. Selbst der Bagger, der uns schon zweimal herausgezogen hat, schafft es nicht mehr.
Also Auto abstellen, Rucksäcke schultern und los. Gewöhnlich habe ich nichts gegen Regen, aber das Wissen, durchfeuchtet in einem kalten Refugio zu nächtigen, befördert nicht gerade meine gute Laune. Nach gut 2 Stunden sind wir dann auch oben am Refugio Ruales Oleas Berge auf 4543 Hm.
Drinnen sind schon weitere Gipfelanspiranten – die Schweizerin Angeli, der Kolumbianer Jose und der Venezueler Carlos. Sie sind bereits 2 Tage da – schlechte Vorzeichen … Sie erzählen mir, dass ihre Bergführer meinten, der Gipfel des Cayambe sei in den letzten 6 Wochen nicht erreicht worden … zu schlechtes Wetter und Lawinengefahr. Am Abend hört es auf zu regnen und die Sonne zeigt sich – ganz wie vom Wetterbericht vorhergesagt. Ich juble innerlich. Allerdings ist es recht windig und der Aufstieg erfolgt wie beim Cotopaxi über einen Grat, sodass man dem Wind ständig ausgesetzt ist. Es gibt keine geschützten Abschnitte und das über 1200 Hm!
Fausto macht ein nicht so erfreuliches Gesicht. Nach unseren Gesprächen im Auto – er ist ein kleiner Lebemann, liebt das schöne Wetter, die Frauen, seine 6 Kinder – und seinem letzten Einkauf (6 Dosen Bier) vorm Nationalpark bin ich skeptisch, wie viel Lust er auf diese Tour statt dem Chimborazo hat. Schon bei Beginn des Regens meckerte er ständig übers Wetter. Wir vereinbaren, um 0:00 Uhr die Lage zu checken und dann zu entscheiden, ob wir gehen. Die anderen Drei wollen es ebenso halten. Ich gehe nochmal nach draußen und der Himmel ist klar, der Mond strahlt mich an. Nur etwas böig ist es.
Nach einem reichlichen und guten Abendessen schlafe ich bereits um 19 Uhr tief und fest. 0:00 Uhr dann die erste schlechte Nachricht – der Wind hat stark zugenommen und Fausto will nicht losgehen. Ich ringe ihm einen 3-Uhr-Check ab, die 3 anderen blasen jetzt bereits die Tour ab. Naja, war mir schon klar, dass Fausto um 3:00 Uhr auch noch keine Lust hat – zumal es nun auch noch angefangen hat, zu schneien. So ein Mist! Das war's dann. Die Lawinenlage ist am Cayambe ebenfalls nicht zu unterschätzen, also gebe ich mich geschlagen. Zum Glück ist mein Schlafsack schön warm, sodass ich schnell wieder einschlafe. Traurig bin ich trotzdem – wäre gern nochmal über den Wolken gewesen.
Der Abstieg am nächsten Morgen erfolgt bei Schneeregen. Was soll's, im Hostel gibt es eine warme Dusche, auf die freue ich mich ganz besonders. Das war's also mit Bergsteigen in Südamerika. Nun kommen nur noch Erholungstage im Dschungel bei Cuyabeno und dann geht's am 17.07. nach Montanita auf die Sealifestation zum Arbeiten und Surfen.
19. Juli 2022
Ich musste mich vor 3 Wochen entscheiden – Galapagosinseln oder in den Dschungel des Amazonas. Manchmal ist einfach zu wenig Zeit für alles. Auch hätte ich gern noch ein paar Reservetage für einen Zweitversuch am Chimborazo, aber es soll halt nicht so sein. Wie ich inzwischen erfahren habe, ist er bis zum 01. August gesperrt. Meine Entscheidung für den Dschungel habe ich nicht bereut … entspannte und wunderbare Tage weit ab von jeglicher Zivilisation.
Die Anfahrt gestaltet sich allerdings etwas zäh – Abholung in einem Hostel in Quito um 23 Uhr. Nach 20 Uhr soll man hier in Quito eigentlich nicht allein auf die Straße, aber es sind nur 15 Minuten zu Fuß und ich laufe gern. Da ich die Gegend inzwischen gut kenne, mache ich es einfach. Als ich es Janin, einer Holländerin, mit der ich dann später auf der Lodge bin, erzähle, werde ich schwer gerügt. Sie hat 8 Jahre in Ecuador als Tourguide gearbeitet und rät dringend selbst für 200 m in Quito ein Taxi zu nehmen. 😳 Naja, dann hatte wohl mein Schutzengel die Tage in Quito schwer zu tun … Nun gut, wie in Südamerika üblich, kommt der Bus etwas später – wir starten um 0:45 Uhr und sind um 12:30 Uhr in Cuyabeno. Im Bus über Nacht schlafen bin ich inzwischen ja gewohnt.
Ab Cuyabeno-Ort sind es nochmal fast 2 Stunden mit dem Boot zur Dolphin-Lodge. Schon diese Bootstour ist beeindruckend schön. Wir sehen eine riesige Anaconda beim Mittagsschlaf und die Vögel, Grillen und anderes Getier, das ich nicht kenne, geben die Begleitmusik.
In der Dolphin-Lodge werden wir mit einem köstlichen Mittagsmahl empfangen und anschließend ist Siesta bis 17 Uhr. Dann geht's mit Sack und Pack mit dem Boot zur Laguna Grande zum Schwimmen und den Sonnenuntergang genießen.
Am nächsten Tag geht es zu einem Spaziergang durch den Regenwald. Wir lernen, wie man im Dschungel überlebt. Ist relativ einfach, wenn man auf eine Affenhorde trifft – alles, was sie essen können wir auch vertragen. Weiterhin muss man den richtigen Baum – (roter Chinarindenbaum) finden, dessen Rinde (kaut man) voll mit Chinin ist, um sich vor den Moskitos zu schützen. Wasser kann man aus Lianen gewinnen. Um sich bemerkbar zu machen, sucht man sich einen Baum mit Brettwurzeln. Mit einem großen Stock schlägt man diese dann an – und schwups, wissen alle Bescheid und suchen Dich – klingt alles sehr einfach. Aber ich habe dann doch lieber aufgepasst, trotz vielem Fotografieren den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren …
Der späte Nachmittag entwickelte sich dann zu einem Ritual – Bootsfahrt zur Lagune, Baden, Sonnenuntergang genießen… Da es hier ab 18 Uhr stockfinster wird, gehen wir nochmal auf eine Nachtwanderung. Viele Tiere, die am Tag recht scheu sind, kommen nun an Licht. Hier gibt es übrigens auch ein Äquator-Denkmal. Diesmal stimmen die Koordinaten und ich stehe je mit einem Bein auf der Nord- und Südhalbkugel.
Am folgenden Morgen geht es um 6 Uhr zur Vogelbeobachtung flussabwärts. Wir lassen uns 2 Stunden lang treiben und genießen die Stille… im Dschungel ist es niemals still. Wir sehen Tukane, Kolibris, Aras, Eisvögel, Green Honeycreeper, Hoazine u. v. m. Nach dem Frühstück wandern wir dann zu einer indigenen Community. Dort folgen wir der Zeremonie des Schamanen. Auch etwas für unsere Bildung wird getan. Wir ernten Yukka und verwandeln ihn am Ende zu Fladen-Brot.
Viel zu schnell ist die Zeit dort vergangen… am nächsten Tag muss ich schon wieder zurück nach Quito.
20. Juli 2022
Ich konnte es doch nicht lassen… bin nachts um 0:45 Uhr vom Amazonas in Quito angekommen und habe meinen letzten Tag um 5:30 Uhr mit einer Fahrt zum Chimborazo begonnen – ca. 4 Stunden für eine Strecke. Wenn ich schon nicht oben stehen kann, dann kann ich zumindest bis zum Bergsee Condor Cocha auf 5100 Hm wandern.
Diesmal war mir das Wetter wohl gesonnen, die Sonne begleitet mich von Quito bis zum Nationalpark. Am Eingang werde ich verhört, ob ich auch wirklich nur bis zum See will. Ich habe das Gefühl, die Ranger würden am liebsten meinen Kofferraum kontrollieren, ob ich nicht doch ein Zelt, Steigeisen und Pickel mithabe. Wenn die wüssten, dass ich morgen früh nach Guayaquil fliegen muss …
Der Aufstieg ist nicht der Rede wert, entspannte Wanderstrecke und ich bin ja immer noch höhenakklimatisiert. Einige andere hatten auch die Idee der Wanderung und so keucht es ab und zu in meiner Nähe. Lag der Gipfel des Vulkans am Anfang noch in den Wolken, so zeigt er sich nun in voller Schönheit. Man kann recht deutlich den Tourenverlauf erkennen. Umso mehr frage ich mich, warum der Aufstieg immer noch gesperrt ist. Es gibt einige Stellen, die deutlich mehr mit Schneeauflage belegt sind. Aber das kann nicht der Grund sein. Schade.
Die Rückfahrt wird ein wenig anstrengend, die Müdigkeit schlägt nun voll zu. Dazu kommt ein gewaltiger Sturm mit Regenschauern, der kurz vor Quito beginnt – viele Autos bleiben einfach auf der Panamericana stehen – es fühlte sich wie ein Weltuntergang an. Ab 22 Uhr fällt bis zum Morgen der Strom aus. In meinem sonst so beschaulichen Hostel ist zudem die Hölle los. Zwei Jugendgruppen, eine aus Deutschland und die andere aus Spanien, sind eingefallen. Es gibt eine Willkommensparty über alle Etagen. Da werden Erinnerungen wach – wie cool ist es, so unbekümmert sein zu dürfen…
Am nächsten Morgen geht es wieder zeitig raus, ich muss heute bis Montanita kommen. Bis Guayaquil ist es entspannt fliegen. Dann wird's etwas stressig, den Bus nach Montanita noch zu schaffen. Aber der Busfahrer ist goldig und wartet, ich darf mir sogar noch ein Wasser im Busterminal kaufen. Die 3h bis Montanita sind ein Klacks gegen meinen Amazonastrip…
Nur die Ankunft ist anders, als ich das von der Pazifikküste erwartet habe. Hier scheint es die ganze Woche geregnet zu haben, die Straße ist eine einzige Schlammwüste. Der Bus steht mitten in einer riesigen Pfütze und ich habe Mühe, meinen Rucksack trocken aus dem Ladefach zu bekommen. Zu den Cabañas ist es noch ein 10-minütiger Fußmarsch. Ich habe Mühe, nicht irgendwo auf dem Moder auszurutschen. Dafür entschädigt meine Unterkunft für alles… hübsch gelegene Bungalows, um einen Pool und die offene Gemeinschaftsküche gruppiert – einfach schön. Eigentlich hatte ich einen Shareroom gebucht, aber als ich den betrete, die Größe und die Ordnung meiner schwedischen Mitbewohnerin Daphne (19) sehe, entscheide ich mich spontan, nach einem Upgrade auf Singleroom zu fragen. Ich habe Glück, es ist noch eine Cabaña frei. So genieße ich nach Bezug derselbigen am späten Nachmittag meinen ersten Strandspaziergang am Pazifik. Am Montag startet mein Surfkurs und ich habe nochmal eine Woche Spanischunterricht, damit ich besser mit den Meerestieren plaudern kann. Daphne arbeitet bereits im Aquarium und ist schwer begeistert – ich bin gespannt auf alles, was ab morgen kommt…

Band 2 · Vom Mont Blanc bis zur Antarktis · Juli 2022 bis März 2023
„Wir steigen nicht auf Berge, um Gipfel zu erreichen,
sondern um heimzukehren in eine Welt,
die uns als ein nochmals
geschenktes Leben erscheint.
25. Juli 2022
Was fang ich an in dieser Stadt? Mein Herz gehört ganz offensichtlich den kühlen Bergen, hier ist viel zu warm, und trotzdem habe ich mich für einen 3-wöchigen Aufenthalt an der Pazifikküste entschieden… naja, ein bisschen möchte ich etwas der Welt von dem zurückgeben, was es mir ermöglicht, hier zu sein… Mit meinem wenigen Spanisch blieben nicht allzu viele Möglichkeiten, Freiwilligenarbeit zu leisten. Die meisten der Projekte finden immer noch im Bildungs- oder medizinischen Bereich statt. Nach gut 3,5 Monaten in Südamerika weiß ich sehr zu schätzen, wie gut es das Leben mit mir meint. Das wusste ich zuvor auch, doch man macht es sich eben nicht immer so bewusst.
Nun ist die erste Woche hier im Flug vergangen. Der Surfkurs macht mega Spaß und trotz, dass ich am Mittwoch völlig ausgeknockt im Bett und in der Apotheke verbracht habe, stand ich am Freitag wieder auf dem Board. Mein Instructor Manuel hat gut erklärt und mir ein paar Kniffe gezeigt, sodass ich ab nächster Woche allein unterwegs sein darf und kann.
Die Woche Spanischunterricht hat offenbart, was mir schon vorher ziemlich bewusst war – nach der deutsch-österreichischen Expedition in Peru habe ich nicht mehr viel Spanisch gesprochen. Verstehen ist überhaupt kein Problem, aber sich trauen zu sprechen … Zum Glück ist die Schule relativ klein und Michelle aus der Schweiz und ich waren zu zweit in der Klasse – da bist Du immer dran – oh weh… am Donnerstag dann allein, weil es Michelle ebenfalls mit Magen/Darminfekt umgeworfen hatte. Kerly und Stalin gaben sich alle erdenkliche Mühe, sodass ich hoffentlich am Montag im Aquarium (sie haben die Rettungsstation teilweise für Besucher freigeben) einigermaßen durch den Vormittag komme. Meine Arbeitszeit ist von 8-12 Uhr. Am Donnerstag war ich zu Besuch schon mal dort und hatte mit der Projektleiterin den ersten Rundgang. Von Pinguinen, Blaufußtölpeln, Kaimanen, Kanarienvögeln bis Schildkröten in allen Altersklassen sind viele Tierarten vertreten. Bin gespannt, die Papageien haben mich schon akzeptiert. Jessica war ganz überrascht, bis ich erzählte, dass wir einen Fischers Unzertrennlichen (Minipapagei) hatten. 🙂
Am Samstag war dann wieder einer meiner Glückstage. Davon kann man gar nicht genug bekommen. Ab Mittag stand Paragliding auf dem Programm. Hier gibt es eine internationale Flugschule und der Spot an der Küste ist unschlagbar gut. Wenn ich nur mehr Zeit hätte – 14 Tage Intensivkurs für 500$ und Du hast Deinen Flugschein. Kein Vergleich zu Deutschland :-(. Hier kommt noch fast 90% konstanter Wind dazu. Kurzum, ich habe mir einen Tandemflug gegönnt. Und während meines Fluges meinten 2 Wale auf Fischraub in den Fischernetzen gehen zu müssen. Mit dem Schlagen ihrer Schwanzflossen scheuchten sie den Fischschwarm auf und wir flogen gerade vorbei – spannend zu sehen.
Am späten Nachmittag bin ich dann zum Aussichtspunkt hier in Montañita gewandert. Man hat einen wunderbaren Blick über den Strand von Olon. 3 Warane gönnten sich diesen Ausblick in der Abendsonne ebenfalls.
Nun bin ich auf die nächste Woche gespannt.
1. August 2022
Nun steh ich etwas bedröppelt an der Bushaltestelle. Normalerweise kommen 3 Buslinien, mit denen ich zur Rescue-Station fahren kann, hier vorbei. Nur nicht an meinem ersten Arbeitstag. Es ist bereits 7:35 Uhr und die Fahrzeit beträgt mit dem Bus 35-40 Minuten, je nachdem, wo und wie viele Fahrgäste zusteigen. Also muss ein Taxi her – die grundsätzliche Verhandlung über den Fahrpreis beherrsche ich langsam. Pünktlich um 7:55 Uhr stehe ich am Eingang – allein. Außer die Sicherheitsaufsicht ist niemand zu sehen. Da ich schon weiß, wo mein Arbeitsplatz ist – die Küche – gehe ich da mal schauen. Aber auch hier Totenstille. Nun ja, wir sind in Südamerika … also gehe ich zur Vogelvoliere und halte einen Schwatz mit den Kanarienvögeln. Sie verstehen mich. 🙂
Nach 15 Minuten kommt ein junger Mann um die Ecke, den ich bei meinem ersten Besuch noch nicht kennengelernt habe. Er stellt sich als der Veterinär der Station vor – und dann ist Schweigen. Na irgendwie geht das hier ja gut los, ist mein erster Gedanke. Dann zeigt er mir meine Aufgaben. Morgens als erstes die Futternäpfe der Papageien und Kanarienvögel abwaschen und dann für die Vormittagsfütterung Obst schneiden. Das ist ja easy. Inzwischen haben wir auch die Namen ausgetauscht und Robert muss sein weniges Englisch aktivieren, da ich nicht so gut Spanisch spreche. Ich erlebe zum ersten Mal, wie es ist, wenn das Gegenüber versucht, die Sprache zu vereinfachen… verstehen tue ich ja schon sehr viel. Plötzlich höre ich keine vernünftigen Sätze mehr, sondern nur noch Brocken (z. B. ungebeugte Verben etc) – das ist echt komisch, aber der Typ ist auch sonst ziemlich eigenartig. So verläuft der Vormittag recht einsilbig. Robert verlegt sich auf Zeichensprache und ich versuche, so gut es geht auf Spanisch zu antworten. Nach der Futterzubereitung – nach dem Obst ist der Fisch auszunehmen und nach Tierart/-Größe zu schneiden – geht's ans Füttern.
Die beiden Meeresschildkröten Donatella und Morchita in der Quarantäne müssen die Fischhappen vor den Schnabel gehalten bekommen und wenn der zuschnappt, sollten die Finger schnell weg sein… da ist eine immense Kraft am Werk. Sie fressen sehr langsam und an manchen Tagen muss man sie mehrfach animieren. Die Meeresschildkröten Golfina (Oliv-Bastardschildkröten) in den Besucherbassins holen sich die Fischhappen selbstständig und äußerst schnell. Weiterhin gibt es zwei Pinguine – Cilly Willy und Carey bekommen ihre Sardinen am Stück. Cilly Willy sollte eigentlich Crazy Willy heißen – er führt sich beim Füttern auf wie ein Irrer. Wenn man nicht aufpasst, klaut er aus dem Eimer. Ihm muss man den Fisch in Wasser werfen, er hechtet hinterher und ist nach wenigen Sekunden wieder an Land. Carey dagegen ist ganz bedächtig und man muss schauen, dass sie ordentlich runterschluckt, eh man den nächsten Fisch hinhält, sonst muss sie alles wieder rauswürgen.
Die Vogelvoliere mit den Kormoranen, Blaufußtölpeln und Pelikanen ist als nächstes dran. Alle haben eins gemeinsam, sie können nicht mehr fliegen. Aber wenn es um den Fisch geht, sind sie wahnsinnig schnell und schnappen sich gegenseitig das Futter weg.
Dann gibt es noch die beiden Galapagos-Schildkröten und viele kleinere Land- und Wasserschildis. Ein großes Gehege ist mit einem Krokodil belegt, es gibt auch noch ein Baby-Krokodil (42 cm lang). Ansonsten verschiedene Aquarien mit Seesternen, Seeigeln und verschiedenen Fischen und Krebsen oder Langusten. In der Quarantäne sind auch noch zwei Seepferdchen.
Am süßesten sind die vielen kleinen Meeresschildkröten in 5 verschiedenen Altersstufen – 4, 7, 12 und 18 Monate. Diese stehen unter Beobachtung des Ministerio Medio Ambiente und gehören zu einem Programm zur Erhaltung der unterschiedlichen Arten von Meeresschildkröten. Sie bleiben hier bis zu einem Alter von 3 Jahren, dann werden sie ausgewildert.
Die Zeit vergeht wie im Flug … an allen Tagen. Zu meinen Aufgaben gehört auch das Reinigen der Käfige. Am zweiten Tag stellen sie mich auf die Probe, ich soll zusammen mit Gustavo das Krokodil-Bassin reinigen. Zur Verteidigung gibt's einen verlängerten Besen und bei Angriff hilft nur Flucht. Ich habe den Beobachter- und Besenabwehrposten. Gustavo putzt das Bassin – Wasser ablassen, mit Ammoniak alle Algen und Schmutz abschrubben (auch Hühnerreste rausfischen 😦) und wieder befüllen. Mir ist nicht sehr wohl dabei, aber das Krokodil hat letzte Woche Freitag Nahrung bekommen (es gibt nur alle 14 Tage etwas) und Gustavo meint, es müsste heute ganz entspannt sein … war es dann auch. Das Gehege der Galapagos-Schildkröten ist am Freitag dran. Marcos, die männliche Schildi, hat handballgroße Haufen nach der Fütterung (6 kg Grünzeug) hinterlassen. Der Geruch ist einfach umwerfend. Aber auch das muss gemacht werden… Die Dame hat sich zurückgehalten. Was ich nicht wusste, die Riesenschildkröten stehen auf Halskraulen – witzig zu sehen, wie sie ihn immer länger macht.
Ab Mittwoch habe ich dann mit Javier zusammengearbeitet, der Biologe hier, da Robert frei hatte. Seitdem rede ich viel mehr, Javier und ich sind ein tolles Team. Er quatscht mich einfach voll und ich antworte. Habe ihm erklärt, dass ich fast alles verstehe (außer die Fachbegriffe hier) und er einfach reden soll. Da er ein bisschen Englisch kann, frage ich nach und er übersetzt es mir. Aber ich muss Vokabeln lernen … seitdem ist auch Musik in die Küche eingekehrt, Javier singt gern die Hits der 90er und so haben wir schon in der Küche gesungen und getanzt. Nun sind auch Juliana, die zweite Biologin und Gustavo öfter in der Küche bei uns. Sie fragen mich bis aufs Hemd aus …
Am Donnerstag bekommen wir Zuwachs – eine verletzte Meeresschildkröte wurde am Strand gefunden und wir versuchen sie zu retten. Mal sehen, ob es gelingt. Sie war schon sehr geschwächt. Hoffe, dass sie noch da ist, wenn ich am Montag wiederkomme.
Gustavo meinte am Freitag, dass mich Javier wohl sehr vermissen wird… na noch bin ich eine Woche da. Aber mir geht's genauso. Die Nachmittage vergehen ebenfalls wie im Flug – muss mich beeilen, den Bus nach Montañita zu bekommen. Das ist etwas schwierig, denn das Aquarium liegt auf einer Anhöhe. Ich muss den Berg hinab laufen, damit mich der Busfahrer oder der Kontrolleur rechtzeitig sieht und auf der zweispurigen Schnellstraße auch noch zum Halten kommt. Da winkst Du Dir die Arme ab und sie bremsen erst im letzten Moment. Dann rennst Du den Berg wieder hinauf, denn meistens kommen sie erst ganz oben zum Stehen. Ab 13 Uhr ist der Fahrservice der Surfschule bereit und bringt uns nach Manglaralto zum Nachbarstrand. Dort sind die Wellen stetiger. Hätte nie gedacht, dass es mir so viel Spaß macht. Es ist echt anstrengend, die richtigen Wellen zu surfen. Manche muss man wegen der Höhe auch ziehen lassen. Man sitzt dann auf dem Bord und überlegt, ob man durchtauchen oder oben bleiben soll. Wenn die Entscheidung falsch war, ist man einmal in der Waschmaschine und wird durchgewirbelt. Das gehört dazu. Auch mit dem Laufen habe ich wieder begonnen – Berlin ist ja nicht mehr weit. Noch eine Woche und dann muss ich erstmal wieder zurück nach Deutschland …
4. August 2022
Die letzten beiden Tage hat es hier dauern genieselt, da wird man schon leicht depressiv … die Straßen sind wieder eine einzige Wüste aus Schlamm, der, wenn er fest wird, kaum aus den Sohlen meiner Laufschuhe zu entfernen geht. Aber pünktlich zu meinem Geburtstag am Samstag scheint die Sonne in Montañita. Heute geht es auf die Isla de la Plata – hier auch als Kleines Galapagos bekannt.
Wir, alles Mitstreiter von der Sprachschule, werden an den Cabañas mit dem Kleinbus abgeholt und nach Puerto Lopez zum Hafen gebracht. Von dort geht's mit einem zu klein geratenen Schnellboot Richtung Insel, Fahrzeit ca. 1h bei ordentlichem Wellengang. Wir schlagen öfter hart auf den Wellen auf und werden von den Sitzen gehoben. Zum Glück wird niemand seekrank. Unser Guide klärt uns auf, dass wir rund um die Insel sehr gute Aussichten haben, Wale zu sehen. Sie mögen das etwas flachere Gewässer und hier ist eine ihrer Kinderstuben. Tatsächlich dauert es keine 25 Minuten und die ersten 3 Tiere tauchen neben uns auf und begleiten uns ein Stück.
Man kann das imposante Schauspiel gar nicht mit Worten beschreiben. Es macht den Eindruck, als ob sie uns mit ihren Flossen zuwinken. Trotz ihrer immensen Größe sind sie wendig und ziemlich schnell. So vergeht die Bootsfahrt wie im Flug.
Die Insel Isla de la Plata (deutsch: „Silberinsel“) ist eine 5,9 km² große und 23,6 km vor der Festlandküste gelegene unbewohnte Insel. Ihr Name geht auf einen angeblich von Sir Francis Drake dort versteckten Silberschatz zurück. Sie ist Teil des Machalilla-Nationalparks. Die höchste Erhebung der Insel mit 167 Metern liegt im Norden, nur rund 400 Meter landeinwärts der Nordküste. Auf der Insel lebt eine Vielfalt an Tierarten. So gibt es verschiedene Tölpel wie den Blau- und Rotfußtölpel und den Nazcatölpel. Der Galapagosalbatros hat dort seine einzige Brutstätte außerhalb der Galapagos-Inseln. Eine andere Spezies ist die Mähnenmöve. Auf einer Reihe von Wanderwegen kann man geführte Wanderungen unternehmen. Wir entscheiden uns zum Glück für die 3h Wanderung ganz bis zum Ende der Insel und damit zur Brutkolonie. Nach einem kurzen Anstieg tauchen gleich zu Beginn die ersten Blaufußtölpel auf.
Es ist überraschend zu sehen, dass ausgewachsene Vögel keine Angst vor unserer Anwesenheit haben, im Gegensatz zu Küken oder jüngeren Exemplaren mit weißen Füßen. Auf unserer Route finden wir einige beringte Exemplare, die laut Guide auf den mehr als 1000 km entfernten Galapagos-Inseln zu Hause sind, denn nur dort werden sie beringt. Zahlreiche Exemplare versteckten sich unter den Büschen, kümmerten sich um ihre Eier, gingen mit ihren Küken ruhig mitten auf dem Weg spazieren. Fast ohne auf uns zu achten, was es ermöglicht, ihnen deutlich näher zu kommen, um sie zu fotografieren. Etwas weiter sieht man eine andere Art von Tölpeln, die Maskentölpel, so genannt wegen des schwarzen Bandes, das einen Teil ihres Kopfes bedeckt und sich von ihrem weißen Gefieder abhebt.
Nach einem längerem Aufstieg erreichen wir die andere Seite der Insel, wo die Fregattvögel vorherrschen, da hier die Vegetation üppiger ist. Sie bauen ihre Nester nicht am Boden wie die Tölpel, sondern in den Baumkronen. Die Männchen sind mit einem Beutel unter dem Schnabel ausgestattet, den sie während der Paarungszeit aufblasen und der einen unverwechselbaren roten Farbton annimmt. Dieser Beutel geht manchmal kaputt und kann erst in der folgenden Saison wieder verwendet werden. Dann geht der Gute, sollte er noch keine Dame gefunden haben, leer aus … 😦
Der Rundweg führt weiter an eine wunderschöne Steilküste. Nach gut 2,5h Wanderung, etwas sonnenverbrannt und dehydriert, kehren wir zum Boot zurück, um einen Snack zu uns zu nehmen.
Kurz darauf machten wir uns auf den Weg zu einem flachen Riffbereich, wo man schnorcheln kann, während einige große Meeresschildkröten an unserer Seite auftauchten. Es ist das erste Mal, dass ich Schildkröten dieser Größe frei an meiner Seite schwimmen sehe.
Leider bleibt nicht viel Zeit, unser Guide drängt zur Rückfahrt. Bei schönstem Sonnenschein begleiten uns wieder einige Buckelwale ein Stück nach Puerto Lopez – unbeschreiblich schön.
8. August 2022
Montañita verabschiedet mich so, wie ich empfangen wurde – Nieselregen und Matschwüste. Vom schönen Surfspot ist nicht viel Einladendes übrig geblieben. So fällt mir der Abschied nicht ganz so schwer. Mit dem Überlandbus geht es 3,5 h Richtung Guayaquil. Da bleibe ich doch 2 Tage bis zum Rückflug nach Deutschland.
Viele, die schon länger in Montañita in der Sprachschule waren und auch meine Kollegen vom Aquarium haben mich vor dieser Stadt gewarnt. Sie soll groß, laut und schmutzig sein – sie ist es. Auf den ersten Blick kann man wenig Inspirierendes finden. Mein Hostel liegt, wie ich später noch erfahren werde, in einem der Hotspots für Drogenhandel. Da ich es aber erstmal nicht weiß, sagt mir mein Bauchgefühl nur, dass es hier etwas unangenehm werden könnte. Abends also nur mit Uber zurück ins Hostel fahren.
Guayaquil liegt am Westufer des Rio Guayas, etwa 50 km oberhalb von dessen Mündung in den Golf von Guayaquil. Der Río Guayas ist ein in Guayaquil liegender Zusammenfluss des Rio Daule und des Rio Babahoyo. Das ursprüngliche Zentrum von Guayaquil liegt auf geringer Höhe zwischen drei Hügeln und dem Estero Salado, einem weit ins Landesinnere ragenden Meeresarm, der im heutigen Stadtgebiet zum Teil ausgetrocknet und bebaut wurde. Am Ufer des Río Guayas verläuft die Simón-Bolívar-Promenade mit dem Denkmal La Rotonda – der Komplex ist bekannter unter dem Namen Malecón 2000. Dies steht für das Jahr der Eröffnung.
Das Viertel Las Peñas im Norden ist bekannt für seine zahlreichen farbenfrohen Häuser. Diese wurden im gleichen Zeitraum wie das Malecón restauriert, zuvor war es eines der verfallensten Viertel Guayaquils. Von Cafés und Kunstgalerien gesäumte Stufen führen auf den Hügel Santa Ana, auf dem sich die gleichnamige Kapelle und ein Leuchtturm befinden. Ursprünglich befand sich hier ein Fort zur Verteidigung gegen Piraten. Das ist auf die Schnelle auch schon das Wichtigste. Es gibt noch 2 sehenswerte katholische Kirchen und verschiedene Parkanlagen. Ansonsten ist die Stadt geprägt durch das Bankenviertel und Kleinindustrie. Am spannendsten ist, wie die Stadt ihr Transportproblem für 2,6 Mio Einwohner gelöst hat. Seit Frühjahr 2020 verbindet die Seilbahn „Aerovia“ die Nachbarstadt Duran mit der größten Stadt Ecuadors, indem sie parallel zur überlasteten Brücke, den Fluss Río Guayas überquert. Anschließend erschließt die insgesamt 4,1 Kilometer lange Einseilumlaufbahn wichtige Stadtviertel im Zentrum von Guayaquil. Die Seilbahn ist eine Erweiterung und eine Alternative zum Busnetz und transportiert ca. 40.000 Menschen pro Tag. Für die 17 Stationen braucht man 17 Minuten statt 45 Minuten Busfahrt.
Nach meiner Ankunft am frühen Nachmittag mache ich mich auf den Weg zu den ausgewiesenen Sehenswürdigkeiten. Als erstes steuere ich den Park Seminario an. Eine kleine Oase in der Großstadt, ein historischer Park mit vielen Skulpturen und einem Teich für Unmengen von Leguanen und Wasserschildkröten.
Dann ziehe ich weiter in Richtung Malecón 2000. Auf dem Weg dahin vorbei am Turm Morisca. Er wurde 1934 eröffnet und vereint verschiedene Stile der maurischen und byzantinischen Zeit. An der Spitze ist eine aus England stammende Uhr verbaut. Weiter geht es vorbei am Monumento a la Fragua de Vulcano, ein Denkmal zur Erinnerung an die Unabhängigkeit Guayaquils vom 9. Oktober 1820. Gleich daneben das Monument a Antonio José de Sucre, der Unabhängigkeitskämpfer unter Simon Bolivar. Wunderschön auch das Universitätsgebäude der Künste. Es gibt doch einige sehenswerte Ecken.
Am Malecón genieße ich die leichte Brise des Flusses in mitten der schwülwarmen Großstadtluft. Hier sind mir aber einfach zu viele Menschen und ich verabschiede mich schnell am Abend.
Am nächsten Tag habe ich mir eine Stadtrundfahrt genehmigt, um schneller einen Überblick über die Stadt zu bekommen und zum schönsten Aussichtspunkt der Stadt zu gelangen, der etwas außerhalb liegt. Allerdings spielt die Sonne nicht so mit und es liegt ein Schleier aus Dunst über der Stadt.
Anschließend wandle ich wieder zur Uferpromenade – hier lässt sich bei einem Eis aushalten. Das Eis ist auch der Start in einen ungewöhnlichen und lustigen Nachmittag. Ich scheine alle schrägen Vögel der Welt anzuziehen – El Zorro – ist meine Begleitung nach Las Penas und zum Leuchtturm. Bis jetzt kannte ich ja nur den spanischen Helden mit dem Degen – seit gestern kenne ich nun den venezolanischen Helden des geschriebenen Wortes. Kurzum, wir kommen beim Eis kaufen ins Gespräch und mir wird eine Stadtführung angetragen. El Zorro, im wirklichen Leben Juan, lebt seit vielen Jahren in Guayaquil und unterstützt von hier aus seine Familie in Venezuela. Ein echter Gentleman der alten Schule, wie ich später feststellte. Da mein Spanisch ja nicht so berauschend gut ist, unterhalten wir uns im Mix aus Englisch und Spanisch. So spazieren wir gemeinsam auf den Hügel von Santa Ana.
Unterwegs zitiert er u. a. Rilke (was mich schwer beeindruckt) und seine eigenen Gedichte – da habe ich dann etwas Schwierigkeiten im Verständnis. Zudem kennt er sich gut mit der Geschichte Ecuadors aus. Ansonsten philosophieren wir viel über das Leben, die Inspiration und unsere Erfahrungen. Er scheint ein Faible für Kleeblätter zu haben und gut im Finden derselbigen zu sein. Ich bekomme ein 5-blättriges Kleeblatt (einlaminiert) von ihm geschenkt, weil ich an diesem Tag seine Inspiration bin. Ein gemeinsames Foto bleibt mir verwehrt – eben Zorro, der Maskierte. Ganz Gentleman geleitet er mich ans Hotel, als er erfährt, wo ich meine Bleibe habe und verabschiedet sich mit einem Handkuss. Verspricht, ein Gedicht über unseren gemeinsamen Nachmittag zu verfassen – ich bin gespannt.
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem letzten Spaziergang am Boulevard sitze ich nun den letzten Nachmittag im Café und am Abend geht mein Flieger nach Quito mit Anschluss nach Europa. Die ersten 4 Monate meines Sabbatical sind schon vorüber und ich weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Ich habe so viele wunderbare Dinge erlebt, dass mein Herz voll Dankbarkeit und Glück ist.
8. August 2022
Nun ist auch die zweite Woche auf der Rescue-Station Vergangenheit. Am Freitag musste ich ohne Javier auskommen – das war schon schwer, zumal Robert nicht viel gesprächiger geworden ist. Zumindest hat er dann in ganzen Sätzen mit mir gesprochen, als er merkte, dass Javier mich einfach vollquatscht.
Diese Woche war geprägt von einem neuen Gast – ein Strandfindelkind – die einjährige Golfina-Meeresschildkröte Juvencio. In jungen Jahren sind sie noch schwarz, verändern sich dann zu dem typischen gefleckten Muster. Die verletzte Meeresschildkröte von letzter Woche hat dank hervorragender Pflege das Wochenende überstanden. Da sie noch nicht fressen will, bekommt sie Infusionen. Javier traut mir anscheinend sehr viel zu, denn er zeigt mir, wo und wie diese gesetzt werden müssen und dann darf ich es eigenständig machen. Dann gibt es noch unsere namenlose rötliche Meeresschildkröte. Sie ist ein besonderer Fall, da sie nicht mehr den Fisch zerkleinern kann – oder will. Daher wird sie über eine Magensonde ernährt. Ich darf beim Vorbereiten und Setzen der Sonde assistieren und die Fütterung übernehmen.
Unser Findelkind frisst am ersten Tag gut und wir hoffen, dass es so bleibt. Ich habe da gar keine Bedenken, denn nach den ersten Untersuchungen scheint sie vollkommen gesund zu sein. Javier ist da skeptischer und er sollte recht behalten. Die Bassins werden jeden Tag gereinigt und am 3. Tag hat unsere Kleine viele kleine schwarze und rote Pigmente in unterschiedlichen Größen auf dem Boden. Ab dem Tag will sie auch nicht mehr fressen. Javier vermutet, dass sie Plastik verschluckt hat. Das blockiert dann die Verdauung – ein wohl sehr bekanntes Problem. Ich gebe mir ganz viel Mühe und serviere die Sardinen in maulgerechten Stückchen. Aber so richtig will's nicht klappen. Daher wird tägliche Gewichtskontrolle verordnet. Bis zum Ende meiner Zeit hier geht es nur in ganz kleinen Schritten vorwärts – aber es wird…
Mein anderer besonderer Schützling – der Zwergpapagei – ist inzwischen ganz handzahm geworden und legt sich freiwillig in meine Hand, wenn ich ihn aus dem Käfig holen will. Er darf sein Futter im Freien auf einem kleinen Baum genießen, da er dort ungestört von seinen Artgenossen ist und wenigstens etwas zu sich nimmt.
Unsere Meeresschildkröten auf der Quarantänestation erhalten nun jeden Tag Training. Morchita muss lernen, dass der Fisch nicht vors Maul geschwommen kommt, sondern dass sie ihn sich selbst holen muss. Also verteile ich jeden Tag eine Reihe von Sardinenstücken im Bassin, damit sie sich dahin bewegt – nach 2 Tagen hat sie es kapiert. Donatella hatte ja Probleme, den Kopf zu heben. Sie hat am Anfang nur 20 cm Wasser in ihrem Becken gehabt. Nun trainieren wir jeden Tag, wie sie mit 10 cm mehr Wasser zurecht kommt. Auch sie meistert ihre Aufgabe gut und so besteht Hoffnung, dass sie bald zurück ins Meer kann. Am Donnerstag ist Zeit fürs Dokumentieren. Ich muss bei allen Meeresschildkröten die Atemfrequenzen aufnehmen. So sitze ich je eine halbe Stunde bei jeder Schildkröte und messe die Zeit ohne Atemzüge. Am Freitag sollten Viviane und ich eigentlich zum Riff und ein paar Proben nehmen. Da es aber seit Mittwoch ununterbrochen regnet oder gewittert, wird unsere Tour verschoben – schade.
So habe ich ein bisschen mehr Zeit für meine Schützlinge. Crazy Willy ist mir schon sehr ans Herz gewachsen. Er begrüßt mich jeden Tag mit seinem eigenartigen Gesang und das Füttern ist jedes Mal eine Freude.
So geht auch die zweite Woche ganz schnell vorbei und dann heißt es Abschied nehmen. Das fällt mir schon sehr schwer, denn es war eine spannende und lehrreiche Zeit und ich werde es vermissen.
19. August 2022
Tja lange habe ich es in Deutschland nicht ausgehalten …
Die Heimreise gestaltete sich ja etwas schwierig. Unser Flugzeug, das uns bereits von Quito nach Guayaquil gebracht hatte, wurde vor dem Start einmal komplett durchgecheckt. Natürlich hat irgendein Schalter nicht funktioniert und so saßen wir am Ende mehr als 4h im voll beladenen Flieger und durften nicht starten. Ich dachte, nur die Deutschen sind sehr gründlich, aber nein, auch Ecuador kann es. Insgesamt braucht der Papierkram fast 2 Stunden. Da weder Essen noch Trinken verteilt wurde, waren die Menschen am Ende etwas unhöflich. Ich kam mir vor, als wäre ich in meine Ferienlagerzeit zurückversetzt worden – einige skandierten: „Tenemos hambre“…
In Madrid war natürlich der Anschlussflieger weg und so wurde ich auf Lufthansa umgebucht. Da kam dann das erwartete Unheil … mein Handgepäck war deutlich schwerer als die 8 kg. Air Europa hat eigentlich 10 kg und hatte meinen Handgepäckrucksack nie bemängelt. Bei Lufthansa musste dieser dann auch auf die Waage – leider 6 kg zu viel. Naja, ein bisschen durfte ich noch in meinen einzucheckenden Rucksack umpacken. Dann versuchte ich mein Glück an einem neuen Schalter, aber auch diese Dame war sehr genau. Die verbliebenen 11 kg wurden nicht akzeptiert. Da ich noch ein zweites Handgepäckstück haben durfte, packte ich also ein weiteres Mal um, sodass dann mein Rucksack die 8 kg nicht überschritt, der Rest kam im Umhängebeutel mit – in Summe immer noch 11 kg 😅
Ganze 5 Tage hab ich es zu Hause ausgehalten, Montagabend wurde der Rucksack neu gepackt und mit aller erforderlicher Kletterausrüstung ergänzt. Ich bin mit Olaf zur Hochtourenrunde auf den Mont Blanc verabredet. Wir wollen von der Aiguille du Midi starten, über das Vallée Blanche, Mt. Blanc du Tacul, Mt. Maudit zum Mt. Blanc aufsteigen und so auch wieder zurückgehen. Eine ziemlich anspruchsvolle und lange Tour mit mind. einem Biwak im Vallée Blanche oder auf der Cósmic-Hütte. Die Normalroute – über die wir hätten absteigen wollen – über das Grand Couloir ist wegen der großen Hitze der letzten Wochen noch mehr steinschlaggefährdet als sonst und nicht begehbar.
Also ging es am Dienstagmorgen um 5:33 Uhr Richtung Argentiere / Chamonix mit der Bahn los. Meine 5 Umstiegszeiten waren mit max. 9 Minuten eng gesetzt. Aber wie durch ein Wunder – alles lief reibungslos und pünktlich. Naja eine Episode gab es. War gerade im Tiefschlaf versunken als mich der Schaffner unsanft weckte, weil meine Maske nicht ordentlich genug über der Nase saß – typisch deutsch. Kaum waren wir in der Schweiz wurde ich vom Schaffner auf die Maskenbefreiung hingewiesen.
Nach einer entspannten Bahnreise empfingen mich Olaf und Argentiere mit einem sonnigen Lächeln. Am nächsten Tag wanderten wir zum Klettergebiet Chezerys der Aiguilles Rouges und arbeiteten seitdem mittels Alpinklettern an unserer Höhenanpassung. Zwei wunderbare Routen – Dessert de Samba (Nr. 5 - 120 m) und Un pere de Noël pour Lucy (Nr. 1 - 130 m) eröffneten einen tollen Blick über das Tal. Ich bin begeistert und nach 5 Stunden Klettern auch ziemlich erledigt. Bis 6a+ hat es noch gereicht, nicht verwunderlich nach 4 Monaten ohne Finger am Fels. Aber Olaf hat wieder sehr abwechslungsreiche Routen herausgesucht, sodass es einfach nur mega schön war.
Gestern und heute faulenzen wir, denn es regnet den ganzen Tag. Nur bis Chamonix haben wir es geschafft. Aber bei gesunder Kost – wie habe ich Salat und Schwarzbrot in den letzten 4 Monaten vermisst – lässt es sich gut aushalten. Ab morgen soll sich ein Schönwetterfenster bis nächsten Donnerstag öffnen. So bekomme ich hoffentlich meine 2. Chance auf den Gipfel, sofern der Grat von der Aiguille du Midi zum Vallée Blanche noch begehbar ist. Die Hitze der letzten Wochen hat hier einiges an Gletscher verschwinden lassen – es ist erschreckend, wie schnell es sich in einem Jahr verändert hat.
31. August 2022
Nun bin ich zum zweiten Mal hier und der Sommer verspricht für meinen Plan nichts Gutes. Von allen Seiten wird von der Besteigung des Mont Blanc abgeraten. Die geführten Bergtouren sind abgesagt, die Hütten sind geschlossen (wobei wir ja gar nicht die Hütten nutzen wollen) und die Normalroute ist gesperrt.
Wir wollen aber gar nicht über die Normalroute gehen, sondern die Überschreitung der 3 Gipfel wagen. Unser Plan ist es, von der Aiguille du Midi (3842m) über den Gletscher Vallée Blanche zum Mont Blanc du Tacul (4248m), dann über den Mont Maudit (4465m) zum Gipfel des Mont Blanc (4810m) – auch als Trois-Monts-Route bekannt – zu gehen. Von Chamonix aus über den Nordgrat zum Dôme du Goûter und dem Vallot Biwak mit zwei kalten Biwaknächten am Jonctions Point und Pointe Bravais hatten wir es bereits im Juni 2021 geschafft, ehe uns ein Whiteout zur Umkehr zwang. Also bin ich wieder da.
Die Zeit fängt gleich gut an. Nach einem sehr schönen Einklettertag in der „Blanche Area“ der Chéserys war die Wetterwelt noch in Ordnung. Dann kamen, wie angesagt, 3 schlechte Tage mit Regen. Wie nutzt man diese Zeit, die man eigentlich zum Akklimatisieren benötigt? Es bleibt nur Lesen, Schlafen, Träumen… und Routenstudium für die nächsten Klettertouren. Im letzten Jahr hatten wir beim Klettern der „Voie Frison Roche“ an der Brevent eine nicht in Olafs Kletterführer zu findende Route entdeckt, die ich gern klettern wollte – die „La piste obliée“ – 170 m über 5 Seillängen bis franz. 6b. Der erste Versuch scheiterte am Wetter – in der ersten Seillänge fing es an zu regnen. Also Abbruch und neu überlegen.
Alternative – einen Tag auf der Aiguille du Midi zur Akklimatisierung verbringen. Die Aussicht von hier auf das Mont Blanc Massiv ist gigantisch. Egal wie oft ich schon hier oben stand, es ist immer wieder überwältigend schön. Olaf studiert unsere Route – wir können keine Spuren erkennen. Anscheinend ist in den letzten Wochen keiner diesen Weg gegangen. Zwischen Mont Blanc du Tacul und Mont Maudit ist ein ziemlich großer Bergschrund zu erkennen. Nach reiflicher Überlegung müssen wir einsehen, dass diese Route nicht machbar ist. Damit ist mal wieder einer meiner Bergträume geplatzt. Mist.
Als wir am späten Nachmittag wieder ins Tal fahren, nehmen wir den Weg über das Bergführerbüro. Dort erfahren wir, dass die Hütten ab 21.08.2022 wieder öffnen. Plötzlich ist sie da – meine Chance! Wenn auch nicht über die gewünschte Route, aber auf den Gipfel könnte es gehen. Am späten Nachmittag spielen wir alle Zustiegsvarianten zur Nid d'Aigle und vor allem den Rückweg durch. Mein etwas gewagter Plan ist, nur eine Nacht auf der Hütte zu verbringen und am Gipfeltag komplett wieder bis Nid d'Aigle (2362m) abzusteigen. Das sind immerhin 2450 Hm Abstieg vom Gipfel, davon 500 Hm Kletterei über den Goutergrat (II. Grad UIAA), nachdem man ca. 1000 Hm Aufstieg hinter sich hat. Von dort aus fährt eine Zahnradbahn bis Le Fayet und dann kämen wir mit dem Auto bis zu unserem Zeltplatz in Argentiere. Online kann man keine Hüttenplätze mehr buchen, sie sind für die nächsten 2 Jahre ausgebucht. Da aber viele ihre Touren abgesagt haben, sollten Plätze verfügbar sein. Also probiere ich es telefonisch und siehe da, ich kann 2 Betten für den 23.08. reservieren – es könnte klappen. Nun fehlt nur noch ein Platz in der Zahnradbahn. Inzwischen muss man hier für alle Bergbahnen Zeiten reservieren. Da auch hier online nichts mehr geht, müssen wir auf gut Glück losfahren. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Bis dahin bleiben noch zwei Tage Alpinklettern in der Grand Floria zur Akklimatisierung und ein weiterer Versuch in der Le Brevent für die „La piste Obliee“.
Nun also ist es soweit. Um 4:30 Uhr aufstehen, frühstücken auf dem Zeltplatz und um 5:45 Uhr Abfahrt nach La Fayet. Pünktlich als erste stehen wir am Fahrkartenschalter und steigen in den 1. Zug um 7:00 Uhr nach Nid d'Aigle. Um 8:20 Uhr starten wir mit dem Aufstieg. Gegen 10:45 Uhr sind wir am Grand Couloir und erleben eine relativ ruhige Situation. Nicht anders als im letzten Jahr beim Abstieg. Am frühen Mittag erreichen wir die Gouterhütte und genießen die Sonne und die Aussicht.
Die Nacht ist kurz, um 2:30 Uhr gibt es Frühstück und um 3:30 Uhr starten wir in Richtung Gipfel. Am Anfang sind wir noch die 5. Seilschaft und vor uns leuchten die Stirnlampen auf der Route. Nach und nach, weil wir komplett seilfrei unterwegs sind, überholen wir die vor uns Gehenden. Es läuft perfekt. Bis auf ein paar Blankeisstellen ist der Weg bis zum Vallot Biwak sehr schnell zu begehen. Wir kommen gut voran, müssen ein paar Steilstellen klettern und als wir den Bossonsgrat gequert haben, beleuchten die ersten Sonnenstrahlen diesen – ein berauschender Anblick. Nach 3,5 h erreichen wir den Gipfel. Die Luft ist glasklar und das wunderschöne Licht versüßt den Ausblick – einfach wunderbar. Wir beide genießen die Ruhe – wir haben den Gipfel ganz für uns. Bei diesen guten Verhältnissen eher ungewöhnlich, aber anscheinend hat der reißerische Spiegelartikel viele Bergsteiger von der Tour abgehalten.
Nach gut 40 Minuten und etlichen Fotos später begeben wir uns auf den Rückweg. Und wieder alles läuft perfekt – nach 3h sind wir an der Gouterhütte. Dort gibt's zur Stärkung nochmal einen Riesencookie mit Kaffee und dann klettern wir abwärts. Immer in Gedanken, dass wir das Grand Couloir zu einer sehr ungünstigen Zeit queren müssen. Doch auch dieses Mal haben wir großes Glück, alles ist relativ still und wir können sicher queren. Auch an der Bahnstation haben wir wieder großes Glück, wir dürfen den bereits wartenden Zug nehmen. Allerdings ist er so voll, dass wir die Stunde Fahrt nach La Fayet stehend auf brennenden Füßen überstehen müssen.
Am letzten Tag gehen wir noch einmal in der Chéserys auf Klettertour. Der Zustieg ist mit fast 2h etwas lang, aber wir sind ja bestens zu Fuß. Die Routen („Y“ (8) und „Aiguillette“) hat Olaf wieder gut gewählt und so bekommt diese Zeit einen wunderbaren Abschluss an den Wänden der Aiguilletts mit Blick zum Mont Blanc.
Alle Fotos mit mir stammen von Olaf Rieck.
11. Oktober 2022
Nun habe ich ziemlich lang hier nichts veröffentlicht und trotzdem war seit der Mont Blanc Tour einiges los in meinem Leben.
Ich war nur knapp eine Woche zu Hause, habe in der Zeit etwas Kultur genossen, ein wunderschönes Konzert gehört und die Banksy Ausstellung besucht.
Für einen kurzen Abstecher zum Klettern ins Elbtal mit Insa ist immer Zeit. Wie hatte ich das Klettern doch vermisst… Auch die Kletterhalle und meine Kletterfreunde haben mich wiedergesehen – es war so genial.
Anschließend bin ich dann mit meiner Mädelwandergruppe im schönen Wolkenstein im Grödnertal nach Südtirol gefahren. Frage mich gerade, ob ich unsere Gruppe eigentlich noch so nennen kann, denn wir haben viel Zuwachs bekommen. Seit letztem Jahr sind die Kids von Stephanie und Axel, Florentin und Alexis sowie Axel dabei. Die Jungs sind äußerst pflegeleicht und haben im letzten Jahr alle Wanderungen im vorderen Tragesack mitgemacht. Dieses Jahr sind sie aus Gewichtsgründen auf die Rückfront gewechselt. 😉 Da Liz leider verhindert war und Eva eine Sprunggelenksverletzung auskurieren musste, kam kurzerhand noch Evas Mama zur Unterstützung mit. Dazu bekamen wir im letzten Jahr auch tierischen Zuwachs – Lotti, eine Australian Shepherd Hündin und dieses Jahr dann noch Franz Xaver – der Sportmops.
So zogen wir wie letztes Jahr immer in Tagestouren los – Grödner Joch, Langnertal, Sass Rigais – viele schöne Touren, um nur einige zu nennen. Auch durfte diesmal der Besuch beim Ötzi nicht fehlen. Am letzten Tag führte uns Michaela, unsere Vermieterin, auf eine schöne Runde von Monte Pana zum Sassegg auf die kleine Selbstversorgerhütte ihres Bruders.
Auch musste ich in Wolkenstein ein bisschen Laufen gehen, denn es stand ja noch der Berlin Marathon auf dem Programm. Allerdings hat mich dann eine Woche vorm Marathon eine Erkältung von den Füßen geholt. Naja das war's wohl gewesen, so meine Überlegungen, aber nein, mit Vitamin B12 und Belladonna hab' ich mich so halbwegs kuriert. Mit nicht allzu großer Motivation und dem Wissen um das fehlende Training in den letzten 6 Monaten fuhr ich nach Berlin zu Alkenë. Den Abend vorm Start verbrachten wir beim Pasta und anschließendem Wein in der Rooftop-Bar mit Blick auf die Gedächtniskirche – einfach nur schön. So fiel mir das frühe Aufstehen am nächsten Morgen und der Weg zum Start noch etwas schwerer. Wider aller meiner Erwartungen lief es recht gut, erst am km 35 überholte mich der Zeitläufer für die 3:30h. Das gab dann den moralischen Einschlag, aber für mich stand sowieso nur eine Zeit unter 4h auf der Wunschliste. Das Publikum und die Strecke sind in Berlin unschlagbar gut. Zu keiner Zeit bekam ich schwere Beine und bei den lustigen und abwechslungsreichen Beifallsbekundungen an der Strecke laufen sich auch die letzten Kilometer wie von selbst. Am Ende blieb ich dann mit 3:48:52
recht deutlich unter meinem Zeitplan.
Die letzten Tage zu Hause vergingen dann wie im Flug – Ausrüstungscheck, Rucksack packen, viele Besuche bei Freunden oder bei mir, Kinoabende, Klettern, Abendessen mit meinen Kids und schon stand der Abflug an. Diesmal von München über Lissabon nach Sao Paulo und dann weiter bis Bariloche. Patagonien ist das Ziel. Diesmal weiß ich noch weniger, als beim ersten Mal. 5 Tage habe ich ein Hostel in Bariloche und dann will ich mit dem Bus nach Süden. Bisher habe ich nur im November einen 8-tägigen Trekk im Nationalpark Torres del Paine fest und im Dezember mal wieder einen hohen Berg – den Aconcagua.
Der Start ging gleich gut los. Auf der Suche nach preiswerten Flügen war ich bei TAP Portugal gelandet. Den relativ günstigen Preis hatte ich mir mit einer Transferzeit in Lissabon von nur 1:20h erkauft. Am Abend vorm Abflug checkte ich bei Flightradar24 mal die Flugzeiten meines Zubringerfluges und stellte mit Erschrecken fest, dass er durchschnittlich min. 1h zu spät in Lissabon landete. Beste Voraussetzungen also – mit einem unguten Gefühl stieg ich in den Zug nach München. Die Bahn war pünktlich. Aber es kam, wie es kommen musste … 30 min Flugverspätung wurden angekündigt, mit 45 min Verspätung sind wir gestartet. Damit hatte ich nun knapp 3h Zeit, mich an einen längeren Aufenthalt in Lissabon zu gewöhnen, da ich nicht damit rechnete, den Anschluss noch zu erreichen. Doch wider Erwarten landeten wir 15 min vor Schließen des Bordings. Nach einer wilden Busfahrt übers Vorfeld, vielen fleißigen Helfern – wir wurden tatsächlich von Punkt zu Punkt gelotst – und einigen Sprints stand ich noch rechtzeitig zum Einchecken am richtigen Gate. Der Flug selbst war sehr entspannt – außer zum Essen und Fotografieren habe ich die ganze Zeit verschlafen.
Nun bin ich seit 3 Tagen in Bariloche. Es ist so schön, die Sprache wieder zu hören, die Gelassenheit der Menschen zu erleben und es mit allen Sinnen zu genießen. Es geht wieder los … die Berge rufen.
13. Oktober 2022
So nun bin ich wieder hier in Südamerika. Bariloche ist diesmal mein Ausgangspunkt zum südlichsten Zipfel Südamerikas. Die Stadt liegt am Nahuel Huapi, einem großen Gletschersee inmitten der Anden. Bariloche wurde 1902 gegründet, vor allem Deutsche und Schweizer ließen sich hier nieder, auch viele bekannte Bergsteiger wie u. a. Otto Meiling. Die Stadt ist für seine alpenländische Architektur, die Schokolade und das Eis bekannt, die die Schweizer hier etablierten. Entlang der Calle Mitre, der Flaniermeile der Stadt, gibt es Schokoladengeschäfte und Eisdielen in abwechselnder Reihenfolge und ich könnte mich den ganzen Tag durch die Auslagen essen. Mache ich aber dann doch nicht 😁.
Zudem wird die Stadt gerade von Massen an Jugendlichen in Gruppeneinheitsskikleidung bevölkert, da Bariloche die Stadt am beliebtesten Skigebiet Argentiniens – dem Cerro Catedral – ist. Weiterhin ist sie Ausgangspunkt für Trekkingtouren in die nahen Berge sowie für die Erkundung des umliegenden Seengebiets. Ein guter Einstieg also.
Gleich der erste Morgen in meiner Unterkunft begrüßt mich mit Schlagregen und Sturmböen. Also gehe ich nach einem recht einfachen Frühstück – Kaffee und 2 Croissants – einfach wieder ins Bett. Von hier aus lassen sich in meinem kleinen Dachgeschosszimmer gut die nächsten Touren dank Internet organisieren. Mein Plan nimmt langsam Gestalt an. Von Bariloche soll es über El Bolson und Esquel weiter über die Anden nach Chile gehen. Futaleufú heißt das Dörfchen. Laut Lonely Planet Reiseführer ist das mit dem Bus machbar. Anschließend über die berühmte Carretera Austral in Chile zu den Mamorhöhlen von Coyhaique. Weiter nach Süden nach Chile Chico und wieder zurück nach Argentinien bei Los Antiguos. Von dort dann nach El Calafate und El Chalten (Fritz Roy und Cerro Torre), wieder nach Chile zum Torre del Paine Nationalpark, Puerto Natales, Punta Arenas und dann schließlich nach Ushuaia – Feuerland. So der Plan…
Leider stellt sich recht schnell heraus, dass wahrscheinlich seit Corona und den immer wiederkehrenden Grenzstreitigkeiten keine Busse mehr zwischen Chile und Argentinien in diesem Bereich verkehren. Es werden nur noch die großen Städte im Pendelverkehr angefahren. Damit bleibt die abenteuerliche Carretera Austral auf der Strecke und ich bis Puerto Natales in Argentinien … zu dieser Erkenntnis trommelt der Regen an mein Fenster 😢.
Zum frühen Nachmittag klart es endlich auf – Zeit für Erkundung der Stadt und Geld tauschen. Das ist in Argentinien etwas besonderes. Auf der Straße bekommt man gut 40% mehr als den offiziellen Kurs – den sogenannten Dollar-Blue-Kurs, seitdem die Regierung die monatliche Tauschmenge für Argentinier beschränkt hat. Man darf sich nur kein Falschgeld einhandeln. 😁 Auf der Flaniermeile wird man von Zwischenhändlern angesprochen, verhandelt den Kurs und geht dann in irgendwelche Hinterhäuser. Davor muss man sich nicht fürchten. Bisher ging es immer gut und auch diesmal habe ich gut getauscht.
Anschließend mache ich der Catedral Nuestra Señora del Nahuel Huapi noch meine Aufwartung. Für den Bau der Kathedrale von Bariloche bot der Architekt A. Bustillo sein Projekt kostenlos an. Sein Entwurf war an einem neugotischen Stil mit französischen Reminiszenzen orientiert. Der Bau wurde 1946 begonnen. Das Gebäude hat die Form eines lateinischen Kreuzes mit schlichten Formen. Sein Kopf ist genau nach Osten ausgerichtet, sodass die Sonne von Beginn des Tages an hereinscheint. Die Buntglasfenster wurden von Enrique A. Thomas in Buenos Aires entworfen und in Frankreich hergestellt. Nach dem Einsetzen der Fenster 1947 stockte der Bau bis 1994. Erst dann wurde ein Fußboden mit Heizung eingebaut, bis dato gab es nur den Zementuntergrund. Von innen sind die blanken Betonstrukturen zu erkennen. Trotzdem vermittelt der Kirchenraum eine beeindruckende Schönheit.
Vom Hauptplatz des Centro Cívico genießt man einen schönen Blick über den See. Hier befinden sich neben dem Julio A. Roca Monument auch das Rathaus mit Uhrturm, die Bibliothek „Domingo Faustino Sarmiento“ sowie das 1940 errichtete Museo de la Patagonia Francisco P. Moreno, in dem man sich die Geschichte der Region zu Gemüte führen kann.
Viel mehr gibt es auch sonst nicht in Bariloche zu entdecken. Der Ort besticht durch seine Lage am Huapi-Gletschersee. Auch dieser hat eine Besonderheit. Nicht nur in Schottland gibt es Ungeheuer! Das patagonische Seeungeheuer Nahuelito treibt im Nahuel Huapi sein Unwesen. Es wird von angeblichen Sichtungen des Urzeitmonsters berichtet: Ein „enormes Tier mit einem Kopf wie ein Schwan, von gewaltiger Größe. Seine Bewegungen lassen auf einen Krokodils-Körper schließen.“ So der US-amerikanische Goldsucher Martin Sheffield 1922.
Zum Baden ist der See leider nicht geeignet, denn auch im Sommer sind nicht mehr als 15 Grad zu erwarten.
Die Wettervorhersage für die nächsten beiden Tage deutete auf sehr gute Bedingungen – kein Regen und viele Sonnenstunden, sodass ich mich auf den Weg zum Refugio Frey machte. Wenn alles passen sollte, wollte ich ggf. auch weiter bis zum Gipfel des Cerro Central. Startpunkt war das Skidorf Villa Central, das ich mit dem Kollektivbus 55 ansteuerte. Leider fuhr der erste Bus am Samstag um 8 Uhr in Bariloche los und nach 45 Minuten war ich dann in Villa Central. Der erste Teil des Weges lief sich sehr entspannt, einzig wunderte ich mich ein wenig, dass alle, die ich überholte, mit Schneeschuhen im Gepäck unterwegs waren. Ab 1000 Hm begannen schon die ersten Altschneefelder und nach weiteren 200 Hm folgte eine geschlossene Schneedecke. Das sollte interessant werden. Weite Teile des Weges führten sehr idyllisch durch den Wald. Im oberen Teil dann musste man an einem Südhang dem ersten Lawinenfeld ausweichen. Der Wind wurde stärker und bis zum Refugio durfte ich mich dann durch Tiefschnee kämpfen – zum Glück nicht allein. Vor mir war eine 6-köpfige Truppe mit schwerem Gepäck unterwegs – die italienischen Jungs waren auf Hüttentour – und spurten mit mir gemeinsam den Weg. Damit war klar, dass ich ohne Schneeschuhe nicht weiter als bis zum Refugio gehen konnte – schade – aber trotzdem eine schöne Tour.
Am nächsten Tag stand der Cerro Tronador (3491 m) – ein erloschener Vulkan auf der Grenze zwischen Chile und Argentinien – auf meiner Liste. Nach Auskunft des hiesigen Andinisten-Büros (hier sind es keine Alpinisten), ist es aufgrund der vielen Schneefälle der letzten Wochen nicht möglich, bis zum Gipfel zu gehen – Lawinengefahr – Mist! Also habe ich mich für eine Trekkingtour zum am Fuße des Tronadors auslaufenden Gletschers Ventisquero Negro entschieden. Die Flanken des Tronadors bedecken insgesamt 8 Gletscher, die der Klimaerwärmung geschuldet, ebenfalls rückläufig sind. Der Ventisquero Negro (schwarze Schneewehe) ist besonders, da er in seiner Entstehungszone Erde und Sedimente des höher gelegenen Rio Manso Gletschers aufgenommen hat. So kalben braune Eisberge vom Negro ab und treiben im Gletschersee. Mit dem Kleinbus ging es bis zur Pampa Linda, mit Zwischenstopp am Lago Mascardi und der Isla Piuque Huapi, dem Ausgangspunkt aller Zustiege zu den Refugios. Naja Trekking konnte man das nicht wirklich nennen, man läuft die ganze Zeit (7 km) auf einer recht gut geschotterten Straße bis zum Aussichtspunkt. Dafür ist der Ausblick auf den Gletscher gigantisch.
Meinen letzten Tag in Bariloche habe ich auf dem Cerro Campanario (1050 Hm) und den Chico Circuit – eine Rundfahrt von ca. 60 km mit Besichtigung des Hotels Llao Llao, das Luxushotel der 40er – entworfen vom Architekten A. Bustillo, der San Eduardo Kapelle und dem Hafen Puerto Pañuelo – verbracht. Vom Cerro Campanario hat man einen sehr schönen Blick über die angrenzende Seenlandschaft. Da ich auch mal ganz faul sein wollte, bin ich mit dem Sessellift auf den Berg. Zur Belohnung gab es eine heiße Schokolade mit Cognac – hier auch als Schoknac bekannt – und eine nette amerikanische Bekanntschaft – Kelly aus Minnesota.
Morgen geht's dann Richtung Süden nach El Bolson – in die Hippistadt Argentiniens.
16. Oktober 2022
Nach den entspannten Tagen in Bariloche ging es am 11.10. in Richtung Süden – El Bolson – die Hippistadt Argentiniens – liegt auf dem Weg nach El Chalten. Mit dem Überlandbus auf der berühmten Ruta 40 sind es gut 2,5 h Fahrt – immer mit Blick auf die Anden.
Die Stadt liegt am Fuße des Cerro Piltriquitron – was in der Sprache der Ureinwohner Tehuelche „von den Wolken hängend“ bedeutet – in einem tiefen Tal, das von den Flüssen Azul und Quemquemtreu durchquert wird. Aber anscheinend hat der Lonely Planet Reiseführer massiv übertrieben, die Einflüsse der Hippies sind nirgendwo zu sehen. Die Stadt ist auf Tourismus und Landwirtschaft ausgerichtet und hat nicht wirklich schöne Ecken. Mein Hostel liegt gut 1 km vom Zentrum entfernt – alles gut zu finden, da die Stadt in Quadraten aufgebaut ist. Nach dem Einchecken mache ich noch einen Spaziergang durch das Zentrum und dann flüchte ich vorm ersten Regenschauer.
Für den nächsten Tag habe ich mir eine Wanderung zum Refugio Cajón del Azul und dem zugehörigen Wasserfall vorgenommen. Eine Tagestour mit Bus zum Einstieg von mehr als 10h. Nach Studium der Wetterlage am nächsten Morgen gegen 6 Uhr streiche ich es aus meinem Programm und schlafe einfach weiter – es regnet in Strömen bis 10 Uhr. So wird es nur eine kleinere Tour zum nahegelegenen kleineren Wasserfall am Arroyo del Medio, der in den Rio Quemquemtreu mündet. Meine Trekking-App Mapy.cz hatte bisher in Südamerika gut funktioniert. Was sie natürlich nicht wissen konnte, dass die Regenfälle einen Teil des Weges weggespült haben. Da stand ich nun und musste mir einen neuen Weg am Fluss bahnen.
Um wieder auf den Originalweg zu kommen, war dann über ca. 30 m ein bisschen freies Klettern an einem felsigen 45 Grad Hang erforderlich. Naja ich lebe noch. Die restliche Tour war sehr entspannt und ich wurde mit vielen schönen Ausblicken belohnt. Einer davon der Mirador del Indio – das Gesicht eines Ureinwohners im Fels. Von dort aus hat man ebenfalls einen wunderbaren Blick auf den Rio Azul.
Am nächsten Tag hatte ich bei wesentlich besserer Wetterlage den Cerro Piltriquitron (2384 m) auf dem Plan. Allerdings stellte sich der Aufstieg bis zum Refugio als nicht so lohnend heraus, der Weg führte über eine Schotterpiste. Reihenweise wurde ich von Autos überholt, deren für Argentinien typisch lauffaule einheimischen Touristen mich erstaunt musterten. Ca. 200 Hm unterhalb des Refugios befand sich der Parkplatz.
Gegen 12 Uhr startete ich dann vom Refugio Richtung Gipfel. Luis, ein bergerfahrener Argentinier, den ich im Refugio kennengelernt hatte, schloss sich mir an. Er war wesentlich besser als ich ausgestattet – Steigeisen und Pickel hatte er im Gepäck. Ich hatte meine Steigeisen am Morgen leider vergessen und wollte auch nicht noch mal umdrehen, als es mir auffiel – eine schlechte Entscheidung, wie ich später feststellen musste. Je höher wir kamen, umso mehr zog sich der Himmel zu und die Aussicht wurde schlechter. Ca. auf 2000 Hm (Gipfel bei 2384 m) war dann leider Schluss für mich.
Auf dem Weg zum Gipfel gab es eine Blankeisstelle an einem ca. 30 Grad steilen Hang. Luis bot mir zwar eins seiner Steigeisen an, so dass jeder von uns mit dem Bergfuß sicher stehen würde, aber das musste ich ablehnen. Sicherheit geht vor und das wäre es nicht wert.
Also machte ich mich allein auf den Rückweg und Luis ging weiter zum Gipfel. Ab dem Refugio wurde die Sicht wieder besser und gab den Blick über das Tal von El Bolson frei – wunderschön. Nach 36 km, 3400 Hm Auf- und Abstieg und 9h war ich wieder im Tal.
Am 14.10. geht's weiter nach Süden – Esquel ist die nächste Station.
18. Oktober 2022
Treu meiner Reiseroute folgend habe ich in Esquel Station auf dem Weg nach Süden gemacht.
Im Gegensatz zu El Bolson ist Esquel wesentlich schöner und interessanter. Auch hier gibt es die typische quadratische Aufteilung der Stadt, die es auch Orientierungschwächeren sehr leicht macht, sich zurecht zu finden. Der Name der Stadt – Esquel – leitet sich von Tsonek ab, welches Distel bedeutet und durch das Merkmal der lokalen Flora bestimmt wird – die aus Coiron, Neneo und Calafate sowie anderen dornigen Büschen besteht.
Meine Vermieterin Manuela, diesmal habe ich eine Privatunterkunft, ist sehr redefreudig und ich habe Mühe, alles zu verstehen. Da sie kein Englisch kann, muss ich nun wieder mehr spanisch sprechen. So entlockt sie mir doch einiges … als ich, auf ihre Frage, wie ich denn die argentinischen Männer so finde, von meinem Spanischlehrer Gabriel in Buenos Aires vorschwärme, der mich schon zum wiederholten Mal eingeladen hat und mir regelmäßig schreibt, meint sie trocken – „ah, die Liebe eines kurzen Sommers“ – da müssen wir beide herzhaft lachen. Sie ist einfach goldig.
Am Nachmittag erkunde ich ein wenig die Stadt – vor allem wieder auf der Suche nach einer Tauschmöglichkeit für Dollars. Die Banken haben zu und am Automaten bekommt man nur den offiziellen Kurs. Also gehe ich kurzerhand in ein Sportgeschäft und frage nach. Ich habe Glück und der Besitzer will selbst tauschen und ich bekomme den besten Kurs bisher.
Am nächsten Tag steht eine Wanderung in den hiesigen Nationalpark zur Laguna La Zeta und zur La Trochita – eine wichtige Touristenattraktion der Stadt – an. Die Laguna La Zeta liegt nur ca. 6 km vom Zentrum entfernt und man hat einen tollen Ausblick auf die umliegenden Gebirgsausläufer der Anden. Zum Glück war nicht allzu viel los und so konnte ich die Ruhe genießen. Nur als ich am See ankam, liefen gerade Filmaufnahmen per Drohne für ein argentinisches Duo – La Paloma.
Der Schmalspurzug La Trochita ist weltberühmt dafür, dass er der einzige auf dem Kontinent ist, der in Betrieb ist. Die Maschinen, die „La Trochita“ betreiben, sind die Ursprungsmarken „The Baldwin Locomotive Works“ aus Philadelphia USA und „Henschel & Sohn GmbH“ aus Kassel, Deutschland. Alle (50 Henschel- und 25 Baldwin-Lokomotiven) wurden 1922 für die „Ferrocarriles Livianos de la Patagonia“ gebaut und ausgeliefert. Dieselben wurden auf ausdrücklichen Wunsch der argentinischen Regierung an „Ölverbrennung“ anstelle von Kohle angepasst geliefert, sogar mit einem höheren Gewicht als die übliche Lokomotive, um ihre Zugfähigkeit zu verbessern. Bemerkenswert ist, dass alle Lokomotiven immer noch so funktionieren, wie sie ursprünglich vorgesehen waren – mit Paraffinöl betrieben. Das ganze System funktioniert nur dank des Enthusiasmus der Mitarbeiter der Eisenbahnwerkstätten El Maiten, die nach alten Plänen alles „original“ für touristische Zwecke erhalten. Ursprünglich umfasste sie die Strecke zur Stadt Ingeniero Jacobacci und von dort nach Buenos Aires. Heute dient es ausschließlich dem Tourismus und macht Ausflüge in das kleine Dorf Nahuel Pan, das am Fuße des gleichnamigen Hügels liegt.
Leider habe ich den Zug nicht direkt zu sehen bekommen, da an diesem Samstag ein Feiertag war und kein Zugbetrieb stattfand. Er stand einfach nur so in der Pampa.
24. Oktober 2022
Esquel wollte ich mittags mit dem Bus del Sur Richtung Süden verlassen. Die Reise ging schon mit einer Verspätung des Buses von 2h los. Allerdings verging das Warten sehr schnell, da ich im Busterminal zwei Medizinstudenten kennengelernt hatte – die, man mag es kaum glauben, in Leipzig leben und studieren. So hatten wir uns einiges zu erzählen. Nicolas und Nathalie haben ein Urlaubssemester vorm Examen genommen und sind seit August in Südamerika. Sie haben sich von Brasilien, Bolivien, Peru und Chile auch zum südlichsten Punkt Amerikas aufgemacht. Wir tauschen uns über unsere Reiseerfahrungen aus und auch bei Ihnen ist die Begeisterung für die Menschen hier sehr deutlich zu spüren. Die Fahrt an sich ist ganz angenehm, die Sitze bequem. Unser Schutzengel reist mit uns – Papst Franziskus ziert unseren Bus.
Auf einem Zwischenstopp lerne ich im Bus noch Nadine aus Köln kennen – sehr sympathisch und echt witzig. Am nächsten Tag am frühen Nachmittag erreichen wir El Calafate – nach 26 Stunden. Mit Nadine verabrede ich mich gleich für den nächsten Abend zu Abendessen und Wein trinken.
El Calafate liegt am Lago Argentino und leitet seinen Namen von Berberis microphylla ab, eine Pflanze mit gelben Blüten, die charakteristisch für Südpatagonien ist und die dunkelblaue Beeren hervorbringt. Schmeckt lecker als Marmelade.
Früher wurde dieser Busch und sein Harz wegen des Hanfmangels zum Abdichten der ersten Schiffe verwendet, die in Patagonien ankamen. Die Stadt wurde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Versorgungspunkt der Ranches, die hier die Wollproduktion betrieben, gegründet. Auch diese Stadt ist quadratisch praktisch gut aufgebaut. Bekannt geworden ist sie durch die Lage als Tor zum Nationalpark „Los Glaciares“, der 1943 gegründet wurde und seit 1981 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Stadt selbst hat außer Touristengeschäfte nichts zu bieten. Kurz außerhalb der Stadt befindet sich das Glaciarium Patagonian Ice Museum. Das Glaciarium ist ein modernes Gletscher-Interpretationszentrum, das gebaut wurde, um über Eis, Gletscher und das südpatagonische Eisfeld zu unterhalten und aufzuklären.
Am nächsten Tag mache ich mich auf eine längere Wanderung entlang des Lago Argentino zu den Höhlen von Walichu auf. Der Lago Argentino ist mit 17.000 km² etwa dreifach so groß wie der Bodensee und damit ist er auch der größte See in Argentinien. Außerdem ist er über 15.000 Jahre alt – sein Wasser schimmert je nach Wetterlage von azurblau bis milchig trüb. Vom See aus hat man schon einen beeindruckenden Blick auf die Andenkette.
Die Höhlen von Walichu sind ca. 2 Stunden Gehzeit von El Calafate entfernt. Dort kann man die Nachbildung eines Tehuelche-Grabes bestaunen. Die Tehuelche sind die ersten Einwohner dieser Region. Weiterhin sind Malereien mit anthropomorphen Tieren, Tierspuren, Handabdrücke und Figuren zu sehen.
Auf dem Heimweg muss ich mich echt anstrengen, der typische Patagonische Wind ist aufgekommen und wirft mir Sandstürme entgegen. Als die geführten Touren oberhalb meines Weges mich in den geschlossenen Jeeps überholen, bin ich ein wenig neidisch. Denen prasseln die Sandkörner nicht wie ein Peeling ins Gesicht.
Ein bisschen Spaß gönne ich mir am nächsten Tag (19.10.) auch – Zipline vom Cerro Huyliches ins Tal.
Ein weiterer Höhepunkt in der Nähe von El Calafate ist der Perito Moreno Gletscher. Das Eis des Perito Moreno Gletschers funkelt in der Sonne und erhebt sich, soweit das Auge reicht im wunderschönen Nationalpark. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen brechen von Zeit zu Zeit Stücke vom Perito Moreno ab: Ein unvergleichliches Naturschauspiel! Der Perito Moreno Gletscher befindet sich ebenfalls am Lago Argentino. Rund 30 Kilometer ist der Perito Moreno lang – die Kalbungsfront vom Perito Moreno liegt zwischen 55 und 77 Metern über der Wasserlinie. Interessant ist auch, dass der Perito Moreno den südlichen Arm vom See durch die Eismassen immer wieder absperrt und den See an dieser Stelle aufstaut. Eine weitere Besonderheit ist, dass der Gletscher weiterhin wächst, gespeist durch die komprimierten Schneemassen der Anden und nicht dem Klimawandel zum Opfer fällt.
Noch schöner ist, dass man nicht nur mit dem Boot an den Gletscher heranfahren kann, sondern einen Trekk über diesen machen darf. Also habe ich im Touristenbüro eine Ausfahrt mit Trekk gebucht – mit Bus und Boot geht es zum Gletscher. Die Steigeisen, die wir erhalten, sind mindestens 50 Jahre alt… aber für diesen Weg durchs Eis reichen sie.
Es ist unglaublich, welche Formen der Gletscher erzeugt. Ich genieße die Aussichten und Details. Das Eis, entstanden aus gepresstem Schnee hat viele Lufteinschlüsse und ist sehr sauber. Das wird gleich touristisch ausgenutzt und alle Nationalparkbesucher bekommen zum Abschluss einen Whiskey on Ice.
2. November 2022
Wie schreibt man einen Blog weiter, wenn die wichtigste Person, für die er geschrieben wird, ihn nie wieder selber lesen kann? Ich sitze hier vor meinem Rechner, und die letzte Woche ist wie in Watte gehüllt vergangen … Das, was ich befürchtet habe, ist schneller eingetreten als gedacht und gehofft – meine Mutter wird nicht mehr selbstbestimmt leben können. Und ich bin am anderen Ende der Welt, an einem Ort mit den imposantesten Bergen, die für mich zu den schönsten gehören, die in Wirklichkeit zu sehen einer meiner Träume war, und die man einfach nur genießen sollte und kann es nicht. Wiederum darf ich aber auch gerade erfahren, wie großartig und wunderbar meine Kinder agieren und dass mit Hilfe aller und des WWW die erforderlichen Abstimmungen getroffen werden können, sodass ich meine Reise fortsetzen kann. Also geht es auch hier weiter…
Von El Calafate bin ich mit dem Bus nach El Chalten im Tal des Rio de Las Vueltas gereist – das Mekka der Kletterszene. Hier stehen die Berge, in deren Gipfelbücher sich jeder Kletterer gern eintragen würde – Fitz Roy, Aguja Saint Exupery, Desmochada, De l'S, Aguja Poincenot, Aguja Standhart, Cerro Torre, Torre Egger, El Mocho, Media Luna, Aguja Guillaumet, Punta Herron – die Liste ist lang. Schon die Begrüßung durch das Bergmassiv am Ende der Straße ist unbeschreiblich schön.
El Chaltén wurde erst 1985 im Zuge der Grenzstreitigkeiten zwischen Chile und Argentinien gegründet, um den Gebietsanspruch Argentiniens zu untermauern. El Chaltén verfügt über keine Industrie und kaum Landwirtschaft, erlebt jedoch durch den zunehmenden Tourismus rund um die ausgedehnten Trekking- und Bergsteigergebiete nahe dem Fitz Roy einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Letzterer heißt übrigens in der Sprache der Ureinwohner, der Tehuelche-Indianer, El Chaltén. Das bedeutet in ihrer Sprache „Rauchender Berg“. Die Bezeichnung leitet sich von den oft an der Spitze des Berges sichtbaren Wolken ab. Diese sind es auch, die in den ersten Tagen hier die Sicht auf alles vernebeln.
Der erste Siedler war die Familie Madsen. Ein dänischer Auswanderer, der Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach dem Glück in Argentinien landete. Hier ließ er sich im südlichsten Zipfel des Landes nieder und baute sich seine Estancia, geschützt durch den Fluss und das Bergmassiv im Rücken, am Ende des Tales aus. Anschließend holte er seine Jugendliebe aus Dänemark hierher. Die Lebensgeschichte ist in dem inzwischen zum Museum umfunktionierten Haus dokumentiert – spannend und beeindruckend. Der Weg dahin war infolge des Regens eine Herausforderung für Schuhe und gute Laune. Die erhellte sich wieder, als es Kaffee und Kuchen in der Casa Madsen gab.
Die ersten Tage erkunde ich die ersten Trekkinghighlights, immer in der Hoffnung auf besseres Wetter. Ab Mittag zieht es sich meist zu, und am frühen Nachmittag beginnt es zu regnen – keine Sicht 😔… dazu kommt der für Patagonien typische Wind – die Böen können einen schnell von den Füßen holen.
Dies ist auch einer der Gründe, warum ich ein paar Touren vorzeitig abbreche. Entweder treibt einen der Hagel zurück, oder der Wind ist so stark und die Sicht nicht gegeben, dass es keinen Sinn macht, den Berg bis zum Gipfel zu erklimmen. Zweimal habe ich mich auf den Weg zum Loma del Pliegue gemacht – und es nur bis zum Mirador geschafft. Aber so ist das Leben …
Für die Wanderung zur Laguna Torre ist gutes Wetter vorhergesagt. Also mache ich mich auf den Weg – die Wanderung beginnt durch den hier typischen Südbuchenwald – wunderbar. Weiter geht es durch die Steppe, später wieder vorbei an lichten Buchen steigt der Weg leicht an, bis man den ersten Aussichtspunkt – Mirador Cascada Margarita mit Blick auf einen Wasserfall auf der anderen Seite des Río Fitz Roy – erreicht. Bald darauf folgt der zweite Aussichtspunkt, der Mirador Cerro Torre. Von hier bekommt man erstmals das komplette Tal um die Laguna Torre, den Cerro Torre und den Cerro Solo vor die Linse.
Der Weg führt nun bergab ins Tal, und man taucht wieder in einen vom Wind geprägten Buchenwald ein, folgt an einer Weggabelung den Schildern Richtung Campamento Operadores. Auf diesem steht nur das Oktaedergerippe eines Aufenthaltszeltes. Die Saison hat noch nicht begonnen. Die Laguna selbst ist nicht in Sichtweite, aber nur noch wenige Minuten über eine steinige Moräne entfernt. Und dann ragt sie über allem, die steinige Granitnadel des Cerro Torre – der „Unmögliche Berg“. Die Eisberge in der Lagune, der opulente Gletscher Torre, linker Hand der formschöne Cerro Solo, der mächtige Cordon Adela und seine Majestät höchstpersönlich, der Cerro Torre – dies ist die Schönheit, die Bergherzen wilde Saltos schlagen und sprachlos werden lässt. Ich allerdings werde mit böigen Regenschauern und dichten Wolkenwänden empfangen – passend zur Stimmungslage. Eigentlich wollte ich ein Stück auf dem Gletscher weiter Richtung Cerro Torre ziehen, muss aber feststellen, dass die Flussquerung nur mit Klettergurt und Seilrolle oder 2 Karabinern machbar ist – eine Querung mit Tirolesa – die hatte ich heute nicht im Gepäck, nur meine Steigeisen – meine App hatte es als Furt ausgewiesen …
Nach einigen Tagen trifft auch Nadine hier in El Chalten ein. Wir hatten uns im Bus nach El Calafate kennengelernt. Auch sie will hier einige Touren laufen, also gehen wir gemeinsam los. Eines unserer ersten Tagesziele ist die Laguna Los Tres. Nach gut einer halben Stunde oberhalb von El Chalten erreicht man den Aussichtspunkt „Rio de las Vueltas“ – hier kann man das tolle Panorama über das Tal, den mäandernden Fluss und die umliegenden Berge genießen. Gemächlich schlängelt sich ab hier der Pfad vorbei an rot blühenden Feuerbüschen und den stacheligen Neneo-Büschen. Mit etwas Glück könnte man schon einen ersten Blick auf den Fitz Roy erhaschen – ist uns leider nicht vergönnt. Nach etwa einer Stunde erreichen wir die Laguna Capri. Die imposante Ostseite des Fitz-Roy-Massivs liegt vor uns in den Wolken.
Wir hoffen immer noch, dass der inzwischen aufkommende Wind die Wolken wegfegen wird. Moorlandschaften, kleinere Wasserfälle und verwunschene Wälder sorgen für Abwechslung. Die patagonische Flora zeigt hier, wie abwechslungsreich sie sein kann. Der letzte Kilometer vor der Laguna Los Tres hat es nochmal in sich – der stark erodierte Pfad windet sich nun steil in Kehren über Schutt und Geröll nach oben. Es gilt, 400 Höhenmeter zu überwinden. Nach etwa 1 Stunde im nunmehr zusätzlich zum Wind beginnendem Regen erreichen wir die Moräne oberhalb der Laguna de los Tres, in der sich der mächtige Fitz Roy und seine Gletscher spiegeln sollten. Da wir gerade beginnenden Frühling haben, zeigt sich die Laguna allerdings zugefroren und tiefverschneit. Weiter links hinter dem Felshügel erhaschen wir einen Blick auf die tiefblaue Laguna Sucia.
Lange halten wir es bei der Wetterlage hier oben nicht aus. Wieder unten im Tal hört es auf zu regnen. Über den Mirador Fitz Roy geht's zurück nach El Chalten.
Ein paar Tage und ein angekündigtes Schönwetterfenster später versuchen wir über einen anderen Trekkingpfad vom Rio Electrico über die Laguna Piedras Blanca erneut unser Glück mit der Laguna Los Tres – und dieses Mal werden wir mit überwältigenden Ausblicken belohnt. Von links nach rechts blicken wir auf Loma de las Pizarras, Saint Exupéry, Rafael Juárez, Poincenot, Fitz Roy, Mermoz, Guillaumet, Madsen und den Gletscher Piedras Blancas. Unbeschreiblich.
Auf dieser Trekkingtour kommen wir dann auch noch mal am Cerro Torre vorbei – diesmal strahlt er in ganzer Schönheit.
Eine weitere Tour führt uns ins Tal Valle del Río Eléctrico. Dort kann man schöne Wanderungen abseits der Massen unternehmen. Die Kleinbusse, die mehrmals täglich von El Chaltén zum Lago del Desierto fahren, nehmen dich mit. Du sagst dem Fahrer nur, dass du zum „Refugio Piedra del Fraile“ möchtest, dann lässt er dich inmitten einer malerischen Bergwelt an einer Brücke aussteigen. Der Weg zur Hütte ist bestens markiert und ausgeschildert.
Nach 2 Stunden entlang des türkisfarbenen Río Eléctrico und durch einen schönen Südbuchenwald ist das idyllisch gelegene Refugio in Sicht. Du kannst hier zelten oder im Schlafsaal übernachten. Nach einem anstrengenden Wandertag ist hier ein Bier oder ein Glas Wein das absolute Nonplusultra. Wir haben Glück, der Betreiber des Refugios ist ein guter Freund meines Hostelbesitzers Damir in El Calafate. Die Saison startet nämlich erst am 01.11., und das Refugio ist noch geschlossen – nur Damir hatte mir bei meiner Abfahrt aus El Calafate erzählt, dass er die nächsten Tage hier mit Freunden zum Bouldern verbringen würde und ich herzlich eingeladen bin, wenn ich hier auf Tour gehen oder mit den Jungs klettern will. Allerdings ist das Wetter nicht kletterfreundlich – es fängt wieder an, in höheren Lagen zu regnen, und Sturm kommt auf. Da Nadine nicht klettert, haben wir uns für eine Trekkingtour zur Lagune Pollone entschieden. Aber erstmal gibt es zur Begrüßung ein kühles patagonisches Bier mit Damir und seinen Freunden.
Dann machen wir uns auf, weiter entlang des Rio Electrico zu wandern. Aber wir kommen nicht sehr weit. Die Orkanböen werfen uns immer wieder zurück. Als wir den Abzweig zur Laguna Pollone nehmen, müssen wir durch steinschlaggefährdetes Gebiet über Geröllhalden klettern. So langsam kommt der Gedanke auf, dass es wohl auch heute keinen Zieleinlauf geben kann. Wir machen einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Nach einer Rast unter einer windgeschützten Boofe entschließen wir uns zum Rückzug – es macht einfach keinen Sinn, hier länger in die Regenschwaden zu steigen. Inzwischen regnet es auch in tieferen Lagen, und wir sind froh, als uns der Bus am vereinbarten Ort aus der nasskalten Unwirklichkeit abholt. Zur Belohnung gibt es dann in der Panadería Banneton einen köstlichen Espresso und viele süße Teilchen. Haben wir uns verdient.
Nun geht es zurück nach El Calafate… der Fitz Roy und Cerro Torre zeigen sich zum Abschied von ihrer schönsten Seite.
7. November 2022
Zurück in El Calafate hat die Sonne ganze Arbeit geleistet – es sind 21° und T-Shirt-Wetter. Dabei liegen gerade mal 200 km zwischen den Orten. Als ich aus dem Bus steige, wird die Daunenjacke in den Rucksack verbannt. Freue mich auf ein Wiedersehen mit Damir, meinem Hostelbesitzer und seinen Freunden und bin am Abend nochmal mit Nadine zum Condero al Verdeo verabredet. Der Abend wird recht lang und endet in einer Bar auf der Avenida del Libertador. 🤪😎
Und ein bisschen ist mir nach Feiern zu Mute, wenn man es in Anbetracht der Situation überhaupt so sagen kann, denn wir haben den gewünschten Pflegeheimplatz bekommen. Die Aussicht auf eine bestmögliche und fachgerechte Betreuung nimmt mir eine große Last. Mit viel Engagement aller und zwei super taffen Kids managen wir gerade alle erforderlichen Dinge und den Umzug via WhatsApp. Die beiden haben mir sofort gesagt, dass ich hier bleiben soll und sie das schon hinbekommen. Ich bin ihnen so dankbar, wie selbstverständlich und selbstlos sie diese Verantwortung übernommen haben.
Am nächsten Tag muss ich zeitig raus – habe noch eine Gletschertour zum Cerro Majo und Cerro Negro und mein Schiff legt um 9 Uhr rund 50 km von El Calafate in Puerto Banderas ab. Na ich bin pünktlich, wenn auch nicht ausgeschlafen.
Der erste Stopp ist in einer Bucht Bahia Toro im Los Glacier-Nationalpark. Eine kleine Wanderung durch den patagonischen Andenwald zu einem mehr als 180m hohen Wasserfall über Kalkgestein steht an und ein wenig Geschichte zu den Gletschern gibt es zu hören. Wir besuchen einen jahrhundertealten „Guindo“-Baum mit einem Stamm von mehr als drei Metern Durchmesser.
Vom Boot aus kann man später die Hängegletscher von Cerro Mayo und Cerro Negro beobachten. Auch hier ist der aus den Alpen bekannte klimabedingte Rückgang der Gletscher zu beobachten. Nach einem Spaziergang entlang des Flusses stehen wir am Fuß der Gletscherzunge.
Zu diesem Trip gehört ebenfalls noch der Besuch des Perito Moreno-Gletschers – diesmal allerdings die Nordseite. Wir fahren mit Boot die ca. 70 m hohe Eiswand entlang – wieder unheimlich beeindruckend. Ich könnte die ganze Zeit davor verbringen. Unser Boot legt auch diesmal an und ich habe viel Zeit und kann beim Spaziergang auf den Balkonen noch einmal die Aussicht genießen.
Am nächsten Tag geht's mit dem Flieger nach Ushuaia. Die Stadt befindet sich in der Inselwelt von Feuerland an der Südspitze Südamerikas, die den Beinamen „Ende der Welt“ trägt. Die an einem steilen Berghang gebaute, windgepeitschte Stadt liegt zwischen dem Gebirgszug der Montes Martial und dem Beagle-Kanal. Von hier aus beginnen alle Antarktis-Expeditionen. Der Landeanflug gestaltet sich etwas holprig. So sehr bin ich noch nie von Windböen durchgeschüttelt worden.
Ushuaia wurde am 12. Oktober 1884 von Augusto Lasserre als Fort Ushuaia auf dem Gelände der ehemaligen anglikanischen Mission Thomas Bridges gegründet. Allgemein wird es als die südlichste Stadt der Welt bezeichnet, obwohl die chilenische Stadt Puerto Williams noch etwas südlicher liegt. Allerdings hat diese nur 2000 Einwohner, weswegen sie gern übersehen wird. Die argentinische Regierung unterstützte die Mission, doch Bridges beschloss später, seine Missionsrolle aufzugeben, und gründete 1886 die Harberton Ranch, um dort mit seiner Familie zu leben.
Obwohl Ushuaia im Laufe der Zeit zu expandieren begann und zu einem malerischen Ort wuchs, wurde es unter den Argentiniern erst 1896 anerkannt. Der Grund – Ushuaia war ursprünglich eine Strafkolonie für Gefangene, die lange Haftstrafen verbüßen mussten. Sie arbeiteten in den Wäldern zur Holzgewinnung und lebten in einfachen Holzhütten in der Stadt. Die Zahl der Gefangenen stieg stetig und so begann 1902 der Bau eines Steingefängnisses für sie. Dieses Gefängnis, das heute als Museum fungiert, hatte eine direkte Eisenbahnlinie, die die Gefangenen zu den Arbeitslagern im heutigen Feuerland-Nationalpark führte – den Zug ins Nirgendwo – Tren del Fin del Mundo.
Am ersten Tag habe ich mich für eine Trekkingtour zum Vinciguerra-Gletscher entschieden. Von Ushuaia kommend wandert man entlang des Arroyo Grande in Richtung des Nationalparkes Tierra del Fuego.
Der Parque Nacional Tierra del Fuego (Nationalpark Feuerland) ist der südlichste Nationalpark Argentiniens und wurde 1960 zum Schutz der subantarktischen Wälder gegründet. Das Schutzgebiet erstreckt sich über 630 Quadratkilometer und umfasst Küstenabschnitte am Beagle-Kanal, den Roca-See, einige Bergketten im Innern der Insel und Teile des Fagnano-Sees. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil ist fürs Publikum geöffnet, der Rest des Parkes ist reserva estricta, also ein streng geschütztes Reservat.
Die Vegetation ist geprägt vom subantarktischen Feuchtwald, wobei die buchenartigen Lenga- und immergrünen Coihue-Bäume die Wälder dominieren. Unterschiedliche Moose und Flechten sorgen für Märchenwaldgefühl. Dazwischen verstecken sich Calafate-Sträucher, patagonische Gelb-Veilchen und elegante Orchideen. Schafgarbe, Löwenzahn, Magellan-Primeln, Hahnenfuß und violette Magellan-Geranien verwandeln Feuerland in den Frühlings- und Sommermonaten in ein Blütenmeer. Mit seinen leuchtend roten Blüten sticht auch der Feuerbusch (Notro) hervor. Viele Vogelarten haben hier ihr zu Hause, darunter Magellan-Gänse, die sich von fotografierenden Besuchern nicht stören lassen. Zu den im Park lebenden Säugetierarten gehören Füchse, Hasen, Moschusratten, Guanakos und der aus Nordamerika eingeführte Biber. Letzterer hat sich zu einer Plage auf ganz Feuerland entwickelt, da er keine natürlichen Fressfeinde hat und die mitunter 300 Jahre alten Bäume in kürzester Zeit vernichtet. Durch seine Bauten entlang der Flüsse staut er an ungewollten Stellen Wasser, das dann im Frühjahr in Sturzbächen Uferbereiche zerstört.
Rechts und links des Arroyo Grande erstrecken sich nicht allzu hohe Berge und wenn man den Weg auf der Karte betrachtet, reiht sich eine Lagune an die nächste. Der Vinciguerra-Gletscher beginnt bereits auf einer Höhe von 800m. Wahrscheinlich ist er deshalb eins der beliebtesten Trekkingziele. Die Tour beginnt am Fuße des Tals von Andorra. Dann überquert man ein großes Torfmoor. Sobald man eine etwas größere Brücke gequert hat, betritt man den Märchenwald. Wenn die Vegetationsgrenze erreicht ist, öffnet sich eine Übergangszone mit einem hochgelegenen Feuchtgebiet. Ich habe Mühe, eine Flussquerung zu finden, ohne bis zu den Waden im Schlamm zu versinken. Entlang des Fels- und Geröllweges geht es zum Ufer der Laguna de los Témpanos. Ein letzter kleiner Anstieg führt dann zum Gletscher. Der Name Vinciguerra wurde vom italienischen Expeditionisten Giácomo Bove initiiert, als Erinnerung an den Zoologen Decido Vinciguerra, der ihn 1882 auf der italienisch-argentinischen wissenschaftlichen Expedition nach Feuerland begleitete.
Mit zunehmender Wanderzeit zeigt sich die Sonne immer weniger und bald beginnt es wieder zu regnen. Als ich den Gletscher erreiche, sind die Gipfel wieder in Wolken gehüllt und es gibt keinen Ausblick zum Beagle-Kanal – schade.
Meine zweite Tour geht zur Laguna Esmeralda. Keine schwierige Wanderung, deswegen ist man ständig unter Menschen in unterschiedlichster Kondition und Schuhwerk. Heute ist mir das Wetter hold und die Sonne erhellt den Tag. Mitunter kann ich Ausblick bis zum Cerro Castor haben – das Alpin-Skigebiet am Ende der Welt. Auf dem Weg zur Lagune quert man ein breites Tal, das im Winter das einzige Langlaufgebiet hier ist. Es sollen sowohl die spanischen als auch die italienischen Langläufer hier trainieren, höre ich von einem Guide, der mit seiner Gruppe hier unterwegs ist. Das mag ich kaum glauben…
11. November 2022
Auf in die Antarktis … das würde ich nur allzu gern sagen. Hier im Hafen von Ushuaia stehen gerade zwei Expeditionsschiffe – wohin sie wohl reisen werden? Leider reichen meine Finanzen nicht, um mit an Bord gehen zu können. So reisen nur meine Gedanken mit ihnen ins ewige Eis. Vollkommene Ruhe und Abgeschiedenheit – traumhaft.
Die Tage fliegen gerade wieder nur so an mir vorbei. Es gibt so viel zu entdecken, erleben, riechen … Besonders mag ich den Waldduft nach dem Regen hier und auch das Meer verströmt einen anderen Geruch, als der, den ich vom Meer sonst kenne – ein wenig Hauch von Abenteuerluft…
Ich war noch einmal im Nationalpark Tierra del Fuego, diesmal mit einer geführten Tour. Man hatte mir eine Kajaktour angepriesen – so dachte ich. Leider ist mein Spanisch dann doch zu schlecht – am Ende stellte es sich heraus, dass es nur ein Schlauchboot ist und wir auch nicht auf den Beagle-Kanal kommen, sondern nur bis zum Zufluss … naja Pech gehabt, muss halt weiter Spanisch lernen. Dies kommt zugegebenermaßen im Moment viel zu kurz. Mit meinem Wortschatz komme ich gut überall hin und der Rest geht mit Händen und Füßen. Auch so kommt man zu wunderbaren Erlebnissen. Die Tour war am Ende sehr schön und ich habe wieder interessante Menschen getroffen.
Aber von Anfang an… Gestartet sind wir vom offiziellen Eingang des NP ca. 12 km westlich von Ushuaia an der Ruta Nr. 3 – diese endet in der Bahia Lapataia. Der Bus brachte uns in der malerischen Bucht Bahía Ensenada Zaratiegui am Beagle Kanal – dort befindet sich das berüchtigte Postamt am Ende der Welt. Irgendwie ist hier alles mit dem Stempel „am Ende der Welt“ versehen. Hier kann man sich für 3 USD den Ende-der-Welt-Stempel in den Pass stempeln lassen und tatsächlich auch sehr teure am Ende-der-Welt-Post verschicken. Durch die Pandemie hat das Postamt allerdings seine lebende Legende verloren: Carlos hat sich nach einer schweren Covid-Erkrankung aus seinem Postamt zurückgezogen. Sein Sohn hat nun die Aufgabe übernommen, dort Reisende aus der ganzen Welt zu begrüßen, wobei er dies nicht ganz so ernst zu nehmen scheint wie sein Vater. Das Postamt ist
seither häufig und ohne Vorankündigung für mehrere Tage geschlossen – so auch heute. Allerdings habe ich mir meine Stempel bereits in der Touristinformation im Hafen in den Pass stempeln lassen – zum ersten und letzten Mal. Das scheint hier in Südamerika irgendwie Mode zu sein – an allen Sehenswürdigkeiten gibt es Stempel für den Pass. Mir reichen aber die Länderstempel bei Ein- und Ausreise völlig – wobei ich jetzt im Oktober von Argentinien gar keinen Visumstempel erhalten habe, sondern nur einen QR-Code per Mail. Das hat mich am Anfang etwas Nerven bei einer Polizeikontrolle gekostet, da nur mein Stempel von April mit dem 90-Tage-Visum drin war und mir angelastet wurde, dass ich zu lange im Land bin. Es
dauerte ziemlich lang, bis die Aufklärung fruchtete – die Mail hatte ich geflissentlich ignoriert.
Carlos zog schon in jungen Jahren nach Feuerland. Vor der Gründung des Nationalparks war das Land unbewohnt und so errichtete er in der Bucht einen kleinen Lebensmittelladen. Seine Kunden waren hauptsächlich Seefahrer, die durch den Beagle Kanal schipperten. Damit sie anlegen und Carlos selbst rausfahren konnte, errichtete er einen Steg, den es bis heute gibt. Als die Gründung des Nationalparks erfolgte, kam es zu Streitigkeiten mit der Nationalpark-Verwaltung, denn im Schutzgebiet war Wohnen nicht erlaubt. Sämtliche Gelder, die Carlos für die Umsiedlung angeboten wurden, lehnte er ab. Aber er hatte eine Idee. Das Gewässer gehört nicht zum Nationalpark und so baute er ein neues Gebäude auf seinem Steg – das heutige Postamt.
Mit einer geführten Wanderung sind wir als Gruppe mit 6 Franzosen, 2 Amerikanern und einem Mexikaner sowie Valentin, dem Nationalparkguide gestartet. Der Weg führt wieder durch diesen wunderschönen Märchenwald aus Lenga-Bäumen, Moosen und Flechten und vielen Calafate-Sträuchern. Da sich der Pfad entlang der beiden Buchten Ensenada Zaratiegui und Lapatia schlängelt, erhascht man immer wieder einen Blick auf den Beagle-Kanal und die umliegenden Berge.
Und das Glück ist mir hold, den schwarzen Carpintero Patagónico – oder auch Magellanic Woodpecker hatte ich schon live bewundern dürfen. Der Rotschopf allerdings hatte sich bisher nicht gezeigt – aber heute ist er da.
Ein Weilchen später kreuzen wir eine Herde Wildpferde. Normalerweise gibt es hier keine Pferde, allerdings sind im Laufe der Besiedelung durch die Einwanderer und Seefahrer auch Pferde nach Feuerland gekommen. Einigen ist die Flucht gelungen und sie verstecken sich nun im Nationalpark und werden wieder zu Wildpferden. In der Gruppe waren sogar 2 Fohlen – so neugierig. In den letzten Jahren sind mir vermehrt Hunde auf meinen Wanderungen gefolgt – diesmal sind es die Fohlen. Sie laufen mir einfach hinterher … ich kann nicht widerstehen, meine Hand hinzuhalten – sollte man eigentlich bei Wildtieren nicht machen. Die Atemluft, die aus den Nüstern strömte wärmt meine Hand – unbeschreiblich.
Im Anschluss an die 3h-Wanderung und einem ausgiebigen Lunch und sehr interessanten Gesprächen mit Rosa, einer amerikanischen Internistin, steigen wir dann am Lago Acigami in die Schlauchboote und schippern den Rio Lapataia flussabwärts. Große Anstrengung ist nicht nötig, die Strömung treibt uns gut voran. Nur die letzte Querung der Lapatia-Bucht wird ein Kraftakt – der Wind arbeitet gegen uns.
Am Ende der Ruta Nr. 3 – also wieder am Ende der Welt werden wir von unserem Bus in Empfang genommen – nach ein paar Fotos mit den entsprechenden Schildern geht es zurück nach Ushuaia.
Am nächsten Tag habe ich mich aufgemacht, den Pinguinen und Seelöwen im Beagle-Kanal meine Aufwartung zu machen. Erstmal fahren wir mit dem Geländewagen nach Puerto Almanza – das Fischerdorf liegt ca. 55 km in Richtung Atlantik gegenüber der Isla Gable – die Pinguininsel. Bei leichtem Nieselregen starten wir mit dem motorisierten Schlauchboot unsere Tour.
Zu dieser Jahreszeit haben noch nicht allzu viele Pinguine hierher zum Brüten gefunden. Das Besondere hier an den Kolonien ist, dass 3 Pinguin-Arten vertreten sind. Es gibt die kleineren Eselspinguine – diese bauen kleine Steinnester und brüten am Strand sowie den Magellan-Pinguin, dieser brütet in Erdhöhlen. Normalerweise gibt es hier keine Königspinguine, aber ein paar haben wohl den falschen Abzweig genommen. Manuel, unser Nationalparkguide, berichtet stolz, dass es 5 Pärchen sind und man hofft, dass die Jungtiere überleben werden. Das wäre hier eine ganz seltene Entwicklung.
Die Königspinguine sind weiter entfernt auf einer Sandüne nur gut mit dem Fernglas zu beobachten. Sie stechen aus den weitaus kleineren Eselspinguinen heraus. Die Eselspinguine erkennt man am tiefroten Schnabel. Diese sind mit bis zu 27 km/h die schnellsten Schwimmer unter den Pinguinen.
Auf dem Rückweg machen wir noch Station bei den Seelöwen. Sie haben sich einen sonnigen Felsen vor der Isla Gable gesucht und kämpfen um jedes sonnige Fleckchen. Irgendwie haben sie keine Lust auf Fischjagd zu gehen. Aber es ist schön zu sehen, wie ein entspanntes Leben in Freiheit möglich ist.
24. November 2022
Ushuaia habe ich nun mit dem Flieger Richtung El Calafate wieder verlassen. Von El Calafate geht es mit dem Bus nach Chile – Puerto Natales steht als nächstes auf dem Programm. Hier will ich in den nächsten Tagen auf eine 8-tägige Trekkingtour im Nationalpark Torres del Paine gehen. Meine Zeitplanung ist diesmal etwas knapp ausgefallen, da es Ende Oktober nicht mehr viel Auswahl bei den Flugverbindungen gab. Also vom Flughafen am Abend ins Hostel und früh zeitig in den Bus. Zum Glück noch ein paar Minuten vor Ladenschluss, um etwas Reiseverpflegung zu kaufen.
Die 8-stündige Busfahrt ist wie immer – Schotterpisten auf der argentinischen Seite wohin das Auge reicht. Wir queren bei Paine Cancha die Grenze zu Chile. Vorher müssen wir im Bus die Einreisformulare ausfüllen. Frisches und getrocknetes Obst sowie alle Formen von Getreide einschl. Nüssen/Körnern dürfen nicht eingeführt werden – prima! Mal wieder nicht vorher informiert – so gebe ich mir Mühe, innerhalb der verbleibenden 2 Stunden bis zur Grenze 6 Äpfel und mehrere Nuss-Körner-Mixe, ein Teil meiner Trekkingverpflegung für die nächsten Tage, zu verspeisen. Die Kontrolle ist streng, alle Gepäckstücke werden gescannt und ein Hund wird durch den Bus geschickt. Um Schädlingen, Seuchen und der Ausbreitung nicht-heimischer Tier- und Pflanzenarten vorzubeugen, gelten in Chile sehr strenge Regeln in Bezug auf die Mitnahme tierischer und pflanzlicher Produkte. Bei Nichtbeachtung drohen empfindliche Geldstrafen – also lieber vorher aufessen 😁.
Im Hostel gibt es ein besseres Zimmer für die eine Nacht, werfe nur schnell mein Gepäck ab und mache mich auf den Weg zur Agentur, bei der ich mein Zelt und die Bustickets sowie die NP-Tickets gebucht habe, um diese abzuholen. Am nächsten Morgen (12.11.) muss ich um 6:30 Uhr am Busbahnhof sein – nochmal 3h Busfahrt bis zum Nationalpark. Das reicht dann erstmal an Fahrerei. Im Bus treffe ich wieder auf David (Minnesota) und Dan (Arizona), wir haben uns in der Agentur schon mal kurz gesehen. Schnell kommt man ins Gespräch, wir sind einige der wenigen, die den O-Circuit (Umrundung der Torre del Paine) laufen wollen. Die meisten sind nur 4 Tage auf dem W-Circuit unterwegs – die Hauptattraktion. Neben mir bekommt Arvin (Miami) mit, dass ich den gleichen Weg gehen will und freut sich, nicht allein gehen zu müssen.
So starten wir gegen 10 Uhr in Richtung Campsite Seron. Die Wanderung ist moderat mit ca. 15 km und nur 280 Hm im Auf- sowie im Abstieg. Es geht zum großen Teil durch Waldgelände und entlang des River Paine. Die Temperaturen sind etwas zu hoch für mein Wohlfühlempfinden – bei schönstem klaren Wetter brennt uns die Sonne mit bis zu 30 Grad auf den Buckel… Unsere kleine Gruppe bekommt noch Zuwachs – Achille aus Montreal, ein ehemaliger Journalist von Société Radio Canada schließt sich noch an. Wir genießen die Aussichten und checken ab, mit wem man da so unterwegs ist… bin sehr angetan von Achille, es macht Spaß, mit ihm im Gespräch zu sein. Er war viel in der Welt unterwegs und sein geschichtlich-politisches Wissen ist sehr breit gefächert.
Gegen 14.30 Uhr erreichen wir den Campsite. Ich bin überrascht von der Qualität der Zelte und den Sanitäreinrichtungen. In Argentinien ist das eher unteres Niveau, hier in Chile schon nahe am europäischen Standard – sogar eine warme Dusche kann man haben – perfekt.
Wir genehmigen uns zur Begrüßung ein Willkommensgetränk – die Herren wie üblich das Wanderbier – Achille und ich sind eher die Rotweinfans. Mit uns sind noch ca. 16 weitere Trekker unterwegs. Bis zum Abendessen hat man zumindest Namen und Land ausgetauscht. Ich treffe ein italienisches Pärchen aus meinem Hostel wieder, ansonsten sind viele Amerikaner, Kanadier, Schweizer und Schweden unterwegs. Unsere Gruppe erweitert sich im Laufe des Abends noch um Antonio (Pisa) und Raj (India). Schnell spinne ich mit Miami – Arvin, er kann sich keine Namen merken und so werden wir mit der Stadt oder Land angesprochen, einen guten Faden. Er klettert auch und so haben wir viel zu erzählen. Unsere Runde ist sehr harmonisch und so werden wir in den nächsten Tagen oft angesprochen, wie lange wir uns schon kennen und ernten viel Erstaunen, dass wir zum ersten Mal im Bus in den NP Kontakt hatten.
Am nächsten Morgen (13.11.) geht's nach einem entspannten Frühstück gegen 8 Uhr – wie genieße ich es doch, mich einfach nur an den Tisch setzen zu müssen – weiter zum Campsite Dickson. Es sind diesmal 19 km, aber nur 540 Hm aufwärts und 500 Hm abwärts zu bewältigen, also keine Heldentaten. Wir starten alle gemeinsam und kommen gut voran. Wie sich rausstellt, sind Arvin, Dan und David U.S. Marines – habe sie am Anfang zu ihrem Ärger als Navy Seals (das sind nämlich nur die Organisationseinheiten) bezeichnet. Und zu aller Freude machen sie unterwegs nur Blödsinn. Sind plötzlich wie von Geisterhand verschwunden, während Achille und ich im Gespräch sind und schleichen sich von der Seite an. Wir haben viel Spaß und die Zeit vergeht wie im Flug.
Zu Beginn ist man zum River Paine abgestiegen und vor dem Lago Paine geht's wieder steil bergauf. Allerdings entschädigt der Ausblick auf die Nordseite des Torre-Massivs sowie weiter in Richtung des Patagonischen Eismeeres für alle Mühen. Im Lago Paine spiegeln sich der Cerro Diente sowie der Cerro Condor, Puma und Blanco Sur. Vorbei geht es an Wasserfällen und den hier in orange und rot blühenden Notro-Büschen.
Weiter geht's durch eine weite Ebene, leicht sumpfiges Gelände – die Gipfel des Patagonischen Eisfeldes immer vor Augen. Über einen letzten Höhenzug schaut man am Ende der Wanderung auf den Lago Dickson und den Forgotten Glacier – atemberaubend.
Nachdem ich eingecheckt habe und es mir gemütlich in meinem Zelt gemacht habe, wandere ich noch zum Lago Dickson herab. Beim Abendessen an einer großen Tafel treffen wir auf Sergio, ein mexikanischer Bergführer, und seine beiden amerikanischen Kunden Linda und Tim. Es entwickeln sich wieder interessante Gespräche über Fernwandern – Tim ist den Pacific Crest Trail gelaufen und wir hören gespannt seine Geschichte. Sergio spendiert mir das erkämpfte Freibier – vor dem Eingang des Refugios hängt eine Klimmzugstange – nur wer 10 Klimmzüge schafft, bekommt Eintritt zum Abendessen ins Refugio und ein Freibier… wo ich doch gar kein Bier trinke … aber das sollte sich noch ändern. Der Abend war wieder sehr lustig und nach dem 9. Bier (ich nicht!!!) sind dann auch die Letzten im Zelt verschwunden.
In der Nacht kam der typische Patagonische Wind auf und die Sturmböen rüttelten an den Zelten. Kein gutes Omen, denn für den nächsten Tag war auch Regen vorhergesagt. So stehen für die knapp 13 km zum Campsite Los Perros und die 540 hm Anstieg und 175 hm Abstieg alle Zeichen auf Sturm. Die Morgensonne zeigt den Cerro Ohnet in rotgelben Morgenglühen. So schlecht konnte es also doch nicht werden.
Der Weg führt wieder durch diesen schönen Lengawald, auch hier gibt es viel zu entdecken. Am schönsten finde ich die winzigen Orchideen, die sich hier ihren Platz erkämpfen. Die Calafate blüht und mit dem Rauschen eines größeren Wasserfalles fühlt man sich wie Alice im Wunderland. Kaum merklich fängt es gegen Mittag zu nieseln an. Als wirklichen Regen kann man es nicht bezeichnen, aber die Wolken hängen tief und es gibt nicht mehr wirklich gute Weitsicht.
Gegen 13 Uhr erreichen wir den Glacier Los Perros – welch ein Anblick. Aufgrund des Windes bleibt keiner lang und der naheliegende Zeltplatz wird gestürmt. Hier ist es noch am ursprünglichsten – kein Refugio sondern nur ein Holzhaus mit Sanitäranlagen, kalten Duschen (immerhin) und einem Küchenraum. Sergio erzählt, dass vor 30 Jahren hier nur ein Regen-Shelter aus Holz vorhanden war. Das ist der einzige Punkt im Trail, an dem man sich selber versorgen muss. Da die Agentur mir erklärt hat, dass an allen Refugios heißes Wasser zur Essenbereitung erhältlich ist, hatte ich meinen Kocher wieder ausgepackt. Stehe nun etwas bedröppelt mit meiner Trekkingnahrung da, die man mit heißem Wasser anrührt, da es nichts gibt. Meinen Marines geht's auch so. Also andere Trekker um heißes Wasser anbetteln – funktioniert.
Am Nachmittag, als der Regen nachlässt, laufe ich nochmal zum Glacier Los Perros fürs Fotoshooting. Eigentlich hatte Sergio mir angeboten, dass ich mit seinen Kunden zusammen auf den Pumagletscher kommen kann, leider ist wegen des Streikes aller Ranger in den Nationalparks dieser aber gesperrt – Mist! Der Streik erregt gerade überall in Chile etwas Aufsehen, da die Forderungen nach mehr Geld (Höhe sehr moderat) sind – die Regierung aber schon seit 14 Tagen lieber auf die Eintrittsgelder verzichtet als zu verhandeln. Hier im Torre del Paine hat es zum Glück wenig Auswirkungen auf meine Aktivitäten, aber andere NP sind derzeit geschlossen.
Tag 4 beginnt für mich sehr zeitig. Ab 15 Uhr ist wieder Regen auf dem Radar und heute geht es auf die längste Etappe über den John Gardener Pass – zwar nur rund 22 km, dafür 1200 hm Aufstieg und 1600 hm Abstieg. Die Sturmböen auf dem Pass sind nicht zu unterschätzen, zumal man über vereiste Altschneefelder queren muss. Aber der Morgen sieht schön aus. Bin um 5:45 Uhr startklar, so zeitig ist es dann doch nicht geworden.
Der Aufstieg beginnt nach einem sumpfigen Abschnitt recht schnell über Fels und Geröll, es läuft sich gut. Meine Jungs sind mir etwas zu langsam und so bin ich bald allein unterwegs. Nach 3 gemeinsamen Tagen finde ich so einen Alleingang mit mir sehr angenehm. Man hat Zeit, den Gedanken freien Lauf zu lassen und entspannt zu fotografieren. Dies tue ich dann auch sehr ausgiebig.
Oben am Pass angekommen muss ich sehr aufpassen, nicht von den Beinen geholt zu werden. Aber der Ausblick aufs Patagonische Eisfeld und den Gletscher Grey ist überwältigend. Eigentlich wollte ich ja auch ein 12-tägiges Trekking über das Patagonische Eisfeld machen, leider wird die Tour nur für mind. 2 Personen angeboten – es fand sich kein Mitstreiter…
Der Weg führt mit einem langen Abstieg auf felsigem Gelände weiter. Man läuft parallel zum Grey Gletscher, bis man seinen See erreicht und in das Gebiet „El Paso“ gelangt. Dort überquert man die beiden mehr als 50 m langen Hängebrücken mit spektakulärem Blick auf den Gletscher.
Anschließend folgt noch eine Dritte, diese ist aber nur noch gut 30 m lang. Nach gut 7:30 h erreiche ich vorm Regen den Campsite. Beim Zurückschauen hatte ich schon das Wolkenmeer über dem Gletscher beobachten können – es bringt reichlich Regen mit.
Bin froh, als der Regen losbricht, geschützt in meinem Zelt zu liegen. Die anderen trudeln im Laufe des Nachmittags ein. Zum Abendessen sind wir wieder komplett und unsere Runde lässt es sich gutgehen. Wir sind alle etwas überrascht, welche Dimensionen nun Zeltplatz und Refugio annehmen – ab hier kommen die Wanderlustigen des W-Circuit dazu. Bisher war es ja eine überschaubare Menge an Trekkern, jetzt wird es leicht unübersichtlich…
Fortsetzung folgt…
26. November 2022
Der Tag 5 (16.11.) startet sehr entspannt beim Frühstück im Refugio Grey. Eile ist nicht geboten, denn die immer noch anhaltenden Sturmböen verhindern eine für den Vormittag geplante Kajaktour. Die heutige Etappe ist nicht lang und vor allem geht es auf 11 km nur 480 hm bergauf und 510 hm bergab. Mehr als 3h wird das nicht dauern. Also mache ich mich nochmal auf den Weg zurück zum Gletscher und verweile beim Fotografieren.
Gegen Mittag starte ich dann zum Campsite Grande Paine. Heute laufen alle bis auf David und Dan allein – je nachdem, wer wann sein Zelt nach viel Bier gefunden hat… Der Weg führt entlang des Lago Grey am Fuß des Cerro Paine Grande sehr malerisch durch ein Moorgelände. Immer wieder sieht man im See die kleiner werdenden Eisberge vorbeiziehen.
Dann führt der Weg leicht ansteigend zum Mirador Lago Grey. Dort machen die meisten Pause, um nochmal einen letzten Blick auf den Gletscher Grey zu werfen und die Aussicht zu genießen. In der nächsten Stunde passiert man die Laguna Los Patos. Auch hier ist ein idyllisches Plätzchen, um die Aussicht zu genießen, ehe man im Campsite Paine Grande ankommt. Hier ist unheimlich viel los – die Anlegestelle der Fähre bringt und holt hier die Trekker des W-Circuits über den Lago Pehoe.
Nach einer warmen Dusche und einem Snack laufe ich mit Achille zum Aussichtspunkt des Lago Pehoe, eh wir alle wieder beim nun schon zum Ritual gewordenen Willkommentrunk aufs Abendessen warten. Arvin ist wieder sehr zum Spaßen aufgelegt und ich muss aufpassen, alles richtig zu verstehen. Er spricht unheimlich schnell. Aber am meisten mag ich, wie er „Germany“ betont, wenn ich mal wieder einen Konter landen kann. Man hört förmlich die hochgezogenen Augenbrauen. Anscheinend ist er nicht gewohnt, so viel Paroli zu bekommen.
Die Nacht wird wieder sehr stürmisch, der Wind rüttelt an den Zelten. Ich wache mehrfach davon auf und hege leichte Befürchtungen, irgendwann ohne Dach zu sein. Am Morgen des 17.11. kommt dann noch Regen hinzu. Kein schöner Start in den Tag. Nach dem Frühstück räume ich mein Zelt, aber nur, um im Refugio Unterschlupf zu suchen. Da die heutige Etappe auch nicht übermäßig anspruchsvoll ist, bleibt noch Zeit, abzuwarten. Es stehen 22 km mit 1540 hm Anstieg und 1400 hm Abstieg auf der Uhr. Gegen 8 Uhr mache ich mich auf den Weg. Alle anderen sind vor mir. Spätestens am Mirador Británico ist Treffpunkt. Dan und David haben ein Bier für den ersten in den Ring geworfen. Na ich bin gespannt – und wegen des Bieres auch nicht sonderlich motiviert.
Der Weg führt am Lago Skottsberg vorbei. Hier wechselt sich leicht moosiges Gebiet, über das man mittels Holzstegen quert, mit Geröllfeldern ab. Am Lago peitscht der Wind die Wassertropfen über den See. Regen wechselt sich mit Sonne ab, somit erscheinen mehrfach Regenbögen. Bis zum Campsite Italiano (geschlossen), der den Abzweig ins Frances Valley markiert, habe ich bereits die 3 Amerikaner und Achille hinter mir gelassen. Nur Antonio und Raj fehlen noch…
Zum Peitschen des Windes kommen nun neue Geräusche hinzu. Donnergrollen – aber Gewitter war nicht vorhergesagt. Am Glacier Frances geht ein Stück Eisfeld ab.
Die zwei Stunden bis zum Mirador Britanico haben es dann doch in sich. Fast die ganze Zeit geht es steil bergauf und der Untergrund ist schwierig. Dafür wird man am Ende mal wieder mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Auf den letzten Metern überhole ich auch noch die beiden Fehlenden Antonio und Raj. Sie sind ohne Gepäck unterwegs. Da man den Weg wieder zurück muss, haben sie es am Campsite Italiano versteckt – 💣 – okay ich muss ja für Dezember trainieren… Der Abend verläuft wieder sehr harmonisch, das Camp ist relativ klein und versteckt. Wir lernen ein paar neue Leute vom W-Trekk kennen und dürfen es uns bei Ofenwärme im Vorraum eines Refugios gemütlich machen.
Tag 7 (18.11) führt vom Campsite Frances zum Campsite Central. Die letzte Nacht hatten Dan und David schon das 3 km entfernte Camp Cuernos nehmen müssen – unsere Truppe zeigt erste Auflösungserscheinungen. So werden Nettigkeiten am Abend über WA ausgetauscht. Ich starte schnell nach dem Frühstück, da ich spätestens gegen 11 Uhr in Central sein will und heute Nachmittag noch zum Lago Torres aufsteigen will – morgen soll es regnen, da sieht man die Painetürme nicht. Nach 4 h und 16 km bin ich da. Läuft. Der Weg ist einfach, einmal läuft man direkt am Ufer entlang und es gibt wieder einige sehenswerte Brücken. Ist schon erstaunlich, was hier so möglich ist.
Nach einer Snackpause entscheide ich mich aber trotzdem, nur auf den gegenüberliegenden Paine Gipfel zu steigen, da meine Füße etwas brennen und die Entfernung nur 6 km bei gleichem Anstieg von 1200 hm bedeuten. Den Tipp hat mir Sergio gegeben, ich habe ihn mit Tim und Linda am See getroffen. Sie haben die Runde auf einem alternativen Weg beendet – das ist der Vorteil eines Bergführers…
Der Weg läuft sich gut, allerdings ist der Wind wieder zum Sturm geworden und mit Böen bis zu 125 km/h habe ich zu kämpfen, auf den Beinen zu bleiben. Einige andere, die sich auch auf den Weg gemacht haben, drehen wieder um. Es ist tatsächlich ziemlich gefährlich, aber die Aussicht ist genial.
Den letzten gemeinsamen Abend verbringen wir im Refugio beim leckeren Calafate-Bier. Hier fällt auch der gemeinsame Entschluss, morgen zum Sonnenaufgang am Lago Torres sein zu wollen, um den angekündigten Regen ab Mittag auszuweichen.
Start am 19.11. wird für 3:30 Uhr festgesetzt. Hier in Central bin ich die einzige, die noch zeltet, alle anderen schlafen im Refugio. Dan, David und Raj sind im Chilenos untergekommen – das liegt auf halben Weg zum Lago Torres. Ab Mitternacht beginnt es wieder zu regnen und als mein Wecker klingelt, gießt es in Strömen. Ich dreh mich um und stelle ihn eine Stunde später. Hab keine Lust, im Regen loszulaufen. Gegen 4 Uhr werde ich von der Stille wach – schnell sind alle Dinge gepackt und ich bin abmarschbereit. Meine Stirnlampe leuchtet sehr einsam den Weg, keine Ahnung, ob die Jungs bei dem Regen losgegangen sind.
Der Weg läuft sich gut, ich bin recht schnell unterwegs. Durch den Streik der Ranger in Chile ist der Zugang zum Lago Las Torres eigentlich gesperrt – sie haben sich viel Mühe gegeben, dass die Touristen nicht weitergehen können, aber wenn man schon mal hier ist, lässt sich das keiner entgehen.
Ca. 1h vor dem Lago treffe ich auf David – alle anderen sind nur 10 Minuten vor mir – David und Dan schon wieder im Abstieg, sie hatten ja einen anderen Startpunkt. Aber dafür hatten sie fast keine Sicht am See… na ich bin gespannt, wie es bei uns wird. Bald habe ich meine restlichen Truppenteile ein. Arvin ist etwas geschockt, dass ich für den Weg 1h weniger als sie brauchte – hab ja auch kein Gepäck dabei… 😁
Im Schneesturm erreichen wir den Lago Las Torres und geben unser Bestes beim Fotografieren. Der Wind wechselt wieder in Sturmböen und langsam hört es auf zu schneien. Mir frieren schon die Finger ab… Aber wir haben großes Glück – die Wolken reißen auf und man hat freie Sicht zu dem Torres del Paine – gigantisch, wie sie da so stehen.
Nach gefühlt Stunden steigen wir gemeinsam ab und halten Brotzeit im Refugio. Dann kämpfen wir um zusammenliegende Plätze im Bus – unsere letzte gemeinsame Zeit. Dan, David und Arvin fahren gleich weiter bis Punto Arenas, Achille fliegt am nächsten Morgen nach Buenos Aires und Antonio zieht weiter nach Ushuaia. Ich bleib noch ein bisschen in Puerto Natales.
28. November 2022
Tja viel Neues gibt es nach dem O-Circuit gar nicht zu berichten. Die folgenden beiden Tage habe ich erstmal ausgiebig geschlafen und Wäsche gewaschen. Außerdem waren noch einige Dinge in Deutschland zu erledigen – in Zeiten des Internets ist das ein ziemlich großer Luxus. Puerto Natales selbst hat außer einer Kirche und einem historischen Museum nicht viel zu bieten. Es ist eben nur die Auffangstation für alle Trekker und Ausgangspunkt für Schifftouren zu den in der Nähe befindlichen Naturschauspielen. Aber hier gibt es zum Glück guten Kaffee und so kann man den Tag bei Sonnenschein auch so sehr gut verbringen.
Eins wollte ich mir allerdings nicht entgehen lassen – die Fahrt und der Spaziergang zum Balmaceda- und Serranogletscher. Leichtsinnigerweise hatte ich nicht vor dem Trekk zu den Torres del Paine schon eine Passage gebucht. War zeitlich nicht mehr möglich und ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell vergeben ist. Musste mehrere Agenturen anlaufen, um noch ein Plätzchen zu bekommen. Da fiel der Besuch der Inhaberagentur von Los Perros gleich mit ab. Achille hat seine Uhr im Zelt vergessen. Da ich über Buenos Aires nach Igazu fliegen werde und er noch bis Anfang Dezember in Buenos Aires ist, haben wir ein Date auf dem Flughafen zur Übergabe. 😅
Also ging es am Morgen des 23.11. um 7 Uhr mit dem Bus von der Agentur zur 10 km entfernten Schiffsanlegestelle. Der Katamaran ist ein ziemlich großer Vogel, so gab's keine Befürchtungen aufgrund des stürmischen Windes seekrank zu werden. Die Fahrt an sich bei wunderbarem Sonnenschein allein war schon genial.
Auf dem Weg passierten wir einige Wasserfälle und auch ein Bereich mit Höhlen, wo es sich die hier lebenden Seehunde gemütlich gemacht hatten.
Der Monte Balmaceda – unser heutiges Ziel – ist ein 2035 m hoher, stark vergletscherter Berg. Er steht am Nordende des Fjords Ultima Esperanza im Nationalpark Bernardo O'Higgins ca. 40 km südlich der Torres des Paine. Insbesondere die Ostflanken sind von Gletschern bedeckt – dazu gehört der Balmaceda und der Serrano Gletscher. Letzterer speist über den Lago Serrano den anschließenden Fluss Serrano.
Den Balmaceda-Gletscher kann man nur vom Boot aus bewundern. Zum Serranogletscher führt eine kurze Wanderung durch den typischen Lengawald hier – sehr idyllisch.
Zum Abschluss der Tour haben wir noch an einer Estanzia zum Dinner angehalten – so eine Tour versorgt ganze Familienclans. 😄
Morgen geht's wieder mit dem Bus zurück nach El Calafate und von dort dann mit dem Flieger zu den Wasserfällen in Igazu.
16. Dezember 2022
Bei meinem ersten Besuch von Argentinien habe ich mir es noch entgehen lassen – das Naturschauspiel von Igazu. Gelegen im Dreiländereck Paraguay, Brasilien und Argentinien soll es das Eindrucksvollste sein, was Südamerika zu bieten hat.
Also bin ich mit dem Flieger auf der argentinischen Seite gelandet. Die Temperaturen hier entsprechen leider überhaupt nicht meinem Wohlfühlbereich – es sind schwülwarme 32 Grad im Schatten. Diesmal habe ich mir etwas Luxus gegönnt und bin in einem Hotel mit Swimmingpool abgestiegen. Das rettet mir tatsächlich den Tag, denn es ist nur da gut zum Aushalten.
Der Ort Igazu hat außer den Wasserfällen und dem üblichen Fotopunkt mit dem Namen der Stadt nur ein interessantes Museum zu bieten. Die Ärztin Dr. Martha Theodora Schwarz hat Anfang des 19. Jahrhunderts hier eine Mission aufgebaut. Sie kümmerte sich vor allem um schwangere Frauen und hat sich einen großen Verdienst mit den eingeführten Hygienemaßnahmen erarbeitet. Damit sank die Kindersterblichkeit um ein Vielfaches. Sie gilt als der „Engel des Dschungels“, denn mit ihrer Arbeit als Arzt im Krankenhaus hat sie nicht nur die Bewohner der nördlichen Region der Provinz unterstützt, sondern auch die Einwohner von Paraguay und besonders der von Brasilien.
Am frühen Morgen des 26.11. werde ich zur Bootstour auf dem Rio Igazu und Besuch des argentinischen Nationalparks abgeholt. Mit an Bord sind 5 australische Mädels, die auch einmal quer durch Südamerika unterwegs sind, dazu zwei Amerikaner. Wir werden zum Bootsanleger mit einem zum Jeep umgebauten Transporter chauffiert.
Dort gibt es dann wasserdichte Bootssäcke und Schwimmwesten. Gemäß Guide wird man in der Mitte des Bootes nicht so nass wie außen. Suche mir dementsprechend einen Sitzplatz auf der Plattform. Beste Sicht und ich bin nur leicht genervt von der GoPro des Guides, der jedem die Kamera ins Gesicht hält und mir damit die Möglichkeit zum Fotografieren nimmt…
Wir nehmen schnell Fahrt auf und die ersten Wasserfälle erscheinen – noch recht übersichtlich und nicht so spektakulär. Je weiter man den River Igazu hinauffährt, umso mehr bekommt man die Stromschnellen und die auf der brasilianischen Seite liegenden Wasserfälle zu sehen – unheimlich beeindruckend. Der Bootsführer fährt immer näher an die Wasserfälle heran und durch das Aufschlagen des Bootes auf den Wellen und das Eintauchen des fallenden Wassers in den Fluss werden die Fontänen über den Bootsrand geworfen.
Naja, dementsprechend bleibe ich auch nicht trocken. Zum Glück ist alles wichtige im Seesack. So steuern wir immer wieder und immer näher die einzelnen Wasserfälle der Teufelsschlucht – wie der Bereich auch genannt wird – an. Unser Guide und auch der Bootsführer haben sich inzwischen in eine regendichte Kombi gezwängt – die Gäste bleiben entsprechend nur noch kurze Zeit trocken.
Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet – ich bin am Ende bis auf die Haut nass und habe keine Wechselsachen mit. Bei den Temperaturen trockne ich im Laufe des anschließenden Spaziergang über die Stege entlang der Wasserfälle. Ich könnte stundenlang fotografieren – Schmetterlinge und Wasser, auch einen Graureiher bekomme ich vor die Linse.
Am nächsten Tag fahre ich auf die brasilianische Seite – auch von hier aus ist der Blick auf das Naturschauspiel gigantisch. Hier hat man die Möglichkeit, am Fuße der Fälle über einen Steg näher heran zu kommen. Die Menschenmassen sind an sich aber mir echt unangenehm, da man nur mit dem Pulk vorwärts kommt. Aber ein paar schöne Fotos entschädigen für alles.
Nach dem Naturschauspiel mache ich noch einen Abstecher in den in der Nähe gelegenen Vogelpark. Hier komme ich in den Genuss, ein Geierjunges und viele Papageien sehen zu können.
Damit geht nun auch die Zeit hier in Igazu zu Ende. Morgen (28.11.2022) fliege ich über Buenos Aires nach Mendoza. Dort wartet der höchste Berg Südamerikas auf mich – der Aconcagua ist mit 6962 m einer der Seven Summits. Ich muss mal wieder Höhenluft schnuppern …
23. Dezember 2022
Nun bin ich endlich wieder nah an den Bergen, die Luft ist kühler und klarer. Was treibt mich hierher? Warum suche ich immer wieder die Herausforderung? Schwierig zu beantworten… Ich kann es am besten mit einem Zitat von Reinhold Messner beschreiben: „Wir steigen nicht auf Berge, um Gipfel zu erreichen, sondern um heimzukehren in eine Welt, die uns als ein nochmals geschenktes Leben erscheint.“ Die Zeit der Stille, der Enthaltsamkeit und des einfachen Lebens dort oben zeigt mir immer wieder, wie reichlich ich vom Leben beschenkt bin und all die Dinge erleben und genießen darf. Es relativiert die vermeintlichen Probleme des Lebens und wirft einen auf sich selbst zurück. Damit muss man umgehen können.
Der Aconcagua ist ein 6961 m hoher Berg in den Anden. Er ist der höchste Berg außerhalb Asiens und zugleich ist er nach dem Mount Everest der Berg mit der weitesten Dominanz von 16.536 Kilometern – so sagt es Wikipedia. Er besitzt fünf Hanggletscher und diese sind bis zu 10 km lang. Ein Nebengipfel (6928 m) liegt südlich des Hauptgipfels. Die Bedeutung des Namens Aconcagua ist noch immer unklar. Es wird angenommen, dass er sich aus der Sprache Mapudungun – Aconca-Hue oder Ackon Cahuaka – aus der Sprache der Quechua ableitet, was in etwa „steinerner Wächter“ bedeutet. Erste Erkundungen des Gebietes wurden 1817 von dem Unabhängigkeitskämpfer General Jose de San Martin durchgeführt, als er über die Pässe am Aconcagua von Argentinien nach Chile eindrang, um Chile von den Spaniern zu befreien. Robert FritzRoy vermaß den Berg 1834 vom Meer aus und stellte fest, dass er höher als der Chimborazo in Ecuador ist. Erst die dritte Expedition, diese wurde im Dezember 1896 von dem Briten Edward FitzGerald angeführt und der Versuch über den Weg von Süden aus, führte zur erfolgreichen Besteigung. Der Bergführer Matthias Zurbriggen erreichte am 14. Januar 1897 als erster den Gipfel.
Meine Ankunft in Mendoza hat sich nochmal um eine Stunde verzögert und ich lande erst gegen 20:30 Uhr. Zum Glück warten Richard, unser Bergführer und der Abholfahrer. Im Dunklen geht's nochmal 25 min in die Stadt. Im Hotel werfe ich nur schnell meine Rucksäcke ins Zimmer – die anderen unserer Expeditionsgruppe sitzen schon im nahe gelegenen Asado-Restaurant beim Abendessen. Ich bin der letzte anreisende Teilnehmer. Kennengelernt habe ich einige von ihnen schon per MS-Teamsmeeting des Reiseveranstalters Diamir Anfang November. Es sind Sebastian (35) und Benjamin (29), die SebBenSummits, zwei Brüder aus Kärnten, die die Seven Summits erreichen wollen, Daniel (39) aus der Nähe von Düsseldorf, zwei Männer – Ralph (57) und Steffen (35) – aus Ulm, Florian (34) aus Hameln, Fritjof (45) aus der Nähe vom Tegernsee, Peter (71) aus dem Erzgebirge und Andreas (42) aus Dresden. Ich bin wieder die einzige Frau, eine zweite weibliche Teilnehmerin hatte dann doch abgesagt – schade. Aber so kenne ich es bereits von anderen Expeditionen. In der Teamsvorstellungsrunde hatten einige schon mal hören lassen, was sie alles zur Vorbereitung getan haben – bei mir wächst eher die Befürchtung, dass ich nicht hinterherkommen werde… Seit dem Berlin Marathon habe ich ja nicht mehr irgendeinen Sport betrieben oder konnte laufen gehen. Keine wirklich guten Voraussetzungen.
Wir lassen es uns jedenfalls am ersten Abend sehr gut gehen und natürlich gibt es da viel zu erzählen. Schon an diesem Abend fällt einer durch sehr merkwürdige, derbe Ausdrucksweise und krude Ansichten auf – dies sollte sich im Laufe der Reise leider noch manifestieren. Mit Ralph finde ich sehr schnell viele Gemeinsamkeiten – er ist Triathlet und auch sonst passen unsere Lebensansichten gut zusammen. Da man am Berg zu zweit im Zelt ist, muss ich so ziemlich schnell checken, mit wem es gut passen könnte. Er ist mein Favorit – wie sich später rausstellt, beruht dies auf Gegenliebe.
Die Nacht im Hotel war sehr entspannt und am nächsten Tag geht es schon los Richtung Anden. Nach dem Abendessen hatte ich noch meine Gepäck sortiert – ein Teil bleibt im Hotel, die Bergausrüstung geht per Rucksack und Muli-Transport direkt ins Basislager und für die nächsten beiden Trekkingtage zum Basecamp sind nur Schlafsack und Wechselwäsche im Tagesrucksack erforderlich. Am 29.11. nach dem Frühstück müssen wir noch zur Expeditionsleitung unser Gipfelpermit und die Drohnenflugerlaubnis abholen. Letztere ist leider noch nicht da und wird uns auch nie erreichen…
Die 3h Fahrt nach Punta del Inka, unsere erste Station, führt durch die Vorcordilleras und einige Andendörfer. Mittags machen wir Rast in einer gemütlichen Estancia in Uspallata – hier gibt es das typische Asado. Am Anfang ist die Fahrt eher unspektakulär, mit zunehmenden Kilometern wird die umgebene Berglandschaft aber immer eindrucksvoller und die steilen Hänge rücken näher an die Ruta 7 heran. Lange Schuttfahnen und übersteil abfallende Gebirgswände wirken wie eine Mondlandschaft.
Die Eisenbahnlinie begleitet die Straße und man fährt an kleinen Bahnhöfen und ehemaligen Minenorten vorbei, die jedes Jahr wieder Opfer der Wassermassen bei der Schneeschmelze werden. Auf 2580 m Höhe passiert man ein modernes Skigebiet Los Penitentes. Im Winter muss hier die Hölle los gewesen sein, es gibt ca. 1950 Betten – nun ist alles geschlossen – die Folgen Coronas sind deutlich zu sehen. Das Skizentrum wurde im Jahr 1979 erbaut und umfasst ca. 300 Hektar mit mehr als 21 Abfahrten.
Die winzige Ortschaft „Puente del Inca“ liegt 2.719 m über dem Meer und ist wegen der Brücke der Inkas bekannt, einem Natursteinbogen über dem Rio Las Cuevas Manantiales. Dieser Bogen entstand durch natürliche Erosion. Nur die Annahme, die Inkas seien so weit nach Süden vorgedrungen, führte zur Namensgebung. Die geschlossenen Hotels treffen auch uns, wir bekommen nur eine Unterkunft in einem Refugio der argentinischen Bergjäger in Punta del Inka, aber immerhin. Am Nachmittag spazieren wir eine Runde durch den Ort und bestaunen die Brücke.
Der nächste Tag führt uns zuerst zur Muli-Packstation des örtlichen Expeditionsanbieters Inka. Hier werden unsere Gepäckstücke gewogen und für entsprechenden Lager sortiert – 20 kg ins Basislager Plaza de Mulas und 10 kg in Zwischenlager Confluencia. Anschließend fahren wir zum Nationalparkeingang Horcones. Hier werden unsere Gipfelpermits kontrolliert und jeder erhält zwei A3-große Plastikbeutel, einen für die normalen Abfälle während der Tage im Hochlager und einer für die menschlichen Ausscheidungen – bei uns wird er schnell zum „Puh“-Bag. Sie sind nummeriert und diese personenbezogene Nummer wird auf dem Permit vermerkt. Nur wer am Ende die Beutel befüllt zurückgibt, bekommt keine Geldstrafe. Hier herrscht Ordnung am Berg – so kenne ich das von nirgendwo anders.
Nach allen Formalitäten sind wir dann endlich kurz nach 10 Uhr abmarschbereit, um ins 3430m hoch gelegene Zwischenlager Confluencia aufzusteigen. Der Weg dahin ist sehr moderat und unsere Gruppe scheint dem ersten Eindruck folgend ausgeglichen stark zu sein. Peter, unser Gruppenältester, legt ein ordentliches Tempo vor. An den entsprechenden Aussichtpunkten werden die üblichen Gruppenfotos geschossen, die Stimmung ist sehr gut und die Sonne verwöhnt uns. Der Wetterbericht für die nächsten 5 Tage klingt perfekt. So sind wir nach gut 3h in Confluencia.
Das Zwischenlager besteht aus verschiedenen Großzelten 4 verschiedener Expeditionsanbieter. Jede hat eigene Sanitäranlagen – Plumsklo, Duschkabine oder kombinierter WC/Waschcontainer. Die Großzelte sind entweder zu viert oder acht im Doppelstockbett nutzbar. Da Seb, Ben, Ralph und ich bereits ein gutes Vierergespann im Refugio waren, ist die Aufteilung schnell gefunden. Das ist mir sehr lieb, denn Andreas fällt seit dem ersten Kennenlernen nur noch mit unschönen Äußerungen auf, die ich nach 3 Tagen bereits nur noch mit sarkastischen Kommentaren quittieren kann. Den Rest des Tages verbringt jeder individuell mit spazieren gehen, lesen oder einfach nur chillen.
In der Nacht haben wir im Zelt um 0°C, trotzdem haben alle gut geschlafen. Draußen wird es hell und so langsam kommt Bewegung im Camp auf. Bereits 7:00 Uhr (Andreas – kein Frühaufsteher – nur unter großem Protest) sitzen wir gemeinsam beim Frühstück. Heute unternehmen wir eine Akklimatisierungstour zur Südwand des Aconcagua. Um 7:40 Uhr gehen wir los und schon nach kurzer Zeit fällt die Gruppe weit auseinander und mir wird klar, dass nicht alle das Tagesziel erreichen werden. Ich merke, dass es bei mir gut läuft und so kommen Ralph und ich nach ca. 2,5 Std. Gehzeit am Mirador Francia an. Das zweite, schnell gefundene Team Daniel und Steffen sind 15 min nach uns da. Der Rest trudelt nach und nach ein. Nach einer längeren Pause, vielen Fotos sowie einem Showflug mit der Drohne und tollen Videos daraus, begeben sich alle bis auf Ralph, Andreas und ich auf den Rückweg. Wir gehen noch weiter bis zur Plaza Francia, nach ca. 1h sind wir am Ziel. Viel Zeit für eine Pause ist nicht, da wir um 18 Uhr einen Termin zum Gesundheitscheck beim Lagerarzt haben und vorher noch Erholungszeit brauchen, um einen vernünftigen Ruhepuls vorweisen zu können. Da habe ich für mich im Moment keine Bedenken,
trotz der Höhe ist mein Ruhepuls noch ziemlich weit unten – 48 Schläge…
Auch auf den Rückweg kommen wir zügig voran und erreichen 16:00 Uhr das Camp. Nach einer Katzenwäsche sitzen wir zusammen, füllen unsere fehlende Flüssigkeit wieder auf und genießen den vorbereiteten leckeren Imbiss aus Obst und Fingerfood. Trotz der wenigen Möglichkeiten zaubert der Koch allerlei Leckeres. 18:00 Uhr gehen wir zum Camp-Arzt. Unsere Werte (Sauerstoffgehalt, Puls, Blutdruck usw.) sind weitestgehend in Ordnung, nur einige sollen aufgrund erhöhter Blutdruckwerte mehr trinken. Ich bin schon wieder grenzwertig mit meinem Sauerstoffgehalt – 81% in der 1. Messung sind eigentlich viel zu wenig, aber ich kenne das schon vom Nirekha. Ich überzeuge die Ärztin zu einem 2. Versuch und atme vorher mehrfach tief ein. Ein bisschen lässt sich das Oximeter ja manipulieren – siehe da, ich schaffe es auf 83% und bekomme die Freigabe. Nach einem guten Abendessen sind alle 22:00 Uhr im Zelt.
Am nächsten Tag geht es mit Tagesgepäck zum Basislager Plaza de Mulas auf 4370m Höhe. Es sind rund 18 km Wanderung durch das Horcones-Tal. Man „umläuft“ sozusagen den Fußbereich des Aconcagua auf dem Weg zur Nord-Westseite.
Der Weg hat es in sich, am Anfang geht es gleich 100 hm abwärts durch eine Schlucht und 180 hm wieder hinauf. Das noch spärlich vorhandene Grün soll sich bald in kahlen Fels, Gestein bzw. Geröll verwandeln. Auch heute zerfällt die Gruppe recht schnell, Daniel und Steffen stürmen vorweg, Ralph folgt ihnen … der „Wettkampf“ hat begonnen. Ich steh da etwas lächelnd daneben. Nach den ersten 8 km habe ich ein Motivationsproblem – die Strecke ist sehr staubig und ein wenig eintönig. Wenn mir nicht ab und zu die Drohne von hinten auflauern würde – Benjamin ist ein guter Pilot – oder der Transporthubschrauber im Tiefflug vorbeizieht, wäre es ein wenig langweilig.
Die Sonne brennt uns ins Gesicht. Nach einer gemeinsamen Rast verlieren wir vier tatsächlich im Tal den Weg! Wir müssen 2 tiefe Schluchten und mehrere Geröllhänge queren. Hier kommt niemals ein Muli lang – das war uns klar. Es ist nicht ganz ungefährlich, da das Gelände Steinschlag gefährdet ist. Richi erzählt uns später, dass wir den ursprünglichen alten Inkaweg gegangen sind. Die anderen 7 laufen entspannt den eigentlichen Weg zum Basislager, wir stoßen nach 4 km wieder zu ihnen. Auf dem letzten Kilometer müssen wir noch eine Steigung von 35% hinaufsteigen, für uns unproblematisch. Und kommt ein Muli-Transport entgegen, wir alle sind fasziniert, wie die Tiere mit den Lasten dieses steile Gelände durchlaufen. Dann eröffnet sich uns das Talende. Das Basislager liegt vor uns. Die Zelte der verschiedenen Expeditionsanbieter reihen sich aneinander. Unseres liegt schön zentral.
Am nächsten Tag ist Ruhetag. Wir frühstücken erst um 8:30 Uhr und dann hat jeder Zeit für sich. Wir sind uns recht schnell einig, einen gemeinsamen Spaziergang zum Gletscher Los Horcones zu unternehmen. Ein bisschen Bewegung und ein paar Höhenmeter sind gut für die Akklimatisierung. Peter ist ein kleiner Eigenbrötler und macht sich allein auf den Weg. Andreas ist wieder im Bett verschwunden, er mault ständig über das zu zeitige Aufstehen. Wir anderen ziehen gegen 10 Uhr los. Ralph hat wieder den Turbo eingeschaltet und stürmt vornweg. Da einige Unklarheit herrscht, wie man gut zum Gletscherfuß kommt, verlieren wir Ralph unterwegs. Der Rest der Trupp bleibt zusammen und wir suchen uns einen Weg durch die Steine. Die Gletscherformen sind einzigartig und wir verbringen viel Zeit mit Fotografieren. Auf dem Rückweg sammeln wir Ralph wieder ein.
Beim gemeinsamen Mittagessen besprechen wir die Taktik für die nächsten Tage – morgen steht der Mount Bonete (5032 hm) auf dem Programm – eine schöne Anpassungstour mit Weitblick. Richi informiert uns, dass im 1. Hochlager Plaza de Canada (5050 hm) kein Schnee vorhanden ist, dies hat zur Folge, dass man zusätzlich zur Ausrüstung, Zelt, Essen auch noch Wasser hinauf transportieren muss. Die Wettervorhersage für die nächste Woche, die wir im Basislager zur Verfügung gestellt bekommen, verheißt leider auch nicht so viel Gutes. Für unsere Tage in den Hochlagern wird ab dem 10. Dezember sehr viel Wind prognostiziert … wir müssen uns also etwas einfallen lassen…
31. Dezember 2022
Heute – 04.12. – steht also der Mt. Bonete auf dem Tagesplan. Morgens sind wir wieder frisch und erholt, so dass wir ca. 8:30 Uhr zur weiteren Akklimatisierungstour starten. Etwa ab dem ersten Drittel teilt sich die Gruppe, zwar kommen wir zur Rast noch mal zusammen, aber am Gipfel beträgt der Abstand vom ersten zum letzten Mann ca. eine halbe Stunde. Ralph und ich sind als erste gegen 11:30 Uhr oben, bald gefolgt von Steffen und Daniel. Peter, der in den ersten Tagen noch so fit wirkte, hat inzwischen stark abgebaut und Mühe mit der Höhe. Ziemlich erschöpft erreicht er als Letzter den Gipfel. Benjamin startet die Drohne. Wunderschöne Aufnahmen entstehen, die wir am Abend sehen dürfen. Hier sind wir unbeobachtet und keine Vögel sind am Himmel. Nach einer Stunde Pause beginnen wir mit dem Abstieg. Teilweise sind die Geröllfelder so steil, dass wir nur wie beim Skifahren hinabgleiten müssen. So sind wir recht schnell nach 2h wieder im Basislager. Ralph beschwert sich bei mir, dass ich im Abstieg immer so schnell weg bin. Wenn es eine Aussicht auf eine Dusche (15 Dollar) gibt, kann ich sehr sehr sehr schnell sein.
Am Nachmittag sortieren wir die Ausrüstung und bauen unsere Zelte probeweise auf, um alle Ausrüstungsteile zu testen. Es läuft sehr gut bei Ralph und mir, alles geht Hand in Hand – ich beglückwünsche mich innerlich zur richtigen Wahl des Bergpartners. Wieder auffällig wird Andreas, er bildet mit Peter ein Team. Bei ihnen funktioniert überhaupt nichts, Andreas hat keine Lust und das spürt man meilenweit. Alle anderen haben ihr Zelt schon wieder verpackt, die beiden noch immer nicht aufgebaut. Wir bieten unsere Hilfe an, diese wird großzügig abgelehnt. So sitzen wir schon gemütlich im Esszelt, ehe die beiden nach 1h auftauchen. Unsere Taktik für den nächsten Tag ist der Aufbau des Hochlagers in Nido de Cóndores auf 5560 Hm, das übliche 1. Hochlager in Plaza Canada (5050 Hm) lassen wir wegen des fehlenden Schnees zum Wasserbereiten aus. Außerdem wollen wir schon die erste Verpflegung hochtragen. Am Abend müssen wieder alle zum Lagerarzt, der 2. Gesundheitscheck steht an. Ich mache mir wegen meiner Sauerstoffsättigung doch etwas Gedanken, meine Garminuhr hatte mir in der Nacht 73% offeriert. Das reicht tatsächlich überhaupt nicht, gefühlt geht es mir aber blendend. Also beginne ich schon vor dem Hineingehen mit tiefen Atemzügen – es hilft, ich komme über 81% und habe damit die Freigabe zum Gipfelaufstieg.
Am 05.12. ist für uns um 9.00 Uhr Start, schwer bepackt und bei noch sehr kühlen Temperaturen gehen wir über einen steilen Hang hinauf, und eine Stunde später erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen. Wir kommen gut voran, wie nicht anders zu erwarten zerreißt die Gruppe erneut. Die Ersten – Ralph, Steffen, Daniel und ich – sind gegen 13:00 Uhr im Camp Nido de Condores und beginnen mit dem Zeltaufbau.
Der Wind geht ziemlich stark, wir müssen die Zelte mit Steinen im Inneren sichern. Wir kommen gut voran. Inzwischen sind auch Sebastian, Benjamin, Andreas und Frithjof angekommen. Flo und Peter sind nicht in Sicht. Entgegen der Absprache hat Andreas kein Zelt dabei und lagert seine Sachen erstmal bei uns. Nach gut 1,5h steigen wir wieder ins Basislager ab. Vor uns laufen 3 professionelle Träger (man kann sich auch Ausrüstung hochtragen lassen – 20 kg für 245 Dollar) und wir folgen ihnen. Sie kennen die schnellsten Wege und nach 1:30h sind wir schon wieder im Base Camp zurück.
Am nächsten Tag ist ein Ruhetag geplant und die weitere Taktik wird besprochen. Der Nikolaus kommt leider nicht vorbei, da unsere Schuhe vor Staub nur so strotzen. Die Wettervorhersage ist leider in den letzten beiden Tagen immer schlechter geworden. Ab Samstag, den 10.12. sind Sturmböen zwischen 80 km/h und 100 km/h für mehr als eine weitere Woche angekündigt. Dies ist alles nicht perfekt für unseren Gipfelsturm, bei den Geschwindigkeiten hält sich keiner auf den Beinen. Unser Zeitfenster schrumpft von 10 Tagen auf 3. Nach dem Frühstück treffen wir uns im Essenszelt und teilen das Equipment in unserem Team auf, damit jeder in etwa das gleiche Gewicht tragen muss. Ich bin erstaunt, welche Expeditionsnahrung wir bekommen – Wurst, Käse, Tee, Kaffee, Snacks und Brot aus Deutschland, allerdings sind die
Hauptmahlzeiten keine Gefrier- sondern Fertigmahlzeiten. Diese müssen im Wasserbad erwärmt und nicht, wie üblich, mit heißem Wasser aufgegossen werden. Außerdem wiegt eine Mahlzeit 500 g und nicht 160 g – für 5 Tage ist das ein Zusatzgewicht von 2 kg!! – nicht witzig. Ich bin echt sauer auf Diamir. Sie haben hier schon einiges nicht wirklich gut gemacht, aber das ist echt mau. In der Höhe zählt jedes Gramm. Am nächsten Tag wollen wir wieder nach Nido de Cóndores aufsteigen. Dort soll dann die weitere Vorgehensweise in Abhängigkeit von Wetter und unserem Fitnesszustand besprochen werden. Florian und Peter verkünden uns, dass sie an dieser Stelle aufgeben werden. Peter schafft es physisch nicht und bei Florian spielt die Psyche nicht mit – sehr schade. Ich erbe von
ihm Hand- und Fußwärmer – ein Segen, wie sich später noch zeigen wird.
Am 07.12. ist es soweit, nach einem entspannten Frühstück fühlen sich alle fit. 9:30 Uhr ist Abmarsch, wir kommen gut vorwärts. Eigentlich wollen wir alle zusammen bleiben, aber es differenziert sich doch wieder sehr schnell in 2 Gruppen. Der Aufstieg dauert diesmal wesentlich länger, wir kennen den Weg und geben uns Mühe, so energiesparend wie möglich aufzusteigen. 14:00 Uhr erreichen wir Camp Nido de Condores. Ralph und ich richten uns im Zelt ein, er geht Schnee holen.
Ich sitze im Kuppelzelt von Inka (dürfen wir zum Kochen nutzen, da es in unseren Vorzelten zu windig ist), habe inzwischen den Kocher in Gang gesetzt und schmelze Schnee. Für 1 Liter Wasser kochen braucht man ca. 30 min., nebenbei esse ich zwei Scheiben Vollkornbrot und Knackwurst, bis das Expeditionsessen warm ist. Es schmeckt grässlich. Draußen wird es stürmisch und sehr kalt. Die ersten Vorboten des angekündigten Wetterumschwungs mit Sturmböen sind da. Wir besprechen die Taktik für die nächsten 2 Tage. Es gibt zwei Optionen. Variante 1 – Aufstieg von Nido de Cóndores zum Gipfel – das sind 1402 Hm – machbar, aber man muss konditionell sehr gut sein und die Höhenanpassung muss stimmen. Dazu waren wir bisher zu wenig über 5000 Hm. Variante 2 – Aufstieg zum 2. Hochlager Plaza Colera (5970 m) – Notbiwak, um keine Zelte mitnehmen zu müssen und am Morgen zum Gipfel und Abstieg wieder bis Nido de Cóndores. Letzteres ist für unsere bisherige Höhenanpassung das Vernünftigste und für die meisten auch nur konditionell machbar. So also der Plan.
Die Nacht habe ich gut geschlafen, Ralph leider nicht – er hat erhebliche Kopfschmerzen und fühlt sich abgeschlagen – erste Anzeichen für Höhenkrankheit. Er ist sich nicht sicher, ob er bis zum Gipfel mitkommen wird. Fürs erste wird er mit nach Plaza Colera (5970 Hm) aufsteigen und dann sehen, wie es ihm geht. Wir frühstücken nach dem Sonnenaufgang gegen 9:00 Uhr und packen dann unsere Sachen. Die 400 Hm sind in 2,5h geschafft. Wir machen es uns dort im Kuppelzelt von Inka gemütlich, schmelzen Schnee und essen zeitig Abendessen. Ich habe mir zum Glück aus Deutschland zwei Mahlzeiten mitgebracht, die schmackhaft sind. Ralph und ich haben unser Nachtlager in der vorhandenen, leider verschneiten und vereisten Biwakschachtel gebaut, die anderen schlafen im Kuppelzelt. Wir wollen um 3:00 Uhr aufstehen und um 4:00 Uhr soll morgen früh Abmarsch sein. Bis zum Schlafen schmelzen wir genügend Schnee und befüllen unsere Thermoskannen für den nächsten Morgen und Tag. Nur einer nicht…
Die Nacht ist sch… kalt, aber trotzdem können Ralph und ich einigermaßen gut schlafen. Pünktlich um 4:00 Uhr sind alle bis auf Andreas abmarschbereit. Er muss noch Schnee schmelzen… inzwischen bekomme ich kalte Füße… Um 5:00 Uhr starten wir endlich. Zwei weitere Gruppen sind bereits vor uns losgegangen. Es ist eisig kalt – ca. minus 15-20°C. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird es gleich angenehmer. Wir sprechen kaum ein Wort, um mit unserer Kraft zu haushalten. So gehen wir mit kurzen Trinkpausen bis auf 6450 m (ehem. Camp Independencia). Dort legen wir 15 min. Pause ein, dann geht's weiter bergauf. Die Sonne ist extrem grell. Bereits hier ist zu sehen, wie viele Bergsteiger (ca. 35) diesen schönen Tag nutzen wollen. Einige von ihnen gehören mangels richtiger Ausrüstung mit Sicherheit nicht hierher an diesen Berg. Meine Füße sind trotz Aufstieg nicht wieder warm geworden und fühlen sich wie zwei Klumpen an. Ich hole die Fußwärmer raus und klebe sie unter meine Zehen. Bergschuhe aus- und wieder anziehen auf der Höhe ist nicht angenehm. Um 9:30 Uhr erreichen wir als erste Gruppe die Traverse, diese ist ca. 1 km lang und hat ca. 25% Steigung. Der teilweise nur 20-60 cm breite Pfad ist
stellenweise vereist an einem 45° Abhang. Richi empfiehlt das Anlegen der Steigeisen und eine weitere Pause, die ich und Ralph nicht brauchen. Also dürfen wir schon weiter gehen. Dass wir hier recht autark unterwegs sein dürfen, schätze ich sehr an Richi. Ich verzichte auf die Steigeisen, wenn man die Füße ordentlich setzt, geht's auch noch ohne. Nach weiteren 55 min. erreiche ich als Erste den Einstieg zur Canaleta. Mir ist nicht bewusst, wie schnell ich war, denn im Sonnenschein warte ich an den Cuevas auf meine Gruppe, die nächsten tauchen 30 min nach mir auf. Da ich so lange warten musste und meine Füße immer noch eiskalt sind, schickt mich Richi weiter, während die anderen Pause machen. Etwas unsicher bezüglich des Weges gehe ich von nun an 300hm und 60% Steigung über vereisten und teilweise mit Schnee zugewehten Fels. Immer wieder überlege ich, ob ich die Steigeisen anlegen sollte, wähle die Option aber ab, da es auch ohne noch geht. Bis ich vor einem vereisten Schneefeld stehe, welches ich queren muss. Der Kopf sagt, besser wäre mit, die Hände haben keine Lust, die Kälte beim Anziehen ohne dicke Daunenhandschuhe zu ertragen und die Füße wollen nicht stehenbleiben. Wieder
anlaufen ist zu anstrengend. Olafs Spruch vom Mont Blanc im Sommer fällt mir immer wieder ein, als wir alles seilfrei auch über den Bossesgrat gegangen sind – „Pass auf Deine Füße auf, sonst bist Du tot.“ Mach' ich, Olaf und gehe ohne weiter… Mit der Höhe habe ich überhaupt kein Problem, solange ich gleichmäßig laufe. 50 Hm unter dem Gipfel siegt dann doch die Vernunft und ich lege meine Steigeisen an. So gehe ich weiter zum Gipfel, den ich um 12:21 Uhr erreiche.
Der Ausblick ist überwältigend. Ich bin ganz allein hier oben. Nur der Wind rauscht. Nach einigen Selfies am Gipfelkreuz gehe ich auf dem Plateau in Richtung der Südwand des Aconcagua. Vom Plaza Francia war sie ja schon beeindruckend, aber von hier oben ist sie unbeschreiblich schön. Mein erster Gedanke beim Anblick – ich will sie über die Messnerroute, die gut sichtbar ist, klettern. Verrückt!
Dann suche ich einige schöne kleine Steine aus, die ich meinen Kindern und Peter mitbringen will. Nach 20 min erscheinen zwei weitere Bergsteiger – es ist der Amerikaner Dan (34) und sein Bergführer Rodrigo. Ich kenne beide aus dem Basislager, er ist ein lustiger Zeitgenosse und immer gut gelaunt. Auf dem Weg nach oben müssen wir sie am Camp Independencia überholt haben. Wir fallen uns in die Arme und Dan gratuliert mir überschwänglich. Er wird dafür sorgen, dass die Kunde von unserem Gipfelerfolg noch am gleichen Tag das Basislager erreicht und ich bei Ankunft im Basislager mit großen Hallo empfangen werde. Der Satz „you are very very strong“ wird mich von nun an bis Mendoza begleiten.
Ich fühle mich gut und warte bis Ralph, Steffen, Andreas, Richi und Daniel den Gipfel um 12:59 Uhr erreichen. Ralph und Daniel sind ziemlich fertig. Ralph hat kalte Hände und als er die Handschuhe auszieht, sieht es nicht gut aus. Alle Finger sind im Bereich der Fingerkuppen bis zum ersten Gelenk leicht bläulich. Richi schickt uns sofort in den Abstieg. Im Camp Plaza Colera (5970hm) soll ein Arzt sein. Ralph ist im Abstieg sehr schwankend unterwegs, Daniel hilft mir, ihn heil über die Canaletta zu bringen. Unterwegs treffen wir Frithjof, Benjamin und Sebastian – sie sind noch am Aufsteigen. Zeitlich liegen sie noch vor dem vorgegebenen Umkehrzeitpunkt, sie erreichen ebenfalls an diesem Tag den Gipfel. Dann bin ich wieder etwas schneller (will in Colera Wasser für Ralph kochen), Daniel bleibt bei Ralph.
Gegen 15:30 Uhr erreichen wir das Hochlager Plaza Colera und nehmen unsere restliche Ausrüstung (Schlafsack, Isomatte, etc.) auf. Ein Arzt ist nicht anwesend, aber auch ein konsultierter Bergführer macht ein besorgtes Gesicht. Wir sollen so schnell wie möglich absteigen, die Fingerkuppen von Ralph sind inzwischen tiefblau. Also stürmen wir – soweit man das nach 11h am Berg noch so nennen kann – ins Tal zu unseren Zelten im Camp Nido de Cóndores (5560hm). Auf dem weiteren Weg muss ich Ralph immer wieder animieren, etwas zu essen und zu trinken. Er schwankt mir zu viel. Dort angekommen, wird auch hier sofort zum weiteren Abstieg ins Basislager geraten. Also packen wir die restlichen Sachen von Ralph und nach 30min muss er in Begleitung eines Bergführers auch noch die weiteren 1100 Hm (er ist an diesem Tag 900 Hm aufgestiegen und 2600 Hm abgestiegen) ins Basislager gehen. Später erfahren wir, dass er 30 min nach Ankunft dort bereits direkt nach Mendoza ausgeflogen wird. Einen Tag später sitzt er im Flieger nach Deutschland und anschließend im Krankenhaus. Trotz relativ zügiger Behandlung wird er 2 Fingerkuppen verlieren.
Ich bleibe also allein im Zelt in Nido de Cóndores und bereite mein Abendessen und koche mir Tee. Viel essen kann ich nicht mehr, der Tag hat schon viel Kraft gekostet. Meine Füße sind immer noch kalt und ich versuche, etwas Leben in meine weißen Zehen zu bekommen. Die Nacht wird die schlechteste, die ich hier am Berg hatte. Am nächsten Morgen steigen wir nach Sonnenaufgang ins Basislager ab. Meine Zehen sind immer noch taub und rot – auch ich verlasse diesen Berg nicht ganz unbeschadet, allerdings zum Glück nur Erfrierungen 1. Grades, die verheilen in den nächsten 6 Monaten. Ich lasse mir viel Zeit beim Abstieg, um mich so langsam zu verabschieden. Mit diesem Berg geht auch meine Zeit in Südamerika zu Ende. Mein Herz wird mir schwer…
Im Basislager komme ich als letzte von uns an, die Männer sitzen schon beim Gipfelbier. Sofia und Valentina, die Betreuerinnen von Inka Expeditiones, veranstalten ein großes Hallo. Ich werde geherzt und gedrückt. Sie erzählen mir, dass Dan noch am Gipfeltag bis ins Basislager gekommen ist und verkündet hat, dass ich die Erste an diesem Tag auf dem Gipfel war. Wir sitzen lange in der Sonne und genießen unseren Erfolg. Auch eine der wichtigsten Erledigungen ist absolviert – der „Puh“-Bag ist abgegeben. Am nächsten Tag steht die lange Wanderung durchs Horconestal – 26km – bis zum Ausgang des Nationalparks an. Deswegen gehen wir recht zeitig ins Bett. Meine Gedanken sind oft bei Ralph und ich hoffe immer noch, dass es glimpflich für ihn ausgeht.
Die letzte Wanderung am 11.12. wird wie erwartet kein Zuckerschlecken. Meine Zehen brennen und es fühlt sich an, als hätte man zu enge Schuhe an. Aber tapfer laufe ich immer weiter – fokussiert bleiben und einen Fuß vor den anderen – das kann ich ganz gut. Im Camp Confluencia bekommen wir unerwartet noch einen Pausensnack und gehen gestärkt die letzten Kilometer ins Tal.
Um 16:00 Uhr werden wir mit dem Bus zum Mulistützpunkt gefahren und warten noch fast 2h auf unsere Ausrüstung. Dann geht's 3h weiter nach Mendoza ins Hotel mit einem Zwischenstopp im Grillrestaurant. Müde, erschöpft und glücklich falle ich ins Hotelbett. Jetzt bleiben mir noch 6 Tage, um die Umgebung von Mendoza zu erkunden.
27. März 2023
Nach der Rückkehr nach Mendoza am 11.12. Abends bleiben mir noch 6 volle Tage, ehe ich nach Deutschland zurück muss. Meine 9 Monate Sabbatical gehen zu Ende und es fühlt sich an, als wäre ich erst gestern nach Buenos Aires aufgebrochen…
Doch erstmal genieße ich mein Bett im Hotel, frisch gewaschene Kleidung und ein ausgiebiges Frühstück. Der Temperaturunterschied zu den Bergen macht mir zu schaffen – immerhin 30 Grad im Schatten und gleißender Sonnenschein – so gar nicht meine Welt. Am Abend treffen wir uns alle zum offiziellen Abschiedsessen. In den nächsten Tagen werden wir zu unterschiedlichen Zeitpunkten in die Heimat zurückkehren – wir sind ja 5 Tage vorzeitig auf dem Gipfel gewesen und wer will und einen Platz ergattert, kann seinen Flug vorverlegen. Ich bleibe noch bis zum 18.12., alle anderen fliegen am 15.12. zurück.
Am 13.12.2022 treffen wir uns alle auf der Partymeile, um gemeinsam das Halbfinale der WM zu schauen. Glücklicherweise gewinnen die Argentinier gegen Kroatien 3:0 und wir feiern mit ihnen bis zum Morgengrauen. Hier geht so richtig die Post ab…
Für die letzten Tage muss ich mir noch eine Unterkunft organisieren, da wir ja eigentlich noch am Berg sein sollten. Ich finde ein kleines Appartement im Zentrum – sehr gemütlich. Als allerdings ein Gewitter die Stadt in einen mehrstündigen Stromausfall trieb, war mir schon ein wenig mulmig…
So habe ich viel Zeit, Mendoza zu erkunden und die umliegenden Weingüter zur Weinverkostung zu besuchen. Mendozas Weingüter sind sehr sehenswert und der Wein mundet …
Auch das Museum für moderne Kunst fasziniert mich. Viel mehr gibt es schon nicht zu sehen, die Parkanlagen sind sehr gemütlich und ich verbringe viel Zeit mit Lesen im Schatten alter Bäume…
Auch für einige Wanderungen im nahegelegenen Naturreservat ist etwas Zeit. Allerdings sind die Temperaturen nicht wandergeeignet und zu wenig Schatten macht es anstrengender als die Aconcagua-Besteigung.
Meine Heimreise nach Deutschland gestaltet sich als kleine Weltreise. Aus Kostengründen fliege ich über Santiago de Chile und habe dort über Nacht 15h Aufenthalt. Dank Daniel weiß ich nun, dass man sich auch in die Fluglinienlounge einkaufen kann und ich ergattere ein Bett. So muss ich nicht auf meinem Gepäck in der Abflughalle nächtigen.
Am nächsten Tag nach einem ausgiebigen Frühstück soll unser Flieger mit Beginn der Fußball-WM um 14 Uhr nach Madrid starten. Wie von Zauberhand ist aber unsere Crew – der Pilot und Co-Pilot nicht auffindbar … so schauen wir über die überall installierten Großleinwände entspannt das Endspiel. Mit dem Schlusspfiff erscheint dann unsere Crew – ein Schelm, wer Böses dabei denkt 🤭
Trotz pünktlicher Landung in Frankfurt am Abend des 19.12. verpasse ich den letzten ICE nach Leipzig – die Bahn ist wieder mal so kurz vor Weihnachten völlig überlastet und mein Zug ist verspätet. Damit sind auch die Anschlüsse in Fulda und Erfurt weg – mit dem Regionalexpress bin ich nachts um 2:30 Uhr dann endlich in Leipzig. Zum Glück steht Martin bereit und holt mich ab. So geht mein Abenteuer mit einem Wehmutstropfen zu Ende.
Vor den nächsten Tagen und Wochen habe ich ein wenig Bammel – bis zum 31.01.2023 muss ich die Wohnung meiner Mama auflösen und am 02.01.2023 geht mein Job wieder los. Eine Menge Arbeit rollt auf mich zu … aber erstmal kommt nun Weihnachten … ein bisschen Weihnachtsstimmung kommt durch den Besuch des Weihnachtsmarktes und ein paar Konzerte schon noch auf.
Nach nun 3 Monaten wieder in Deutschland bin ich hart in der Realität aufgeschlagen. Wirklich hier bin ich noch nicht, alle erforderlichen Dinge für meine Mutter sind zwar geregelt, aber jede Woche ereilen mich neue Hiobsbotschaften. Irgendwie bekomme ich es schon hin…
Habe mich entschieden, meinen Reiseblog weiterzuführen, nachdem ich so viel positives Feedback bekommen habe. Denn auch dieses Jahr wird es einige Touren geben. Danke an alle, die mir in den letzten Wochen zur Seite gestanden haben – ihr seid wunderbar.